BerlinDie deutsche Fußball-Nationalmannschaft war mir eigentlich immer ziemlich egal. Als Kind verpflichtete mein Lieblingsklub vornehmlich Spieler aus Schweden, was meine Sympathien bei Europa- und Weltmeisterschaften klar verteilte. Ich werde nie vergessen, wie ich im Schlafanzug vor meinem winzigen Fernseher saß und zusah, wie der damals 22 Jahre junge Zlatan Ibrahimovic die EM 2004 gegen Italien mit einem Hackentor eröffnete und mein Vater mich kurz darauf ermahnte, so spät abends nicht mehr so laut zu schreien. In Adlershof waren die Wände dünn.

Ähnliche Emotionen hegte ich für das DFB-Team jedenfalls nie. Bei der WM 2010 in Südafrika hätte ich ihnen den Titel gegönnt, weil sie den besten Fußball aller Teams gespielt haben. Die tatsächlich gewonnene WM 2014 und auch das historische 7:1 gegen Brasilien sorgten bei mir bestenfalls für erhobene Augenbrauen und ein anerkennendes Nicken. Nicht schlecht, Jogi.

Mich störte häufig diese elitäre Struktur, die die Mannschaft durchzog. Die Auswahl wurde häufig von einer Achse aus Spielern des FC Bayern geprägt, selbst in den Hochzeiten von Jürgen Klopps Borussia Dortmund schien Jogi Löw lieber auf die Kicker aus München zu setzen als auf die jungen und erfrischend aufspielenden Borussen. Die Bayern brachten wiederum die Münchner Arroganz, das „Mia san mia“, mit ins Nationalteam, was dazu führte, dass die Mannschaft irgendwann das Selbstverständnis ausstrahlte, jeden schlagen zu müssen. Ich fand es schließlich eher unterhaltsam zu sehen, wie kleinere Gegner die arrogante DFB-Auswahl narrten.

Teamgeist, Fleiß und Effizienz: Werte, die vergessen schienen

Vor allem aber entfernte sich die Nationalmannschaft – „Die Mannschaft“, wie sie Sportdirektor Oliver Bierhoff gerne vermarkten wollte – immer weiter von den Werten, die deutsche Teams stets ausgezeichnet hatten. Teamgeist, Fleiß und Effizienz. Beim historischen WM-Sieg 1954 war die deutsche Auswahl gegenüber den Ungarn gnadenlos unterlegen, besiegte sie schließlich aber, weil sie diese drei Werte lebte. Gerd Müller und Miroslav Klose, die besten Stürmer in der deutschen Fußballgeschichte, waren keine tollen Fußballspieler, sondern brutal effizient und, zumindest in Kloses Fall, ungemein fleißig. Und selbst mit dem WM-Finale von 2014 wird nicht Siegtorschütze Mario Götze auf ewig im kollektiven Gedächtnis verbunden bleiben, sondern der blutverschmierte, von Krämpfen geplagte Kapitän Bastian Schweinsteiger, der ein Musterbeispiel an Teamgeist, Fleiß und Effizienz abgab.

Auch Jogi Löw galt 2007, als er das Team übernahm, als fleißiger, kreativer Kopf hinter dem Motivator Jürgen Klinsmann. Doch über die Jahre wurde das Licht, in das er sich stellte (oder gestellt wurde?) immer schillernder. Negativer Höhepunkt war das Fotoshooting an der Strandpromenade von Sotschi, das dem katastrophalen Abschneiden bei der WM 2018 die Krone aufsetzte. Die Nationalmannschaft, so hieß es, habe ihre Basis verloren. Die Bilder des durchtrainierten Beachboy-Bundestrainers seien der eindrucksvolle Beweis.

Ich war nie Teil dieser Basis. Doch in der letzten Zeit beginne ich mich mehr und mehr für die Nationalmannschaft zu interessieren, ja sogar zu begeistern. Das DFB-Team ist, auch wenn Jogi Löw und vor allem Oliver Bierhoff da protestieren würden, schon lange kein elitärer Haufen von Weltklassespielern mehr. Die Mannschaft ist gutes europäisches Mittelmaß, hinter vor Talent strotzenden Supermächten wie Frankreich oder England jedoch deutlich zurückgefallen. Und genau das gibt ihr endlich die Freiheit, sich selbst neu zu erfinden und eine Identität zu kreieren, die nicht auf vergangene Erfolge aufgebaut ist, sondern neue feiern will. Viele der übersättigt wirkenden Auswahlspieler, die 2018 in Russland kläglich scheiterten, sind mittlerweile nicht mehr dabei.

Stattdessen stoßen immer neue talentierte junge Debütanten ins Team und bereichern die Mannschaft auf ihre eigene Art und Weise. Auch, weil eine gewisse Vereins-Diversität herrscht. Verteidiger Robin Koch lernt bei Leeds United gerade die beinharte Schule der Premier League kennen, Stürmer Luca Waldschmidt erfährt bei Benfica Lissabon eine ganz andere Art von Angriffsspiel. Florian Neuhaus und Jonas Hofmann von Borussia Mönchengladbach setzen andere Impulse als die Chelsea-Boys Timo Werner und Kai Havertz. Und Robin Gosens (Atalanta Bergamo) bringt aus der Serie A Erfahrungen mit, die Philipp Max (PSV Eindhoven) in der Eredivisie ganz anders erlebt.

Dahinter stehen weiterhin die Etablierten um Toni Kroos, dem im Gesamtpaket vielleicht besten deutschen Fußballspieler aller Zeiten und, neben dem erstmals nominierten Felix Uduokhai (Annaberg-Buchholz), bisher einzigen Ostdeutschen im aktiven Kader. Vieles gelingt dieser spannenden Zusammenstellung noch nicht, am Sonnabend kämpft das Team in der Nations League gegen die Ukraine (20.45 Uhr, RTL) schon wieder gegen den Abstieg in die Klasse B. Doch mir macht es großen Spaß zuzuschauen, wie sich dieses talentierte Team entwickelt, wie sie alle eigene Einflüsse einbringen und wie sie, wenn sie sich auf die Werte der Nationalmannschaft besinnen, mit Sicherheit bei der anstehenden EM Aufsehen erregen werden. Titel kommen dann irgendwann von ganz alleine ...