Sprinterin Gina Lückenkemper nutzt ihre Popularität als Stimme der Athleten

Die Doppeleuropameisterin des SCC Berlin wird Deutschlands Sportlerin des Jahres 2022 – und lässt eine Weltmeisterin und eine Doppelolympiasiegerin hinter sich.

Sprinterin Gina Lückenkemper schaut bei der Sportler-des-Jahres-Gala in Baden-Baden sich selbst beim Rennen zu.
Sprinterin Gina Lückenkemper schaut bei der Sportler-des-Jahres-Gala in Baden-Baden sich selbst beim Rennen zu.dpa/Uwe Anspach

Olympia? Gab’s 2022 im Schnee von Peking – mit zwölf Goldmedaillen für Deutschlands Athleten. Zu neun Olympiasiegen sausten die Sportler im Eiskanal von Yanqing. Aber alle wurden bei der Sportler-des-Jahres-Wahl überholt: von Gina Lückenkemper, der schnellsten Frau Europas.

Dass die Sprinterin vom SCC Berlin von den Sportjournalisten mehr Stimmen bekam als Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo und vor allem Rodel-Doppelolympiasiegerin Natalie Geisenberger, ist ungewöhnlich, hat aber wohl einerseits mit der Magie der sommerlichen European Championships von München zu tun. Und andererseits mit der Geschichte, die Lückenkemper auf die Bahn des dortigen Olympiastadions nagelte.

Sie rannte 10,99 Sekunden im Scheinwerferlicht. Wie immer kam die 26-Jährige nicht schnell aus dem Startblock. Aber dann beschleunigte sie, warf sich über die Ziellinie, stürzte – und gewann im Foto-Finish. Ihr 100-Meter-Lauf und das Danach riss die Menschen mit. Lückenkemper war so voller Adrenalin, dass sie von ihrer Fleischwunde gar nichts merkte, die sie sich beim Sturz zugezogen hatte und die mit acht Stichen genäht werden musste.

Lückenkemper liebt das Rampenlicht. In München ließ sie sich von der Atmosphäre tragen. Dieses Gefühl wollte sie noch mal erleben. So startete sie erneut und gewann – trotz Verletzung – mit der 4x100-m-Staffel das zweite EM-Gold.

2018 war sie in Berlin bereits EM-Zweite. Als sie am Jahresende einen neuen Verein suchte, wechselte sie zum SCC und übernahm nicht nur dort, sondern in der gesamten Leichtathletik die Rolle als Stimme der Athleten, die zuvor der Berliner Robert Harting ausgefüllt hatte. Zuletzt kritisierte sie die fehlende finanzielle Sicherheit, die vielen deutschen Sportlern das Gefühl gebe, als Halbprofis gegen Vollprofis anzutreten.

In München sagte sie: „Die EM hat gezeigt, was für ein unfassbares Potenzial die Leichtathletik eigentlich in unserem Land hat. Ich hoffe wirklich, dass wir in den kommenden Jahren noch ganz viel von dieser Euphorie mitnehmen können.“ In Sachen Nachhaltigkeit und Nutzung vorhandener Sportstätten sei München ein Paradebeispiel gewesen– auch für eine künftige deutsche Olympiabewerbung, wobei sich dafür allerdings noch einiges verändern müsse. Ihren nächsten Auftritt hat Lückenkemper, die inzwischen in Florida trainiert, wieder in Berlin: am 10. Februar 2023 beim Istaf-Indoor.