Berlin - Schon die Zeit vor dem ersten Kickoff der neuen Saison hat die Berlin Rebels in diesem Jahr viel Kraft und noch mehr Nerven gekostet. Vieles lief anders als sonst bei den American Footballern. Wegen Corona verschob sich sogar ihr Saisonstart. Während die Potsdam Royals am Wochenende bereits in die German Football League (GFL Nord) gestartet sind, legen die Rebels erst am Sonnabend in Braunschweig los. „Alle anderen Regionen haben die Erst- und Zweitligamannschaften wie Profisport betrachtet“, sagt Andreas Riedel, der 1. Vorsitzende der Rebels. „Wir konnten in Berlin erst am 14. Mai in Mannschaftsstärke trainieren, andere schon Monate vorher. Wir starten ohne Vorbereitungsspiel mit einem deutlichen Nachteil.“

Die im Vergleich restriktivere Auslegung der Corona-Verordnungen im Berliner Senat war eine Erschwernis für die Berliner Klubs wie die Rebels in der GFL oder die Adler in der GFL 2. Dazu kommt, dass es ein neues Team in der Stadt gibt: Berlin Thunder. Eine Profimannschaft, die Ende Juni in der neu geschaffenen European League of Football (ELF) antritt und als Franchise funktioniert. Neben dem traditionellen System „aus Vereinen, die Mitglieder haben, bei denen auch Spieler Beiträge zahlen, das mit Auf- und Abstieg und das innerhalb von Verbänden und mit Ehrenamtlichen funktioniert, ist das ein komplett unterschiedliches System. Es ist ein kommerzieller Anbieter“, sagt Fuad Merdanovic.

Rebels haben sieben Spieler an Thunder verloren

Der 55-Jährige ist Präsident des American Football und Cheerleading Verbandes Berlin-Brandenburg (AFCVBB). Grundsätzlich, sagt er, ist für ihn jeder willkommen, der in American Football investiert. Ob die neue Liga gut für den Football ist, müsse sich aber erst noch zeigen: „Es ist erst mal kritisch, wenn man auf den Markt kommt, von sich aus nichts mitbringt, aber von einem System, das sich in den letzten 40 Jahren aufgebaut hat, etwas abzwackt.“

In Berlin und dem Brandenburger Umland gibt es 21 American-Football-Vereine und etwa 3000 Aktive. Was Thunder abzwackt, wie Merdanovic es nennt, sind vor allem: Spieler. „Aktuell haben wir sieben Spieler verloren“, sagt Rebels-Chef Riedel, „jeden Tag kann ein Neuer weg sein, denn es gibt in der European League of Football keine Wechselfrist und keine Spielsperre. Thunder hat hier für einen Kannibalisierungseffekt gesorgt. Spieler werden angerufen. Man lockt sie mit Geld. Bei uns müssen sie Mitgliedsbeiträge zahlen. Da stoßen dann Welten aufeinander.“ Riedel findet: „Das ist nicht fair. Vor allem wenn man bedenkt, dass wir die Jugendarbeit leisten und die Trainer dafür bezahlen.“ Wer bei einem ELF-Spiel im Kader steht, kann erst kommende Saison zurück in die GFL wechseln.

Bislang, fasst Merdanovic zusammen, habe die neue Liga dem American Football in Deutschland eher geschadet als geholfen. Die GFL hat drei Teams verloren: Elmshorn, Ingolstadt und Hildesheim. Investoren zogen ihre Verträge mit der ELF zurück. Sie waren nicht bereit, die offenbar enormen finanziellen Risiken zu tragen, ohne ausreichend an Einnahmen beteiligt zu sein. In Stuttgart sei der Verein gespalten und fast auseinandergerissen worden, so Riedel. In Frankfurt hat Universe Investor, Stadion und Mannschaft an Galaxy verloren. In Köln lief es ähnlich.

Und was ist mit dem Mitgliederzulauf, den die Organisatoren der ELF als Gegenleistung prognostizieren, wenn die Spiele der Hamburg Sea Devils, von Frankfurt Galaxy oder Berlin Thunder im durchaus angesagten Patrick-Esume-Style wöchentlich auf ProSieben Maxx und im Stream bei ran.de moderiert und in den sozialen Medien gepuscht werden? „Diese Tendenz haben wir allein durch die NFL-Übertragungen. Wir haben diesen Hype schon gespürt“, sagt der Rebels-Vorsitzende. „Aber zwischen der NFL und der ELF liegen ein paar Welten.“

Waschmaschinen aus den USA

Die Teamnamen aus der 2007 gescheiterten NFL Europe wecken bei Football-Fans Erinnerungen. Die Qualität der damals von US-Importspielern getragenen Liga kann die ELF kaum erreichen. Viele bezweifeln, dass sie GFL-Niveau erreicht, wenn manche Spieler wie bei Thunder aus der dritten oder vierten Liga kommen.

Europäischer Football hat mit professionellem US-Football nichts zu tun, sagt Merdanovic. „Es ist auch ein schöner Sport, aber anders.“ Als früherer Manager von Frankfurt Galaxy hat Merdanovic damals erlebt, wie die Amerikaner in der NFL Europe 24 Stunden täglich für Football leben: „Sie haben nicht nur containerweise Waschmittel und Seife, sondern auch die Waschmaschinen zum Trikotwaschen mitgebracht.“

Während mittlerweile bis zu 14 GFL-Spiele sowie der German Bowl auf Sport 1 übertragen werden, jede Partie im Livestream zu sehen ist, und auch die GFL in ihr Social-Media-Angebot investiert hat, ist Merdanovic gespannt auf das TV-Produkt der ELF: „Tolle neue Helme und Trikots wird es zu sehen geben, die Frage ist, ob es das NFL-Publikum noch immer toll findet, wenn sie den Ball werfen und losrennen.“ Der Verbandspräsident hofft es. Er wünscht „den Unternehmern, die jetzt viel Geld reinbuttern, dass sie ganz lange durchhalten“.

Bevor Thunder am 20. Juni im Jahn-Stadion in die ELF-Saison startet, tragen die Rebels ihr erstes Heimspiel am 19. Juni (15 Uhr) im Mommsenstadion gegen Braunschweig aus.