BerlinCedric Enard ärgert sich nicht diskret. Dem Trainer der BR Volleys ist es schnell anzusehen, wenn sein Frustrationspegel steigt. Seine Gesten zeigen es, seine Gesichtsfarbe wechselt ins Rötliche. Am Sonnabend schleuderte er irgendwann eine Wasserflasche zu Boden. Der Franzose scheute sich dann auch nicht, die Kritik an seiner Mannschaft nach der unerwarteten 1:3 (22:25, 18:25, 28:26, 22:25)-Niederlage beim Bundesliga-Konkurrenten Bisons Bühl öffentlich zu äußern: „Ich ärgere mich sehr über dieses Spiel. Jede Serie kann reißen, aber nicht so.“ Nicht mit 25 Aufschlagfehlern bei nur zwei Assen. Nicht mit Angriffsquoten von 40 Prozent. Nicht mit so wenig Gegenwehr. „Heute haben wir gesehen, was passieren kann, wenn wir nicht bereit sind, ans Limit zu gehen. Nur weil BR Volleys auf dem Trikot steht, gewinnt man ein Spiel nicht“, schimpfte Enard.

Dann stieg er mit seinen Volleyballern in den Mannschaftsbus, um die mehr als 700 Kilometer von der badischen Großsporthalle durch die Nacht zurück nach Berlin zu fahren. Schlafen konnte er nicht. „Nach solchen Niederlagen kommt einem eine Fahrt von acht Stunden mindestens doppelt so lang vor“, sagte Enard am Sonntagvormittag.

545 Tage lang hatten die Berliner in der Volleyball-Bundesliga nicht mehr verloren. Sie waren stolz auf ihre Serie. In Bühl begannen sie gut, führten 16:10 im ersten Satz. Aber dann stoppte der Spielfluss. Es war, als begänne plötzlich ein neues Spiel. „Alle waren von der Rolle. Jeder hat ein bisschen was gut gemacht, aber viel schlecht. Erklären kann ich mir das nicht. Wir dürfen so einen Auftritt nicht haben“, haderte Manager Kaweh Niroomand.

In den vergangenen Tagen hatte er alles dafür getan, um seiner Mannschaft in der Champions League beste Voraussetzungen zu bieten. Nachdem der Europäische Volleyball-Verband den Modus der Königsklasse geändert und in den jeweiligen Vierergruppen je zwei Vorrundenturniere angesetzt hatte, um während der Corona-Pandemie allen Teams An- und Abreisen zu erleichtern, wurde den Berlinern die Organisation des ersten Vorrundenturniers vom 8. bis 10. Dezember in der Max-Schmeling-Halle zugesprochen. Während er am Sonnabend den Livestream verfolgte, fragte sich allerdings nicht nur Niroomand, sondern auch der ein oder andere Fan: Wie wollen die BR Volleys gegen Zenit Kasan oder Ljubljana bestehen, wenn es schon gegen Bühl nicht klappt?

„Wir wussten, dass Bühl eine gute Vorbereitung hatte, dass sie gute Spieler haben. Wir haben den Kampf vermissen lassen. Eigentlich können wir es so viel besser. Von Berlin erwarten alle natürlich etwas anderes“, sagte Außenangreifer Cody Kessel. Er kam für Tim Carlé in die Partie und nach dem 0:2-Rückstand wechselte Trainer Enard auch Pierre Pujol für Zuspieler Sergej Grankin ein. Das brachte den Berlinern kurzzeitig neue Energie und den Gewinn des Anschlusssatzes. Aber Bühl zeigte sich gut organisiert, die Außenangreifer des neuen Bundesliga-Tabellenführers nutzten ihre Chancen konsequent.

Im vierten Satz irritierten plötzliche Geräusche aus dem DJ-Pult, die so unsportlich wie unnötig waren, Benjamin Patch mal mitten im Angriff, mal mitten im Aufschlag. Sie steigerten den Frust der Berliner Spieler. Anschließend zerpflückte Bühls Außenangreifer Tómas López zwei Patch-Angriffe per Einerblock. Ein weiterer Block besiegelte die erste BR Volleys-Niederlage in einem nationalen Wettbewerb seit dem 5. Mai 2019. „Die Spieler haben gesehen, dass ich stocksauer war. Die meisten waren ja auch sauer auf sich selbst. Manche sind zu mir gekommen, um sich zu entschuldigen“, sagte Trainer Enard, der nicht vergaß, Bühl zum verdienten Sieg zu gratulieren. 

BR Volleys spielen am Mittwoch beim VC Olympia

Am Sonntag nach der langen Busfahrt und ein paar Stunden Schlaf in seiner Charlottenburger Wohnung begann er, hilfreiche Erkenntnisse aus der Niederlage herauszufiltern. „Das, was uns letztes Jahr ausgezeichnet hat, dieser unbedingte Siegeswille, muss neu entwickelt werden. Ich hatte am Sonnabend das Gefühl, dass nur eine Mannschaft gekämpft hat und meine Spieler sich überrascht gefragt haben: ‚Oh, was müssen wir jetzt tun?‘ Wir müssen als neu zusammengestellte Mannschaft noch lernen zu reagieren, wenn es schwierig wird“, sagte Enard.

Er werde die Niederlage bei der Videoanalyse am Montag nutzen, um allen klarzumachen, dass Siege niemals leicht errungen werden. Dass sie an jedem Tag gegen jeden Gegner immer wieder hart erarbeitet werden müssen. Das nächste Mal am Mittwoch etwa, wenn die BR Volleys beim VC Olympia im Sportforum Hohenschönhausen (19 Uhr/sporttotal.tv) antreten.