Berlin - Dort an der Wand, das sind sie: acht Ruderer und ihr Steuermann, großformatig, schwarz-weiß, gerahmt. Kleine Schilder unter dem Foto nennen die Namen, erklären, wer wo sitzt in diesem schlanken Boot, dem Deutschlandachter, dem Bronzeachter von 1936 auf der olympischen Regattabahn in Berlin-Grünau. „Der Wikingachter“, sagt Matthias Herrmann und zeigt auf das Foto, das den Saal dominiert. Er sagt das stolz: „Wikingachter!“ Weil er ja der 1. Vorsitzende der RG Wiking ist und alle neun aus seinem Verein stammten.

Durch die Fenster im ersten Stock kann Herrmann den Teltowkanal sehen, der an dieser Stelle den Britzer Verbindungskanal kreuzt, wodurch ein kleiner See entsteht. Darüber spannt sich eine Brücke, die Autobahn. Und obwohl es grau und trübe ist an diesem Morgen, kann man sich vorstellen, wie sich gleich Bugspitzen in die Szenerie schieben, die zu Einern, Zweiern, Vierern wachsen. Dazu die Ruderer, die mit Skulls oder Riemen in Händen den Vorplatz bevölkern. So muss es zugehen am Bootshaus, wenn Trainingszeit ist. Im Moment ist Corona-Zeit.

Es ist also kein typischer Tag für die RG Wiking, aber was ist schon typisch für einen Sportverein, der gerade 125 Jahre alt geworden ist? Den sie „Der Winking“ nennen. Der zwei Weltkriege und die Teilung der Stadt überdauerte. Der einen Migrationshintergrund hat, von Ost nach West floh und nach der Wende der Stadtautobahn weichen musste, davon aber profitierte. Der aus einer Randlage ins Zentrum der Berliner Wasserstraßen rückte. „Wir sind immer Risiko gegangen“, sagt Matthias Herrmann als Antwort auf die Frage nach der Überlebensstrategie, „wir haben immer gesagt: Es funktioniert nur, wenn wir zusammenhalten. Und wir haben danach gehandelt.“

So sind sie alt geworden und jung geblieben. Und so haben sie bisher auch der Pandemie getrotzt – indem sie zusammenstehen. „Im vergangenen Jahr haben wir sogar ein kleines Plus bei den Mitgliedern gehabt“, sagt der Vorsitzende. Gerudert wird ja an frischer Luft. Im Einer, als Solist, lässt sich dieser Sport ohne Infektionsgefahr betreiben. „Wenn man im Dreier den Mittelplatz freilässt, hat man ohne Mühe den vorgeschriebenen Mindestabstand“, sagt Herrmann. Und als Familie in einem Boot ist es ohnehin kein Problem, die Verordnung einzuhalten.

Wirtschaftliches Zentrum nach der Wende

Abstand und Frischluft sind ein Grund für das Wachstum in Krisenzeiten. Ein anderer die zentrale Lage: Neukölln. Kreuzberg ist nah, Friedrichshain auch. Dorthin zieht es Zugereiste, die, wenn sie den Stadtplan nach einer neuen sportlichen Heimat absuchen, an der Kanalkreuzung fündig werden. 

Aus dem umliegenden Gewerbegebiet kommen ebenfalls Wikinger. „Einmal in der Woche, morgens um 7 Uhr, treffen sie sich zu Ausfahrten im Achter. Wir nennen das Firmen-Rudern“, sagt Herrmann. Und wieder schwingt Stolz mit, als er sagt: „Unter den Firmen-Ruderern sind zahlreiche Entscheider.“ Nach der Wende ist ein wirtschaftliches Zentrum um das Bootshaus gewachsen.

Wenn auch nicht die günstige Lage – Abstand und viel Platz für Aerosole haben auch alle anderen Ruderklubs zu bieten, doch kämpfen viele mit einem Mitgliederschwund. Das hat Herrmann gehört, man kennt sich schließlich in der Berliner Szene mit ihren 50 Vereinen. „Es treten vor allem diejenigen aus, die einen Ersatz fürs Fitnessstudio gesucht haben.“

Der Kraftraum der RG Wiking soll demnächst vergrößert werden. Acht Ruder-Ergometer sind sonst hier aufgereiht, bis auf einen stehen alle momentan bei Mitgliedern, denn im Bootshaus schwitzen, dürfen nur die Kaderathleten. Auch die Duschen bleiben ihnen vorbehalten, die anderen müssen sich arrangieren, selbst jetzt in der kalten Jahreszeit.

Der Betrieb am Bootshaus hat daher abgenommen, völlig zum Erliegen bringen, konnte ihn die Pandemie jedoch nicht. Die Wikinger aus Neukölln haben ja schon ganz andere Krisen gemeistert. Vielleicht ist es dieses Bewusstsein, dass sie zusammenhalten lässt. Es gibt ein Buch, das davon erzählt, obwohl seine Absicht eine ganz andere ist.

Foto: RG Wiking
Das Wiking-Bootshaus in Niederschöneweide im Jahr 1898. 1951 zog die Schauspielschule Ernst Busch in das Gebäude. 

Geschrieben hat das Buch der US-Autor Daniel James Brown, 2013, ein Bestseller ist es geworden, mehr als eine Million Mal verkauft. „The boys in the boat“ lautet der Titel dieser non-fiction novel, das „Wunder von Berlin“ auf Deutsch, und die neun Wikinger auf dem Foto im großen Saal spielen darin eine tragende Rolle: die des zähen Widersachers, gegen den sich eine Mannschaft von der University of Washington tapfer stemmt. Im Ziel liegen die Amerikaner vor den Italienern und den Deutschen. Das Buch schildert eine Triumph-Fahrt über den europäischen Faschismus.

Dabei waren es die neun Wikinger selbst, die einen Triumph über systemtreue Konkurrenz zu erringen hatten. „Sie mussten sich in vier Rennen gegen sogenannte Zellen durchsetzen, die der Deutsche Ruder-Verband in Nazi-Deutschland gebildet hatte“, sagt Herrmann. Gelungen ist ihnen das mithilfe aus England, ausgerechnet. Dort hatte Stephen Fairbairn einen neuartigen Ruderstil gelehrt. Wiking-Trainer Karl-Heinz Schulz brachte ihn seinem Achter bei.

Olympia-Crew muss zum Wehrdienst

Nicht wegen dieser stilistischen Anleihe ging das Bronzeboot im Jahr darauf auseinander, natürlich nicht, sie war ja erfolgreich. Die Olympia-Crew wurde zum Wehrdienst eingezogen, es gab Streit mit dem Trainer, doch sollten sie nicht die letzten Wikinger sein, die etwas Bleibendes hinterließen, einen Eintrag in die Vereinsgeschichte und sogar etwas Deko fürs Bootshaus. „Olympia-Ausscheidung 1960“, sagt Matthias Herrmann und zeigt hinauf an die Saaldecke. Ein Achter hängt dort, die Öffnung nach unten. Rollsitze und Stemmbretter sind zu sehen. „Der damalige Achter hat den zweiten Platz belegt.“ 

Die Bugspitze deutet auf eine raumhohe Glasvitrine, Herrmann geht darauf zu. Pokale glänzen silbern unter der Schrankbeleuchtung. „Es sind noch Preise von Union dabei“, sagt der Vorsitzende. Unioner zählten zu jenen, die in den frühen Morgenstunden des 18. Januar 1896 den RG Wiking gründeten, weil die Versammelten fanden, Berlin bräuchte einen großen Ruderklub. Ein schwer aussehender Pott mit Kuhhörnern als Griffen schimmert zwischen schlanken Kelchen durch. In der anderen Ecke steht ein Pokal mit Deckel und Siegesgöttin darauf. 

Es ist schon Fantasie nötig, um sich vorzustellen, dass sie all diese Trophäen heimlich wegschleppten, die Wikinger des Jahres 1945. „Die russischen Wachposten standen schon vor dem Bootshaus“, erzählt Herrmann. Hinten schleppten die Ruderer das Silber heraus.

Von diesem Bootshaus, dem ersten Domizil in Schöneweide, gibt es ein historisches Foto, es stammt aus dem Jahr der Einweihung, von 1898: ein beinahe hochherrschaftlicher Gebäudekomplex ist zu sehen. Ein Boot liegt abfahrtbereit davor im Wasser. Ein Mann in Weiß, Hemd, lange Hose, hantiert auf dem Steg mit einem Skull. Filmreif, die Kulisse, im November 1951 übernahmen jedoch andere die Regie.

Die Schauspielschule Ernst Busch zog ins Wikingerhaus und blieb bis 2018. „Nach der Wende hatten wir versucht, das Gebäude zurückzubekommen“, sagt Herrmann, „aber wegen der Schauspielschule bestand ein übergeordnetes nationales Interesse.“

Sie waren ohnehin längst in Neukölln angekommen. Zunächst hatten sie sich in einer Ecke am Britzer Hafen eingerichtet, mit bester Beleuchtung, denn Mauer und Grenzanlagen befanden sich auf der anderen Uferseite. „Im Herbst und Winter konnte man prima am späten Nachmittag trainieren, wegen der Scheinwerfer.“ Dann kam die Wende.

Foto: RG Wiking
Max Röger (2.v.r.) im Leichtgewichtsdoppelvierer bei der WM 2018 in Plovdiv.

Herrmann erinnert sich noch gut, wie er am 9. November abends zum Bootshaus fuhr, um nach dem Rechten zu sehen. „Alles war wie immer“, sagt er.  Erst später fielen auch dort die Sperranlagen. Zum Teil sehr viel später. Eine Mauer unterhalb der Wasserlinie des Teltowkanals wurde 2000 weggerissen.

Die Jahrtausendwende, noch so ein einschneidendes Datum. Der Wiking wechselte das Ufer, siedelte sich auf einer Brache an, baute ein neues Bootshaus, das, in dem Matthias Herrmann jetzt steht, Parterre, dort wo die Boote auf Traversen warten, dass sie zum Training ins Freie getragen werden. 70 sind es, überwiegend Rennboote, das Kapital des Vereins lagert hier gut verschlossen hinter Eisentoren.

Kleines Vermögen für das Bootshaus

Das Bootshaus selbst hat ein kleines Vermögen gekostet. „In vier Jahren haben wir den großen Kredit abbezahlt“, sagt Herrmann, der selbst bei einer Bank arbeitet. „Eine Million Mark waren das damals.“ Eine Investition für die 125 Jahre, die jetzt vor dem Verein liegen?

Ganz so langfristig denken sie nicht, bei der RG Wiking, dem Wiking, den Wikingern aus Neukölln. Investiert wird in die nähere Zukunft, in den Rudernachwuchs, das Engagement macht sich bezahlt. 2018 ist einer der Ihren in Plovdiv Weltmeister mit dem Leichtgewichtsdoppelvierer geworden, Max Röger. Auch davon gibt es Fotos, eines gehört zur Ahnengalerie im Treppenhaus, die den Besucher vom ersten Stock hinunter in die Bootshalle geleitet.

„Tja“, sagt Herrmann, als er zwischen all den Booten steht, „ganz schön viel Geschichte.“ Durch das offene Eisentor drückt der Wind einen feinen Schwall aus Nieselregen. Auf dem gelben Bug eines Achters ganz oben im Regal ist ein Name zu lesen: Herbert Schmitt. „Der Schlagmann von 1936.“ Matthias Herrmann löscht das Licht.