Waldemar Cierpinski vor einem Foto, das ihn beim Olympiasieg 1976 in Montreal zeigt.
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Halle/SaaleWaldemar Cierpinski ist derzeit selten als Freizeitläufer unterwegs – obwohl das schnelle Laufen sein Leben prägte. Den 69-Jährigen, schlank und rank wie eh und je, kann man in Halle/Saale auf dem Fahrrad beobachten, wenn er mit Paketen, in denen Laufschuhe verpackt sind, zu Kunden fährt. Die Coronakrise zwingt den Unternehmer, der mit seinem Sohn Falk, 41, seit 1990 ein 1 300 Quadratmeter großes Sportgeschäft in der Innenstadt von Halle betreibt, zu außergewöhnlichen Maßnahmen.

Waldemar Cierpinski, der 1976 in Montreal und 1980 in Moskau Olympiasieger im Marathon und zur Leichtathletik-Legende wurde, sagt: „Das Wichtigste, was ich als Marathon-Mann gelernt habe ist, dass es immer Licht am Ende des Tunnels gibt.“ Der große Unterschied zur aktuellen Situation ist aber gravierend: Als Athlet konnte sich Cierpinski auf die vielen Unwägbarkeiten auf den harten 42,195 Kilometern mental einstellen und intensiv trainieren. Die Coronakrise traf ihn und seine Familie heftig und unvorbereitet.

Ein hoher Kredit zum Überleben

Sohn Falk, einst auch ein guter Marathonläufer, führt den Laden, für den 17 000 Euro Monatsmiete fällig sind. „Eben Innenstadtpreise“, sagt Falk, „ziemlich hoch.“ Seit dem 9. März ist das Geschäft geschlossen, die Mitarbeiter befinden sich in Kurzarbeit. Falk Cierpinski sagt: „Wir werden einen hohen Kredit aufnehmen müssen, um zu überleben.“

Im Moment bieten die Cierpinskis über WhatsApp Beratungen an. Die Kunden sollen ihre Füße fotografieren und die Fotos zurückschicken. Danach erfolgt eine Auswahl an Schuhen, bei einem Kauf liefern die Marathonmänner die Ware persönlich ab. „Ich hoffe, dass wir es schaffen und alle anderen Betroffenen auch“, sagt Vater Cierpinski, der sich vorkommt wie bei einem unendlich langen Marathon, bei dem das Ziel noch nicht in Sichtweite ist.

In seinen Glanzzeiten als Athlet absolvierte Waldemar Cierpinski die Marathondistanz in 2:09,55 Stunden. Das ist seine persönliche Bestleistung, die er 1976 in Montreal aufstellte. Zuvor, im Frühjahr 1976, musste er in der DDR binnen sechs Wochen gleich zweimal die interne Olympianorm von 2:13 Stunden erfüllen. Erst kurz vor Olympia im Juli hatte er sich von diesen Strapazen erholt. In seiner unmittelbaren Vorbereitung orientierte er sich am US-Läufer Frank Shorter, der 1972 in München Gold geholt hatte. Shorter war seit zehn Läufen unbesiegt geblieben. „Der zermürbte stets die Konkurrenz mit plötzlichen Zwischenspurts“, weiß Cierpinski.

Als der Marathon am 31. Juli um 17.30 Uhr Ortszeit gestartet wurde, regnete es in Montreal. Wie erwartet zog Shorter nach 28 Kilometern das Tempo enorm an, nur Cierpinski konnte ihm folgen, überholte und lag ab Kilometer 34 allein vorn. Seine Kräfte waren fast am Ende, als er ins Stadion einlief. Es folgte ein Schock, weil eine Tafel anzeigte, dass er noch eine Stadionrunde laufen müsse. Er sah seinen Konkurrenten Shorter vor sich. Doch Cierpinski war eine Runde zu viel gelaufen, der Amerikaner wartete im Ziel, um ihm fair zum Sieg zu gratulieren. 55 Sekunden war Cierpinski schneller als Shorter.

Schon damals kommentierte Heinz Florian Oertel, der berühmteste Sportreporter der DDR, die olympischen Leichtathletik-Entscheidungen. Als Cierpinski kurz vor dem Ziel ins Stadion einlief, rief Oertel im Überschwang: „Wir springen mit ihm auf. Solche Leistungen, solche Sieger würdigen wir mit großem Respekt. Und wenn man steht, dann wird die Verbeugung tiefer. Sie sollten in Halle die Fenster aufreißen, sie sollten auf die Straße gehen. Das ist eine einmalige Leistung, das ist der große Held dieser Spiele.“

Cierpinski wurde mit einer Schiffsreise auf der „Völkerfreundschaft“ nach Kuba und 15 000 Ost-Mark belohnt. Und wollte schon seine Karriere ausklingen lassen, aber dann reizten ihn doch die Olympischen Spiele 1980 in Moskau. Und noch ein Ziel wollte er angehen: Wie der berühmte Äthiopier Bikila Abebe wollte er zweimal den olympischen Marathon gewinnen. Bikila hatte 1960 in Rom und 1964 in Tokio gesiegt. In Rom lief er sogar barfuß.

Serie

Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen. Serie, Teil 27: Waldemar Cierpinski

In Moskau galt Cierpinski als einer der Favoriten und er brütete lange über einer Überraschung: Er trainierte hart, um die Kilometer 35 bis 40 in 15 Minuten zu absolvieren. Tatsächlich schaffte es Cierpinski in 14:45 Minuten. Niemand war diesem Zwischenspurt gewachsen. Bei hochsommerlichen Temperaturen hatte der willensstarke Cierpinski im Ziel 17 Sekunden Vorsprung vor dem Silbermedaillengewinner Gerard Nijboer aus den Niederlanden.

Auf der Tribüne für die TV-Reporter saß wieder Oertel. Der rechnete nicht unbedingt mit einem erneuten Erfolg des Hallensers, der seit Montreal zwar einige Marathonläufe gewonnen hatte, aber auch Niederlagen einstecken musste. Als Oertel an jenem 1. August dabei war, den überraschenden Triumph des Schweriner Hochspringers Gerd Wessig zu feiern, der mit übersprungenen 2,36 Meter, einem neuen Weltrekord, Gold gewann, näherte sich Cierpinski dem ausverkauften Stadion.

Oertel erzählte später, dass er blitzschnell überlegte, welche originelle Reportage er bei einem Sieg von Cierpinski zelebrieren könnte: „Ich wollte etwas sagen, was sich abhebt von vielen lapidaren Sätzen.“ Oertel kamen Worte über die Lippen, die Kult wurden und Cierpinskis Popularität in ungeahnte Höhen trieb. Das ging so: „Man möchte sich an den Zeiger der Geschichte hängen, um die Uhren anzuhalten, weil die Größe dieses Augenblicks für eine Momentaufnahme viel zu schade ist“, rief Oertel ins Mikrofon: „Was hat dieser Mann geleistet? Der Sieger von Montreal auf dem Siegeskurs von Moskau. In Bikila Abebes Pfaden. Halles Waldemar Cierpinski. Liebe Zuschauer zu Hause, das ist ein einmaliger Triumph! Liebe junge Väter vielleicht, oder angehende, haben sie Mut! Nennen Sie ihre Neuankömmlinge des heutigen Tages ruhig Waldemar! Waldemar ist da!“

Empfang bei Japans Kaiser

Wie der Gefeierte später erzählte, war er zuerst nicht so glücklich mit dieser Reportage. Einen Boom des Namens Waldemar löste sie nicht aus, aber es gab wohl Familien, die dem Aufruf folgten. Als Cierpinski 14 Jahre nach Moskau anlässlich eines Marathons ins japanische Osaka eingeladen worden war, gehörte er zu den Gästen eines Empfangs beim Kaiser. Der stellte Cierpinski seiner Frau mit den Worten vor: „Das ist der Mann, nach dem in Deutschland die Söhne benannt werden.“

Oertel, 92, sagte dieser Tage am Telefon auf Nachfrage: „Es tut mir sehr leid, dass Waldemar in dieser Krise große Probleme mit seinem Sportgeschäft hat. Aber er ist ein Kämpfer, ein guter alter Kumpel. Ab und an ruft er mich an, immer an meinem Geburtstag.“ Und seine Reportage? Oertel: „Manchmal frage ich mich schon, wie ich damals auf diese Worte gekommen bin.“

Waldemar Cierpinskis Popularität gerade in Halle ist ungebrochen, aber auch sie schützt ihn im Moment nicht vor der Krise. Ausdauer ist weiter gefragt. Sohn Falk, dessen Bestleistung im Marathon bei 2:13,30 Stunden liegt – gut dreieinhalb Minuten langsamer als sein Vater – sagt trotz der Probleme noch etwas Positives: „Wir halten den Vater-Sohn-Weltrekord im Marathon! Den wird uns wohl kaum jemand nehmen.“