Die Fliegerbombe in Steglitz hat mir einen tollen Fußballabend beschert. Sie erzwang quasi die Wiederentdeckung eines schon fast vergessenen Gefühls.

Die Bombe wurde letzte Woche in einer Baugrube bei uns in der Nachbarschaft entdeckt. Sperrkreis 300 Meter, unser Haus war ganz knapp nicht betroffen. Die Häuser gegenüber mussten alle evakuiert werden. Eine Tochter und meine Frau kamen gerade noch nach Hause, freundliche Polizisten ließen es zu. Ich kam eine halbe Stunde zu spät.

Gepflegtes Bier mit neuen Freunden

Ich bin auf dem Heimweg und soll Döner für alle mitbringen. Montag ist bei uns Dönerabend. Als ich mich mit dem Rad unserem Kiez nähere, die Döner in der Satteltasche, versperren mir Polizisten den Weg. Die Entschärfung habe begonnen, der Sperrkreis sei auf 500 Meter ausgeweitet worden. Hm, ich versuche es mit moralischem Druck, sage, ich hätte das Abendessen dabei. Und ob sie es mit ihrem Gewissen vereinbaren könnten, dass meine Familie hungere? Kurzes Zögern. „Ja“, sagt einer der Polizisten. Freundlich, aber entschieden.

Ich umkurve unseren Kiez und versuche an drei anderen Stellen, Polizisten zu überzeugen, mich durchzulassen. Vergeblich. Keiner kann mir sagen, wie lange die Entschärfung dauern wird. Langsam bekomme ich Durst. Ich rolle durch die erweiterte Nachbarschaft und lande schließlich in einer Gaststätte. In einer klassischen Einraumkneipe. Die Einrichtung ist ein bisschen neuer, moderner, schicker, aber die Gäste sind einraumkneipenüblich. Zwei Handwerker, noch in Arbeitskleidung, beim Feierabendbier, die freundliche Bedienung hinterm Tresen, der Wirt und ein Freund des Wirtes, fast zwei Meter groß, mit winzigem Hund. Der Winzhund knurrt und bellt mich an. Sein Herrchen: „Der tut nix!“ Ich denk mir: Wie auch? Natürlich wird geraucht. Corona ist kein Thema. Die Tür steht ja offen.

An der Wand hängt ein Bildschirm, es läuft eine Fußballübertragung. Großartig. Ein gepflegtes Bier und Fußball gucken mit neuen Freunden. Ich erzähle, dass ich nur wegen der Bombe hier sei. „Bombe, hier bei uns? Dit kennt man doch nur von Oranienburg.“  Wir bereiten uns auf das Achtelfinale Frankreich–Schweiz vor. Das Knallerspiel der EM, was noch keiner weiß.

Anruf nach der Marseillaise

Früher bin ich öfter in die Fußballkneipe gegangen, zu Hause haben wir kein Sky, soo ein Fußballfan bin ich nicht. Zu den Spitzenspielen habe ich mich immer wieder mal mit meinem Freud verabredet. Natürlich nur dort, wo man definitiv gegen die Bayern ist. Wegen Corona ist das leider ausgefallen. Ich spüre, dass ich das vermisst habe. Die Bomben-Kneipe merke ich mir.

Kurz nach der Marseillaise meldet sich meine Frau. Die Bombe sei erfolgreich entschärft, ich könne jetzt nach Hause kommen. Schade. Das Spiel wird gerade angepfiffen.

Ein Polizist erzählt mit später – seine Kollegen sind gerade dabei, die Bombe in einen Lastwagen zu laden –, es sei eine deutsche Bombe mit einem nachträglich eingebauten russischen Zünder. „Kein Ding.“ Ich bewundere die Gelassenheit. Ein Bomben-Abend.