Daniel Böhm, Manager des Fußball-Regionalligisten VSG Altglienicke, auf der Willi-Sänger-Sportanlage in Berlin-Baumschulenweg.
Foto: Berliner Zeitung/Volkmar Otto

BerlinDaniel Böhm biegt durch das Eingangstor der Willi-Sänger-Sportanlage in Berlin-Baumschulenweg: grauer Ferrari, Cabrio, Sportausführung, gelbe Bremssättel. Der Manager der VSG Altglienicke steigt aus, Kaffeebecher in der Hand, Sonnenbrille auf der Nase. Ein Jeanstyp mit Turnschuhen in Camouflage-Muster. Auf dem Fußballrasen spritzen vier Rasensprenger in weiten Kreisen Wasser auf das sattgrüne Gras. Hier ist die neue Heimat des Regionalliga-Teams der VSG Altglienicke. An der Köpenicker Landstraße soll bald das neue Stadion für den Tabellenführer der Regionalliga Nordost entstehen.

Böhm nimmt sofort Fahrt auf, von null auf hundert in 2,8 Sekunden: „Hier“, sagt er und zeigt auf die Stufen, die von Unkraut überwuchert sind, „kommen die L-Steine hin. Das hat Union auch. Wir wollen in der Mitte den Sitzplatzbereich machen, rechts und links kommen die Stehplätze hin.“ Dirk Thieme, der Stadion-Architekt der Alten Försterei, hat das Stadion in Treptow geplant. Der Bauantrag steht kurz vor der Unterschrift. „Eine Katasterunterlage fehlt noch, das ist mit Corona liegen geblieben“, sagt Böhm.

Corona hat vieles zum Stillstand gebracht. Auch den Regionalliga-Fußball. Als Tabellenführer befindet sich die VSG Altglienicke seit Wochen im Vakuum, Planen ist schwierig. Noch ist nicht klar: Wird die Saison abgebrochen? Bekommt das Team von Trainer Karsten Heine und Torsten Mattuschka die Chance zum Aufstieg in die Dritte Liga? Zieht Lok Leipzig als Tabellenzweiter mit gleicher Punktzahl und einem Spiel weniger aufgrund der Quotientenregelung an der VSG vorbei? Setzt sich die Idee des Tabellendritten Energie Cottbus (45 Punkte) durch, der ein Viererturnier zur Ermittlung des Aufstiegsaspiranten vorgeschlagen hat? Der Nordostdeutsche Fußballverband (NOFV) will an diesem Freitag über all diese Fragen entscheiden.

Böhm ist gespannt. Dass die VSG ganz vorne mitmischt, war nicht geplant. Einstelliger Tabellenplatz hieß das Ziel. „Wir kommen ja wirklich von weit unten, eigentlich aus der Kreisliga“, sagt der 43-Jährige. Aber warum nicht die Chance am Schopf packen? Wie entscheidet der NOFV? „Es gibt da keinen Königsweg. Ich verstehe die Argumentation von Leipzig, ich verstehe die von Cottbus, die allerdings ein bisschen weniger. Was außer Acht gelassen wird, ist unsere Argumentation: Wir sind Herbstmeister, wir sind Tabellenführer. Wir können nichts dafür, dass Leipzig das Spiel beim BAK, der besten Rückrunden-Mannschaft, nicht mehr angetreten hat. Aber es kann niemand was dafür“, meint Böhm, „das Gerechteste aus meiner Sicht wäre ein Spiel gegen Leipzig um Tabellenplatz eins.“

Im NOFV tendiert man offenbar zur Quotientenregelung. Allerdings ist die Staffel Nordost die einzige Liga, in der durch diese Regelung Platz eins und zwei tauschen müssten. „Der Regionalliga-Nord-Verband hat die Quotientenregelung beschlossen, was völliger Schwachsinn ist, weil sie gar nicht benutzt werden musste. Lübeck hatte sechs Punkte Vorsprung. Aber ich vermute, der NOFV entscheidet sich für die Quotientenregel nach dem Motto: Der Norden hat’s gemacht, wir also auch.“

Böhm schaut auf den Rasen, auf dem sich die Sprenger mit dem leisen Wassersprühzischen weiterdrehen. Normalerweise trainieren seine Fußballer täglich auf diesem Platz. Sie essen drüben beim Wirt im Tennisheim der Treptower Teufel, im Gebäude hat die VSG Trainerbüros sowie einen Physio-Raum eingerichtet. Nun hat Böhm die Spieler in Kurzarbeit geschickt. Er betreibt zwei Baufirmen, die nicht unter der Corona-Krise leiden, und eine Veranstaltungsfirma, die derzeit nichts veranstalten kann. Er muss überall kalkulieren.

Und er ist gespannt, was mit den Drittliga-Vereinen geschieht. Mit den Traditionsklubs, die viele Zuschauer haben. Die VSG Altglienicke hatte zuletzt, ausgelagert im Jahn-Sportpark, 405 im Schnitt, weil der Weg von Altglienicke nach Prenzlauer Berg für viele Fans viel zu weit ist. „In dem Fall haben wir mal Glück, dass wir nicht so viele Zuschauer und die nicht so sehr im Etat drin haben. Wenn wir bis Oktober, November, vielleicht Dezember ohne Zuschauer spielen, möchte ich sowieso mal sehen, was passiert.“

Alles Mögliche ist möglich. Deshalb hat die VSG im Februar die Lizenz für die Dritte Liga eingereicht. „Wir sind nicht Rödinghausen, die das für sich sicher richtig machen, und sagen: Schön, dass wir Erster im Westen sind, aber aufsteigen wollen wir nicht. Ich möchte, selbst wenn wir jetzt nicht aufsteigen, rausgehen und sagen, Altglienicke hätte die Drittliga-Lizenz bekommen. Alle wirtschaftlichen Aspekte haben wir erfüllt. Altglienicke meint das ernst. Außerdem hat Leipzig die Lizenz ja auch noch nicht.“

Offen war für die Lizenzerteilung bislang die Stadionfrage, da die Arena im Jahn-Sportpark in Prenzlauer Berg Ende des Jahres abgerissen wird. Für die Hinrunde bleibt das Jahn-Stadion in Liga drei oder vier weiterhin Heimspielstätte der VSG. Bleibt sie Regionalligist, spielt sie die Rückrunde in Herthas Amateurstadion. Steigt sie auf, könnte das Poststadion zur Rückrunden-Heimspielstätte werden, dort soll Ende des Jahres eine Flutlichtanlage gebaut werden, allerdings nur mit 400 Lux, nicht mit 800, wie es für die Dritte Liga nötig wäre.

Daher hilft jetzt der 1. FC Union dem Nachbarklub. Vorige Woche traf sich Böhm mit Union-Präsident Dirk Zingler. Der sicherte dem VSG-Boss zu,  die VSG könne im Fall des Drittliga-Aufstiegs in der Rückrunde die Alte Försterei für Flutlichtspiele nutzen. „Das freut mich natürlich sehr“, sagt Böhm. „Ich denke dass wir uns in Sachen Miete einigen, zumal die Dritte Liga ja attraktive Gegner hat. Wenn wir in der Försterei spielen, würden vielleicht auch Union-Anhänger kommen, die für die Erste Liga keine Karten mehr bekommen haben.“

Wir bemühen uns, beim Bezirk die Co-Finanzierung zu bekommen, nur dann aktiviert sich die vom Bund.

Daniel Böhm

Diese Saison böte ein Schlupfloch in die Dritte Liga, auch wenn noch ein Aufstiegsduell, nach jetzigem Stand mit dem SC Verl aus der Regionalliga-West anstünde. Kommende Saison könnten sich Drittliga-Klubs wie Jena, Magdeburg, Halle oder Zwickau in der Regionalliga Nordost wiederfinden – in Konkurrenz zur VSG Altglienicke, die ab der Saison 2021/22 an der Köpenicker Landstraße in ihren Bezirk zurückkehren will. 

Böhm hat sich mittlerweile auf die überdachte Trainerbank der Willi-Sänger-Sportanlage gesetzt. Darunter wachsen Sauerampfer, Gräser, Butterblumen. Der Haushaltsausschuss des Bundes hat im März 1,3 Millionen Euro für den Umbau des Stadions bereitgestellt, 45 Prozent der Finanzierung. „Wir bemühen uns, beim Bezirk die Co-Finanzierung zu bekommen, nur dann aktiviert sich die vom Bund“, sagt Böhm. „Da müssen wir jetzt sehen, ob die übrigen 55 Prozent gestellt werden oder ob wir auch einen Eigenanteil reinbringen.“

Bislang trainieren der FC Treptow und die SG Grün-Weiß Baumschulenweg auf der Anlage. Die VSG Altglienicke plant eine Kinder-Fußballschule auf dem Gelände, ein Projekt mit Torsten Mattuschka. Sport-Stadträtin Cornelia Flader unterstütze die Pläne, eigentlich alle Parteien, auch Sport-Staatssekretär Aleksander Dzembritzki sagt Böhm: „Es ist ja schön, wenn hier der Ostflair wegkommt. Du wertest ja den ganzen Bezirk auf.“