BerlinDie ersten 133 Tage, die der brasilianische Volleyballspieler Eder Carbonera in Berlin verbrachte, sind lang gewesen. Das hat der Mittelblocker der BR Volleys seiner Frau Nati gepostet. Sie war in Brasilien geblieben, weil sie dort einen Job als Lebensmitteltechnikerin bei einem großen Konzern begonnen hatte. Am 24. Dezember waren die langen Tage vorbei. Eder holte er seine Frau am BER ab.

Mit Nati Weihnachten und Neujahr zu feiern, war für den 37-Jährigen das größte Geschenk. Das hat er zu den Fotos geschrieben, die er ins Netz gestellt hat: Nati und er strahlend vor dem dekorierten Tischtannenbaum, vor dem Brandenburger Tor, vor Schloss Charlottenburg, vor der Siegessäule, grinsend vor dem Reichstag, küssend vor Schloss Sanssouci. „Am letzten Tag hat es sogar geschneit“, sagt Eder.

Er klingt so, als hätte er aus der Weihnachtspause neue Energie für die zweite Saisonhälfte bei den BR Volleys gezogen, die am Mittwoch mit dem Bundesliga-Heimspiel gegen den  TSV Unterhaching (19.30 Uhr, sporttotal.tv) beginnt und am Sonnabend gegen den VC Olympia weitergeht.

Sein Beginn in Berlin verlief für den 2,05 Meter großen Volleyballer aus Farroupilha nicht so einfach. Die Mannschaft brauchte Zeit, um sich im Wettkampf zu finden, zu wissen, wie jeder Einzelne unter Druck reagiert. Sie wurde oft zurückgeworfen. „Von Anfang an hatten wir viele Verletze. Wir waren nie komplett“, sagt Eder. Weder im Training noch im Spiel. „Da ist es schwierig, den Rhythmus zu finden, die beste Formation.“

Jeden Morgen stieg Eder auf die Waage

Auch die Leistungen von Eder, dem Olympiasieger von 2016, an den der Klub eine Menge Erwartungen hat, überzeugten Manager Kaweh Niroomand zunächst nicht. Zu häufig landeten seine Aufschläge nicht im Feld, zu häufig kam er einen Tick zu spät, zu gering war seine Punkteausbeute. „Er hat lange gebraucht, bis er physisch in Gang kam. Er ist noch immer nicht bei 100 Prozent“, meint Niroomand.

Aber es gab da etwas, das Eder beunruhigte, ihn jeden Morgen zweifeln ließ: Er wurde immer leichter. In Brasilien hatte er 108 Kilo gewogen. Eine Corona-Infektion im April hatte er mit zwei Tagen Fieber glimpflich überstanden. Er dachte, alles wäre gut. Aber dann stieg er Mitte August in seinem Charlottenburger Appartement auf die Waage. Sie zeigte 103 Kilo. Eder wunderte sich. Er hatte im brasilianischen Lockdown sechs Monate nur im Kraftraum trainiert. Anfang September begann das Hallentraining in Berlin. Eder nahm weiter ab. 104 Kilo, 103, 102. Er schickte Nati jeden Morgen ein Foto der Skala. 101 Kilo, 100. „Ich verschwinde“, fürchtete er. Ob das eine Folge seiner Corona-Erkrankung war? Oder der Trainingspause? Als die Waage 99,5 Kilo anzeigte, sagte seine Frau: „Du musst zum Arzt.“

Eder ging nicht zum Arzt, aber er nahm wieder zu. Jetzt wiegt er 105 Kilo, ideal, wie er findet. Weil nicht nur er mit seinem Körper zu kämpfen hatte, sondern auch Anton Brehme mit Knieproblemen, verpflichteten die BR Volleys Anfang Dezember im Franzosen Kevin Le Roux einen weiteren Top-Mittelblocker. „Da ist Eder natürlich nicht vor Freude unter die Decke gesprungen“, sagt Niroomand. Aber letztlich sei die Verpflichtung auch ein Ansporn gewesen.

Das erste Tempo, das schnelle Angriffsspiel über die Mitte, lief bei den Volleys bislang nicht, wie es sich Trainer Cedric Enard und Manager Niroomand auch im Hinblick auf die Champions League vorstellen. „Wir müssen viel häufiger über die Mitte spielen, schneller werden“, sagt Niroomand, der in den letzten Spielen vor der Weihnachtspause bei Eder dann immer öfter das sehen konnte, wofür der Brasilianer bekannt ist: aggressive Blocks, krachende Aufschläge. 

„Im zweiten Saisonteil können wir sicher besser aufschlagen“

Im letzten Heimspiel zimmerte Eder den Netzhoppers sechs Asse ins Feld, beim Tiebreak-Sieg gegen Düren schlug er gut auf, strahlte Selbstvertrauen aus. „Im zweiten Saisonteil können wir sicher besser aufschlagen“, verspricht er. „Mittlerweile wissen wir auch, wie jeder auf dem Feld funktioniert.“

Mittlerweile hat Eder mal diese, mal jene Kollegen zum Essen eingeladen, mal Risotto, mal Ente, mal Lamm serviert. Auch für Nati kochte er, als sie in Berlin war. Silvester feierten sie bei Kollege Renan Michelucci – und lernten Raclette kennen. „Das war wirklich sehr gut. Und sehr schlecht“, sagt Eder. „Wenn man zwei, drei Stunden leckere Dinge futtert, merkt man nicht, wie viel man verdrückt.“ Seine Frau ist wieder in Brasilien. Sie kam morgens um fünf an und begann um 6.30 Uhr ihre Arbeit. Ähnlich engagiert geht Eder die Rückrunde bei den BR Volleys an. Er sagt: „Wir kämpfen um Platz eins und gute Ergebnisse in der Champions League.“