Waldemar Cierpinski mit Siegerpose vor einem überdimensionalen Foto von sich selbst.
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BerlinWer glaubt, dass der zweifache Marathon-Olympiasieger Waldemar Cierpinski, einer der bekanntesten Einwohner von Halle/Saale, noch immer in hohem Tempo durch die Straßen seiner Heimatstadt läuft, irrt sich. Der einstige Weltklasse-Athlet, der in seiner Karriere rund 250.000 Kilometer rannte und damit mehr als sechs Mal die Erde umrundete, feiert Anfang August seinen 70. Geburtstag. „Wer wie ich so viel in seinem Leben schnell gelaufen ist, der möchte auch einmal etwas anderes machen“, sagt Cierpinski. Zuletzt hat er zwei-, dreimal in der Woche Fußball gespielt, „was mir viel Spaß macht. Auch da ist es von Vorteil, wenn man schnell auf den Beinen ist.“

Zuletzt, als das Coronavirus zur mehr als vierwöchigen Schließung seines Sportgeschäftes in der Innenstadt von Halle führte, stieg der zähe Läufer oft aufs Fahrrad, um Laufschuhe direkt zu den Kunden zu bringen. Cierpinski, der mit seinem Sohn Falk, 41, den Laden betreibt, sagt: „Durch die Corona-Krise haben viele Leute das Laufen neu entdeckt. Dabei konnten sie sehr gut abschalten von den enormen Problemen des Alltags. Wir haben seit der Wiedereröffnung unseres Ladens viele Laufschuhe verkauft. Wir haben treue Kunden und spüren sehr viel Sympathie.“

Das ist kein Wunder. Wem sollte die immer größer werdende Gruppe der laufverrückten Männer und Frauen beim Sportschuhkauf vertrauen, wenn nicht dem Doppel-Olympiasieger, der 1976 in Montreal und vier Jahre später in Moskau der Konkurrenz davonlief?

Dabei wäre aus Cierpinski beinahe gar kein Läufer geworden. Seine Eltern flüchteten Anfang 1945 mit einem Treck aus Kobylin in Polen gen Westen und wurden in Neugattersleben heimisch, einem Dörfchen rund 30 Kilometer südlich von Magdeburg. Waldemar Cierpinski kam als Siebenjähriger in die Schule, die gut drei Kilometer vom Elternhaus entfernt lag. „Der Schulbus fuhr unregelmäßig und der Linienbus kostete 30 Pfennige, das war damals viel Geld für mich“, erinnert sich Cierpinski, „deshalb bin ich viel nach Hause gelaufen, habe mich oft umgedreht, ob ich schneller als der Bus bin. Das war mein erster Wettlauf, den ich meistens gewonnen habe.“

Es war der zarte Beginn der Liebe zum Laufen. „Mein Vater schickte mich aber zum Boxen. Später ging ich zum Turnen, parallel zur Leichtathletik. Die machte mir am meisten Spaß und ich blieb dort.“ Doch der Weg zum umjubelten Marathonläufer war lang. Als Zehnjähriger sah Cierpinski, wie der Äthiopier Abebe Bikila 1960 in Rom den Marathonlauf gewann. „Wir saßen bei einer befreundeten Familie, die einen kleinen Schwarz-Weiß- Fernseher hatte, zu Hause auf der Couch. Die Bilder waren beeindruckend, vor allem staunte ich, dass Bikila barfuß gelaufen war. Das war mein erster innerer Anstoß. Ich träumte von Olympia.“

Es folgten Schulwettkämpfe, Kreis-und Bezirksmeisterschaften und die Spartakiaden. Mit 16 holte Cierpinski Silber bei der Spartakiade über 7,5 Kilometer und hielt bald die DDR-Bestleistung unter den Jugendlichen. Er lief 2000 Meter Hindernis, später die 3000-Meter-Hindernisstrecke, die Kraft kostet. „Ich war dann viel verletzt und verlegte mich auf die 5000- und 10.000-Meter-Strecken“, so Cierpinski. Dort gehörte er bald zur DDR-Spitze. Olympia 1976 in Montreal rückte näher.

Doch Cierpinski besaß damals nicht die größte Lobby unter den Oberen des DDR-Sports. So lief er 1974 die 3000-m-Hindernis in starken achteinhalb Minuten, was den Funktionären zu langsam war. Für die Europameisterschaft in Rom bekam er kein Ticket. Die Enttäuschung war groß. Schon 1975 liebäugelte er mit dem Marathon, sah dort größere Chancen und startete „auf eigene Faust“ zum ersten Mal über die quälenden 42,195 Kilometer. Das passierte in Kosice, CSSR. Er schaffte sogar den dritten Platz und wusste: „Das wird meine Strecke! Ich fühlte mich wie im Rausch. Ich, der Neuling, war in 2:20:28 ins Ziel gekommen!“

Cierpinski stürzte sich fortan auf den Marathon. Um nach Montreal zu gelangen, musste er zweimal binnen sechs Wochen die anspruchsvolle Olympianorm des DDR-Verbandes schaffen. „Danach war ich total kaputt. Eigentlich war das eine Frechheit“, schimpft Cierpinski.

„Nennen Sie Ihre Neuankömmlinge ruhig Waldemar!“

Doch der Juli 1976 entschädigte für die unzähligen Trainingsstunden, Hunderte Kilometer, die er jede Woche zurückgelegt hatte, die Schmerzen unterwegs. „Der Marathon zum ersten Olympiasieg auf den Straßen von Montreal ist für mich mein größter und wichtigster Lauf“, sagt Cierpinski. „Moskau vier Jahre später war eine Zugabe.“ Dabei ist der Sieg in Moskau deutlicher im kollektiven Gedächtnis geblieben, weil Reporter-Legende Heinz Florian Oertel rief: „Liebe Zuschauer zu Hause, das ist ein einmaliger Triumph! Liebe junge Väter vielleicht, oder angehende, haben Sie Mut! Nennen Sie Ihre Neuankömmlinge des heutigen Tages ruhig Waldemar. Waldemar ist da!“

Cierpinski, schon lange mit Oertel befreundet, sagt: „Als ich in Kanada als Außenseiter gesiegt hatte, war mir die damalige Reportage von Florian Oertel lieber als die in Moskau. In Montreal rief er beim Endspurt: ‚Wir springen mit ihm auf. Solche Leistungen, solche Sieger würdigen wir mit großem Respekt. Und wenn man steht, wird die Verbeugung tiefer.‘“

Auf den regennassen Straßen von Montreal entwickelte sich ein Rennen in hohem Tempo. Favorit Frank Shorter aus den USA führte eine Spitzengruppe an. Bei Kilometer 28 zog Shorter das Tempo an, nur Cierpinski konnte mithalten. Zehn Kilometer vor dem Ziel hängte der Nobody in seinem erst fünften Marathon Shorter ab. „Doch als ich als Erster ins Stadion einlief, folgte ein Schock. Die Frauen der 4x400-m-Staffel liefen zur Siegerehrung gerade über die Bahn und ich sah auf einem Monitor flüchtig eine große 1. Also rannte ich noch eine Runde und im Ziel empfing mich Shorter, der Zweitplatzierte. Ich war eine Runde zu viel gelaufen!“ Seine Zeit: 2:09:55.

Was dachte er während der ellenlangen Strecke? Was ging ihn ihm vor? „Die ersten fünf bis zehn Kilometer ist man auf sich selbst konzentriert. Man fragt sich: Habe ich das richtige Tempo? Wie gut sind meine Beine? Und man will Kraft sparen. Man hält sich noch zurück“, antwortet Cierpinski. „In der zweiten Etappe beobachtet man verstärkt die Gegner: Wie geht deren Atem? Wie sind sie schon im Gesicht gezeichnet? Wer ist der stärkste Konkurrent? In der dritten Etappe, so ab Kilometer 30, benötigt man selbst noch mal eine kräftige Motivation, um durchzuhalten. Ich habe dann oft an früher gedacht, eine gedankliche Rückblende eingebaut und mir gesagt: Du quälst dich jetzt nicht umsonst. Du musst dich überwinden und kämpfen. Ich dachte an die vielen Glücksmomente, die mir das Laufen gebracht hatte.“

Cierpinski hat den Kampf gegen den inneren Schweinehund meist gewonnen. Nach Montreal wollte er aufhören mit dem Leistungssport. „Ich habe ein halbes Jahr überlegt. Doch dann kam Post von Fans – viele Wäschekörbe voll –, die wollten unbedingt, dass ich weitermache. Die wollten mich noch einmal bei Olympia siegen sehen und zu Hause jubeln.“

Cierpinski siegte tatsächlich in Moskau. Er ist bis zum heutigen Tag neben Abebe Bikila der einzige Athlet, der zweimal Olympiagold im Marathon errang.