Es gibt so manch Anlass zur Grübelei nach diesem Sieg gegen Eintracht Frankfurt. Die schwache erste Halbzeit und die Verbannung des Kapitäns auf die Bank beispielsweise. Allen voran aber stellt sich die Frage, was in dieser für Hertha BSC so wundersam positiv verlaufenden Saison jetzt zu erreichen ist.

Sportdirektor Michael Preetz gab sich nach dem 2:0 professionell ahnungslos. „Ich weiß nicht, zu was das führt“, sagte er. Der Klassenerhalt – und damit das Saisonziel – ist gemäß aller historischen Gesetzmäßigkeiten nun mit 42 Punkten geschafft. Es ist Zeit für neue Ziele. Oder?

Trainer Pal Dardai hat sich in der darauffolgenden Nacht eigene Gedanken gemacht, welche Konsequenzen der zwölfte Sieg im 24. Spiel hat. „Wir Trainer haben unsere Koffer bereits gepackt und gehen in Urlaub“, verkündete er mit ernster Miene. „Die Jungs sollen zum Abschlusstraining kommen und die Saison dann einfach zu Ende spielen.“ Was natürlich gelogen war, denn im Hintergrund trainierten die Jungs unter Aufsicht des übrigen Übungsleiterteams auch am Donnerstag.

Hertha befindet sich schließlich mittendrin in der wohl längsten Saisonvorbereitung der Vereinsgeschichte. Alles Wirken ist auf den 20. April gerichtet. Dann geht es gegen Dortmund um das zweite Saisonziel: das Erreichen des Pokal-Finals. Bis dahin sollen alle Fehler ausgemerzt sein, da der BVB jede Unzulänglichkeit bestraft. Just die Ligapartie gegen die Borussia scheint derweil ein Knackpunkt gewesen zu sein. „Wenn du gegen ein Topteam wie Dortmund gut spielst, gewinnst du an Zuversicht“, sagte Salomon Kalou.

„Wir können Champions League spielen“

Die Berliner sind die Einzigen, die Dortmund in der Rückrunde mit dem 0:0 einen Punkt abringen konnten. „Seit dem Spiel haben wir mehr, über das wir nachdenken müssen“, sagte Kalou. Das Bewusstsein ist gewachsen, mithalten zu können. „Deshalb müssen wir noch härter arbeiten, und wenn uns das gelingt, können wir Champions League spielen“.

Da fiel es also doch dieses Wort: Champions League. Kalou, 30, darf es in aller Bescheidenheit in den Mund nehmen. Er hat den höchstklassigen Wettbewerb Europas schließlich schon gewonnen, und sein Coach hat die Mitspieler zu Rückrundenbeginn gebeten, den erfahrenen Torjäger zu beobachten. Wie er sich bewegt, wie er trainiert. „Da ist kein Stress“, erklärte Dardai nun, „sondern Motivation, dass wir oben mitspielen. Das ist alles Kopfsache.“

Gegen Frankfurt hatte der Coach richtig erkannt, dass es gewinnbringend sein würde, Kalou neben Vedad Ibisevic in Tornähe agieren zu lassen, anstatt auf dem Flügel. Mit der Folge, dass Spielführer Fabian Lustenberger das letzte Opfer des holprigen Untergrunds wurde – der Rasen wird nun zur Freude von Dardai getauscht. „Für das, was wir machen, brauchen wir einen Teppich“, sagte Dardai, „und wenn die drei zusammen gespielt hätten, wäre es noch schwieriger gewesen.“

Die drei, das sind Vladimir Darida, Per Skjelbred und Lustenberger. Weil die Platzverhältnisse das übliche Kurzpassspiel nicht zuließen, löste Dardai das Dreieck auf, und Spielmacher Darida und Aufräumer Skjelbred bildeten das Zentrum einer Viererkette. Letzterem hatte Dardai auf Lustenbergers Wunsch hin das Kapitänsamt übertragen. Der Norweger ist kein Teppichspieler, was nach der Partie an dessen Beinen abzulesen war. Die sahen so schlimm aus, dass Dardai lange nach passenden Worten suchte. „Er ist ein echter Wikinger“, sagte er schließlich.

Skjelbred reichte die Chefrolle jedoch gleich weiter. „Salomon ist der Boss“, sagte er, „ein Vorbild für alle. Was er leistet, ist der Wahnsinn.“ Kalous individuelle Klasse hatte in Kombination mit der Schussstärke von Mitchell Weiser den Unterschied in einer Partie gemacht, deren erste Hälfte der Trainer „grottenschlecht“ fand. Schuld waren Platz, eigene Übermotivation und der bissige Gegner.

Davon hatte sich Hertha nicht irritieren lassen und in der zweiten Hälfte zugelegt. „Das ist eine Weiterentwicklung“, befand Preetz und verriet doch noch die amtlich aktualisierte Vorgabe: „Das neue Ziel ist Hamburg“, sagte er. Dort sind die Berliner am Sonntag (17.30 Uhr) Favorit auf die nächsten drei Punkte. „Dann kann man sich gegen die Zielsetzung Europa nicht mehr wehren“, sagte Weiser. Vermeiden wollen sie das nicht.