Warum die Formel 1 in Deutschland Zuschauer verliert

Immer weniger Menschen schauen Motorsport. Der Rückgang der laufenden Formel-1-Saison ist erstaunlich hoch und liegt nicht nur am TV-Vertrag, von dem nur ein...

Red-Bull-Pilot Max Verstappen führt vor Mercedes-Pilot Lewis Hamilton (r) das Feld an.
Red-Bull-Pilot Max Verstappen führt vor Mercedes-Pilot Lewis Hamilton (r) das Feld an.Charlie Neibergall/AP/dpa

Berlin-Viele Motorsport-Freunde haben das Interesse an der Formel 1 offensichtlich verloren. Das bisher letzte Rennen im Free-TV sahen in Deutschland gerade einmal 2,043 Millionen Menschen.

Die Live-Übertragungen von RTL haben wie die deutschen Fahrer in der wichtigsten Motorsport-Serie der Welt schon deutlich bessere Tage erlebt. Und bald verschwindet die Formel 1 sogar komplett hinter der Bezahlschranke.

Die Rennserie befindet sich hierzulande in einer Abwärtsspirale. In der letzten Saison mit allen Rennen live im frei empfangbaren Fernsehen 2020 hatte RTL durchschnittlich fast vier Millionen Zuschauer. Im vergangenen Jahr mit nur noch vier Großen Preisen im Free-TV lag der Durchschnitt nur noch bei 3,28 Millionen - und dürfte nach der letzten RTL-Übertragung 2022 am Sonntag vom Grand Prix von Brasilien für diese Saison noch deutlich tiefer liegen.

Bertling: „Aus deutscher Sicht fehlen Erfolge“

„Es fehlen die großen deutschen Fahrer und Stars, auch der Name Schumacher allein reicht dann eben nicht aus“, sagte der Medienexperte Thomas Horky. Der Professor der Macromedia Universität in Hamburg fügte an: „Der Fußball erdrückt zunehmend die kleineren Sportarten in Deutschland, auch frühere Medien-Sportarten wie die Formel 1.“

Ähnlich sieht es sein Kollege Christoph Bertling von der Deutschen Sporthochschule Köln: „Aus deutscher Sicht fehlen große Erfolge und Siegertypen.“ Der viermalige Weltmeister Sebastian Vettel hat letztmals 2019 ein Rennen gewonnen und tritt Ende des Jahres ab. Mick Schumacher droht nach nur zwei Jahren das Formel-1-Aus.

Eine Verknappung des Angebots führt zu einer Steigerung der Nachfrage - diese marktwirtschaftliche Logik passt bei RTL nicht. Sie passt eher zur Exklusivitäts-Strategie von Sky. Seit das Angebot im Vorjahr im Free-TV auf vier Rennen geschrumpft ist, sind die Zahlen beim Pay-TV-Anbieter gestiegen.

In der ersten Saison wuchs die Zuschauerzahl um 50 Prozent, in diesem Jahr noch einmal um 20 Prozent auf mehr als eine Million Zuschauer im Schnitt. „Die Formel 1 hat an Strahlkraft noch weiter zugenommen“, kommentierte Sky-Sportchef Charly Classen: „Unsere Quoten haben sich überdurchschnittlich positiv entwickelt.“ Die meisten Hardcore-Fans haben jetzt offensichtlich ein Abonnement, doch die Gesamtzahl der Zuschauer sinkt.

RTL dennoch „sehr zufrieden“

Trotz des drastischen Reichweiten-Rückgangs im Free-TV sagte eine RTL-Sprecherin: „Wir sind sehr zufrieden.“ Immerhin lag der für Fernsehsender wichtige Marktanteil zuletzt noch über dem Gesamtschnitt von RTL. Zu Gerüchten, dass die Übertragung am Sonntag die letzte bei RTL sei, sagte sie: „Über die Zukunft werden wir uns zu gegebener Zeit äußern.“

Nur noch im kommenden Jahr muss Sky dafür sorgen, dass vier Rennen im Free-TV zu sehen sind. Der neue Medien-Vertrag von 2024 bis 2027 bietet dem Bezahlsender noch mehr Exklusivität, nur ein Rennen in Deutschland müsste frei empfangbar sein. Was bedeutet das langfristig für die Formel 1 im Autobauer-Land?

Das Verschwinden hinter der Bezahlschranke bedeute „eine kurzfristige große Finanzspritze“, sagte Medien-Wissenschaftler Bertling. „Mittel- bis langfristig kommt es jedoch oftmals zu einem Schwund, da Aufmerksamkeitsdefizite entstehen.“ Auch der Medien-Experte Horky sieht durch die Exklusivität eines Pay-Senders für die Formel 1 „keine gute Position bei der Vermarktung“. Der Hamburger Professor sagte zudem: „Auch die Möglichkeit, neue, junge Zuschauergruppen an die Sportart heranzuführen ist über Free-TV oder -Livestreaming sicher größer.“