Energie für die Tonne: Jürgen Klinsmann hat beim FC Bayern als Spieler und Trainer Spuren hinterlassen.
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BerlinDer Anruf im April 2009 kam spät, Jürgen Klinsmann hatte es eilig. Er wolle sofort mit ihm sprechen, sagte der damalige Trainer des FC Bayern zu Uli Hoeneß, zu jener Zeit noch Manager der Münchner. Eigentlich wollte dieser schon ins Bett gehen, doch er kam Klinsmanns Gesuch nach. Schließlich waren es gerade unruhige Zeiten nach den jüngsten Niederlagen. Zunächst das 1:5 in der Bundesliga beim späteren Meister VfL Wolfsburg, garniert von Demütigungen wie Grafites Hackentor nach einem Solo durch die Abwehr der Münchner. Vier Tage später setzte es ein 0:4 im Viertelfinale der Champions League beim FC Barcelona, wobei der Endstand bereits zur Pause erreicht war.

Als Klinsmann spät am Abend in Hoeneß’ Anwesen am Tegernsee eingetroffen war, wollte er gar nicht über die aktuelle Krise sprechen, sondern über seine Pläne für die Zukunft: die kommende Saison und eine Ausdehnung seines Vertrags. Hoeneß, so die Überlieferung, reagierte verwundert, obwohl er mit Klinsmann bereits Überraschungen erlebt hatte. Auch zu dessen Spielerzeit beim FC Bayern von 1995 bis 1997, als der Stürmer neben Toren auch mit einem Tritt in eine Werbetonne und ein paar eigenen Vorstellungen von sich reden machte. Nun ließ Hoeneß ihn im Gespräch wissen, dass es erst einmal an der Zeit sei, kurzfristig für Erfolg zu sorgen.

Keine drei Wochen später war der Plan K, das Projekt des Trainers Klinsmann in München, nach knapp zehn Monaten gescheitert. Zwei Tage nach der 0:1-Niederlage gegen Schalke wurde er am 27. April entlassen. „Wir haben den Grundstein gelegt für die Zukunft“, sagte Klinsmann. Doch die Zukunft stellten sich die Bayern anders vor. „Jupp Heynckes ist ein Fußballlehrer, und das ist das, was wir jetzt brauchen“, sagte Hoeneß. Es ging  darum, den Einzug in die Champions League zu sichern, was Heynckes gelang.

Computer für "zigtausende Euro"

Die Geschichte von Klinsmanns Abendbesuch am Alpenrand zeigt nur eines der vielen Missverständnisse, die sein Wirken als Trainer beim FC Bayern geprägt haben. Als Visionär und Revolutionär war Klinsmann nach München gekommen, als Fußball-Modernisierer und Reformer. Für manche Anstöße und Ideen sowie für seine infrastrukturellen Impulse, wie den neuen Profitrakt, sind sie ihm dankbar. Doch vieles, was er anschob, verpuffte. Zweieinhalb Jahre nach Klinsmanns Entlassung rief Hoeneß ihm nach, dessen Anstellung sei ein Fehler gewesen. Für Mannschaftssitzungen mit einer Powerpoint-Präsentation habe man „für zigtausend Euro Computer gekauft“. Klinsmann habe „den Profis in epischer Breite gezeigt, wie wir spielen wollen. Wohlgemerkt wollen.“ Heynckes dagegen, von 2011 bis 2013 wieder Bayern-Trainer, nutze „einen Flipchart und fünf Eddingstifte. Da kostet einer 2,50 Euro“, sagte Hoeneß damals, „mit Heynckes gewinnen wir Spiele für 12,50 Euro, und bei Klinsmann haben wir viel Geld ausgegeben und wenig Erfolg gehabt.“

An diesem Sonntag kommt es für die Bayern in Berlin zum Wiedersehen mit Klinsmann, der nun Hertha BSC umkrempelt und zu einem „Mega-Klub“ formen möchte, gestützt durch Investor Lars Windhorst. Vieles, was sie aus der Ferne in Berlin beobachten, erinnert sie an Klinsmanns Zeit beim FC Bayern, darunter auch sein Vorhaben, „jeden Spieler jeden Tag besser machen“ zu wollen. Für die Spötter zählt zu den Parallelen ebenso der jüngste Wirbel um Klinsmanns fehlende Trainerlizenz, die sie in München ohnehin für ein Gerücht halten, weil sie der Meinung sind, dass Klinsmann gar kein Trainer ist. Sondern vor allem ein Projektmanager, was Klinsmann ja auch schon über sich gesagt hat.

Andererseits müssen sie ihn wegen ihrer Personalsorgen vor dem Start in die Rückrunde durchaus fürchten, vor allem als Motivator, als der er schon als Bundestrainer aufgefallen war. Eine Niederlage oder ein Unentschieden in Berlin würde die Bayern schmerzen.

Klinsmanns Engagement in München hatte mit ähnlicher Euphorie begonnen wie nun in Berlin. Ein halbes Jahr vor Klinsmanns Arbeitsbeginn als Ottmar Hitzfelds Nachfolger stellte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge ihn im Januar 2008 als „unseren absoluten Wunschkandidaten“ vor. Es war Rummenigges Idee gewesen, Klinsmann zu verpflichten, Hoeneß sagte: „Wir waren alle sofort dafür.“ Trotz vorheriger Dissonanzen, als er den Bundestrainer Klinsmann tadelte, dieser solle „nicht ständig in Kalifornien rumtanzen und uns den Scheiß hier machen lassen“.

Buddhas als Missverständnis

Was Klinsmann als Bundestrainer im WM-Sommer 2006 mit Platz drei hatte, habe ihm in München gefehlt, sagen viele. Ein Fußballlehrer und Taktikfachmann wie sein damaliger Assistent Joachim Löw, bis heute sein Nachfolger bei der DFB-Auswahl, stand ihm beim FC Bayern trotz zehn Stabmitgliedern nicht zur Verfügung. Problematisch war, dass seine Assistenten Martin Vásquez und Nick Theslof kein Deutsch sprachen, der Schwerpunkt weniger auf Taktik lag sondern auf Fitness.

Es gab viele Anekdoten, die  Klinsmanns Reputation schadeten, auch in der Mannschaft. Darunter jene, dass einmal  im Trainingszentrum Zettel mit der Taktik des kommenden Gegners mit zwölf statt elf Spielern ausgehängt worden seien. Über Angebote zur Weiterbildung wie Sprachkurse und eine Bibliothek sollen sich die Spieler lustig gemacht und die angeschafften Computer für Unsinn genutzt haben. Sportlich schadete Klinsmann die Verpflichtung seines Wunschspielers Landon Donovan, der nicht das nötige Niveau von LA Galaxy mitbrachte. Hängen blieben an ihm auch die vier aufgestellten Buddha-Statuen, obwohl diese nicht seine Idee waren. Dass sie als eines der  Missverständnisse seiner Zeit beim FC Bayern in Erinnerung geblieben sind, darüber kann KIinsmann heute lächeln.