Tokio - „Muss sie sich immer so deutlich äußern?“ Rhetorische Fragen wie diese waren vor einem Dreivierteljahr häufig in Tokioter Stadtgesprächen zu hören. Mal wieder ging es um die junge Frau, die seit knapp drei Jahren regelmäßig Thema ist. Im Herbst 2018 hatte Naomi Osaka, damals erst 20, bei den US Open ihren ersten Grand Slam gewonnen. Damals betonte der öffentliche Rundfunksender NHK mit plötzlich entdecktem kontinentalem Stolz, Osaka sei nicht nur bloß erste Japanerin mit derartigen Erfolgen im Tennis: Nein, die erste aus ganz Asien!

Osaka stößt mit ihrer Kommunikation vielen vor den Kopf

Seitdem ist keine Sportlerin in Japan so populär wie die mittlerweile 23-Jährige. Kein Wunder, dass Naomi Osaka auch zum Gesicht der Olympischen Spiele von Tokio geworden ist. Anfang letzten Jahres veröffentlichten die Tokioer Olympiaveranstalter einen Werbespot mit ihr als Protagonistin. „Wir sind alle verschieden, und doch so ähnlich“, sagt sie darin. „Wir finden, was wir brauchen, um über das hinwegzukommen, was uns voneinander trennt.“ Denn durch die Olympischen Spiele seien wir alle „vereint in Emotion“.

Ironischerweise fällt Naomi Osaka auch dadurch auf, dass sie längst nicht immer nur vereint. Durch ihr offenes, ungeschminktes Auftreten stößt sie gerade in Japan, einer Kultur mit strengen Anstandsregeln und eher indirekter Kommunikation, vielen vor den Kopf. Das fiel eben vor allem vor einem Dreivierteljahr auf, als man über die einzige Tennis-Weltranglistenerste, die Japan je hatte, mal wieder zu lästern begann.

Bei den US Open war die Tochter eines haitianischen Vaters und einer japanischen Mutter immer wieder mit Mundschutzmasken aufgetreten, auf denen die Namen von Opfern rassistischer Gewalt zu lesen waren. Osaka wurde zur Botschafterin der „Black Lives Matter“-Bewegung. Das gefiel in Japan nicht jedem. Warum? „Von Sportlern erwartet man hier nicht, dass sie ihre Meinung offen kundtun und den sozialen Wandel vorantreiben“, sagt Hiroki Ogasawara, Professor an der Universität Kobe, im Gespräch. „Sportler sind eher für die ästhetischen Dinge zuständig. Die Leute denken sich: Halt die Klappe und mach dein Spiel!“

Ein Statement lässt die Olympia-Organisatoren zittern

So passt Naomi Osaka gewissermaßen perfekt zu einem der Mottos der Olympiaorganisatoren, das lautet: „Vereint in Vielfalt.“ Osaka hat nicht eben nur Migrationshintergrund. Sie fällt auch dadurch auf, dass sie ihre Rolle als bekannte Athletin anders interpretiert als die meisten in Japan. Das wurde jüngst wieder deutlich, als sie vor dem Beginn der Ende Mai gestarteten French Open ankündigte, keine Pressekonferenzen geben zu wollen. Als ihr daraufhin eine Geldstrafe aufgebrummt wurde, zog sie sich aus dem Turnier zurück. Sie erklärte anschließend, dass sie an Depressionen leide.

Damit gibt Osaka mal wieder Anlass zu Diskussionen. War es gerechtfertigt, die Fragen der Journalisten für ihre Unsicherheit verantwortlich zu machen? Und falls ja, hätte sie nicht von vorneherein dem Turnier fernbleiben sollen? Schließlich hätte sie ohne Öffentlichkeit, für die sie die Presse ja braucht, ihren gut bezahlten Job nicht.

Als nächstes stellt sich aber eine weitere Frage, und zwar für die Organisatoren der Tokioter Spiele: Wird Naomi Osaka überhaupt dabei sein? Bei ihrer Nachricht, bei den French Open zurückzuziehen, kündigte sie auch an, den Tenniscourts für einige Zeit fernbleiben zu wollen. Besonders viel Zeit bis zum geplanten Olympiastart bleibt ohnehin nicht mehr. Und auf die Frage, was sie von Olympia in der Pandemie hält, hat Naomi Osaka auch schon gesagt, dass sie findet, die Sorgen der Öffentlichkeit sollten berücksichtigt werden. Ein Statement wiederum, das vielen gefallen hat. Den Organisatoren aber nicht.