Vorbildlich: Zürichs U-21-Trainer Marinko Jurendic (l.) und Basels Cheftrainer Marcel Koller begrüßen sich vor dem Spiel.
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ZürichFabian Lustenberger, 32, der Kapitän des Schweizer Fußball-Meisters Young Boys Bern, sah wie das Gros der Profis der Super League am Dienstagabend gebannt nach Basel. Er sah, wie im St.-Jakob-Park das Duell zwischen dem FC Basel und dem FC Zürich ausgehen würde. Gastgeber Basel, noch hinter Young Boys und dem FC St. Gallen auf Platz drei im Rennen um den Titel, gewann 4:0 – aber gegen die U21 der Zürcher. 

Lustenberger, der einst zwölf Jahre bei Hertha BSC spielte und 220 Erstligaspiele für die Berliner bestritt, hat dieser Zeitung gesagt: „Das war keine Überraschung. Der Klassiker im Schweizer Fußball hatte sich ja zu einem ganz besonderen Match entwickelt, weil das Corona-Virus beim Zürcher Stadtklub zugeschlagen hatte.“ Als die Mannschaft von Trainer Ludovig Magnin in der vorigen Woche mit dem Bus zum Auswärtsspiel zu Xamax Neuchatel reiste (1:1), war es zu einer Infektion gekommen, warum auch immer.

Im deutschen Fußball wird über Spiele mit Fans auf den Rängen diskutiert. Wenn die Saison am 18. September wie geplant beginnt, sollen sich die Stadien wieder füllen. Der 1. FC Union hat die Debatte angestoßen. Er will vor all seinen 22.500 Zuschauern an der Alten Försterei auflaufen, diese vorher testen lassen. Ein kühner Plan, der Unterstützer, aber auch zahlreiche Gegner findet. Das Beispiel Schweiz zeigt, wie fragil das Konstrukt Profifußball ist. Man darf sich nicht in Sicherheit wiegen, muss alle Hygieneregeln streng einhalten und parallel an klugen Konzepten arbeiten, damit der Fußball wieder ein Erlebnis für alle wird. Doch selbst dann gibt es keine Garantien.

Cheftrainer Magnin beteuerte, es hätten sich alle an die Hygienevorschriften gehalten. Dennoch: Sechs Profis, drei Betreuer aus dem Trainerstab und FCZ-Präsident Ancillo Canepa hatte das Virus erwischt. Canepa, 67, war auch im Mannschaftsbus mitgereist und bei Hin-und Rückreise dabei.

Da das Gesundheitsamt des Kantons Zürich sofort alle Betroffenen in eine zehntägige Quarantäne schickte, stand der FC Zürich plötzlich ohne eine schlagkräftige Mannschaft da. Um aber einen im Raum stehenden Abbruch der Meisterschaft zu vermeiden, meldete der FCZ das eigene U21-Team an und schickte die junge Truppe ins Spiel nach Basel. Die schlug sich tapfer und fuhr „mit erhobenem Haupt“, so U21-Coach Marinko Jurendic nach Hause.

Bis zu 1.000 Zuschauer im Stadion

„Was hat diese Meisterschaft noch für einen Wert, wenn die Liga solch eine Wettbewerbsverzerrung zulässt?“, fragt die Neue Zürcher Zeitung.  Stephane Fournier, Journalist und ständiger Begleiter des FC Sion, sagt: „Das ist eine Farce.“ Das Gegenargument liefert Ancillo Canepa: „Wenn wir dadurch sicherstellen können, dass die Meisterschaft zu Ende gespielt werden kann, ist das im Interesse aller Vereine der Liga.“

Nach der Pause wegen des Virus startete die Liga im Juni in die Endphase, die ersten Wochen verliefen reibungslos. Sogar bis zu 1.000 Zuschauer waren in den Stadien erlaubt. Fabian Lustenberger berichtet: „Bei uns in Bern wurden 650 Tickets verlost, der Rest waren Organisatoren, Journalisten oder auch Familienangehörige. Jeder Spieler von uns bekam zwei Tickets. Alle Zuschauer wurden in verschiedenen Blöcken verteilt und saßen auf Abstand im Stadion.“

An der Spitze lieferten sich die Young Boys, St. Gallen und Basel einen spannenden Kampf, die Spiele besaßen gutes Niveau. Zu Beginn lag die medizinische Verantwortung noch beim Bund auf nationaler Ebene, später bei den Gesundheitsämtern der Kantone. Corona-Tests waren aber nicht wie in der deutschen Bundesliga obligatorisch. Auch bei Meister Young Boys gab es bislang keine Tests. Ein undenkbarer Vorgang in der Bundesliga, wo alle Profis ständig getestet wurden und die Saison mit Geisterspielen ordentlich zu Ende gespielt werden konnte. 

Das Problem der Schweizer Liga ist nun auch der knappe Zeitfaktor. Die Meisterschaft muss bis zum 3. August beendet werden. Noch sechs Spieltage stehen an, dann will die Europäische Fußball-Union (Uefa) die Europacup-Teilnehmer der nächsten Saison gemeldet haben.

Der von Corona betroffene FC Zürich aber kann zum Meisterschafts-Entscheider werden. Schon am Sonnabend erwartet der Klub zu Hause die Young Boys aus Bern. Am Freitag aber läuft die Quarantäne für Spieler und Trainer des Profiteam ab. Lustenberger sagt: „Ich habe keine Ahnung, ob Zürich mit den Profis oder mit der U21 gegen uns antreten wird.“  Wie sich Zürich verhalten wird, ist noch offen.

Lustenberger ist pragmatisch und sagt: „Wir müssen es nehmen, wie es kommt. Wir schauen nur auf uns. Am letzten Spieltag empfangen wir in Bern den FC St. Gallen. Es läuft auf ein richtiges Endspiel hinaus. Aber vielleicht können wir uns vorher einen kleinen Vorsprung erarbeiten.“

Am Mittwoch aber wurde ein neuer Corona-Fall beim Tabellenletzten Xamax Neuchatel öffentlich. Sollte der Kantonsarzt von Neuchatel die gesamte Mannschaft unter Quarantäne stellen, droht erneut der Super-GAU – der Abbruch der Meisterschaft.