Berlin - Ireen Wüst sprang mit einem großen Satz auf das Podest in der Pekinger Eisschnelllauf-Halle, wieder und wieder riss sie nach dem Lauf in die olympischen Rekordbücher die Arme in die Höhe. „Es ist schwer, die richtigen Worte zu finden. Es ist sehr emotional, ich habe es noch nicht realisiert. Es ist verrückt“, sagte Wüst, die nach dem Sieg im 1500-Meter-Rennen nun bei fünf verschiedenen Winterspielen Gold gewonnen hat. Das war vor ihr noch niemandem gelungen.

Wüst ließ mit dem olympischen Rekord von 1:53,28 Minuten die Japanerin Miho Takagi (1:53,72) und ihre Teamkollegin Antoinette de Jong (1:54,82) hinter sich. Die meistdekorierte Olympionikin ihres Landes feierte ihren sechsten Olympiasieg im Eisschnelllauf und die zwölfte Medaille (6/5/1) insgesamt. Schon 2006 in Turin hatte sie Gold gewonnen, damals über 3000 Meter.

Die einzige deutsche Starterin, Michelle Uhrig, hatte wie erwartet nichts mit der Entscheidung zu tun. Die 26-Jährige aus Berlin belegte in 2:00,20 Minuten den 25. Rang. „Ich bin mega-zufrieden. Es ist alles gut gelaufen“, sagte Uhrig, die sich nach einem Fahrradunfall im Jahr 2020 lange zurückkämpfen musste: „Meine letzte Operation an beiden Knien ist erst zehn Monate her. Viele haben nicht daran geglaubt, dass ich hier starte. Dass ich jetzt noch einen guten Lauf hatte, lässt mich doppelt jubeln.“ Uhrig läuft zum Abschluss der Eisschnelllauf-Wettbewerbe am 19. Februar noch den Massenstart. Am Dienstag steht das 1500-Meter-Rennen der Männer auf dem Programm. Deutsche Eisschnellläufer sind nicht qualifiziert.

Für Ireen Wüst gehen die Spiele in Peking hingegen weiter. Im Ranking der erfolgreichsten Winter-Olympioniken hat sie sich allerdings schon auf den vierten Platz vorgeschoben. Bei den Frauen war nur die norwegische Skilangläuferin Marit Björgen (8/4/3) erfolgreicher. Eine weitere Medaille könnte für Wüst im 1000-Meter-Lauf hinzukommen.

Zu Gold bei sechs Olympischen Winterspielen wird es derweil nicht kommen – auch wenn ihr das sportlich zuzutrauen wäre. Wüst macht Schluss. Beim Weltcup-Finale in Heerenveen (12. bis 13. März) will sie über 1500 Meter den letzten Wettkampf ihrer Erfolgskarriere bestreiten.

Und dann? Wüst möchte studieren, interessiert sich für Psychomotorik. In anderen Bereichen abseits der Eisbahn engagiert sie sich schon jetzt. Wüst ist Mitbegründerin einer Stiftung, die Mittel für die Lungenkrebs-Forschung sammelt. Benannt ist diese nach ihrer engen Freundin Paulien van Deutekom, die der tückischen Krankheit 2019 mit nur 37 Jahren erlag. Für Wüst war es ein einschneidendes Erlebnis. „Früher habe ich mich stets auf langfristige Ziele konzentriert, etwa Goldmedaillen oder WM-Titel“, sagte Wüst: „Jetzt genieße ich den Weg dorthin deutlich bewusster.“