Lauf-Veteran John Kunkeler in seinem Jazzclub Schlot an der Invalidenstraße in Berlin-Mitte.
Foto: Volkmar Otto

BerlinManchmal beginnt es wie bei John Kunkeler. Durch einen Impuls von außen. Er bekam diesen Anstoß damals, vor 40 Jahren, als ein Kollege eine Bemerkung machte, ein Lehrer wie Kunkeler, der fragte. „Du bist so dürr, warum läufst du eigentlich nicht?“ Ja, warum eigentlich nicht? Das fragte sich Kunkeler in diesem Moment und fand eine Antwort.

John Kunkeler läuft und läuft und läuft bis heute. Inzwischen ist er 72 Jahre alt und in der Szene, dieser globalen Bewegung der sich Bewegenden, ein bekannter Name, in Berlin, Deutschland, weltweit sogar. Er hat etliche Male an einem Marathon teilgenommen, in einem Tempo, das Amateure wie Profis beifällig nicken lässt. Und all das wegen einer Frage und einer Antwort, aber vor allem wegen einer Erkenntnis. „Die Kunst des Langstreckenlaufens ist es, einteilen zu lernen“, sagt Kunkeler.

Darum also soll es in dem Gespräch mit dem erfahrenen Läufer gehen. Um den Impuls, diesen flüchtigen Freund, der so rasch nachlassen kann, ins Leere läuft, im Wortsinn. Kunkeler hat das oft genug in seinem Umfeld beobachtet. „Der größte Fehler, den man begehen kann, ist die Selbstüberschätzung“, sagt der gebürtige Niederländer.

Vor allem Anfänger neigen zur Übertreibung, weil sie ihre Grenzen nicht kennen. Der Körper kennt sie, das schon, doch er protestiert oft erst, wenn es zu spät ist. Muskeln schmerzen, Bänder ziehen, Sehnen brennen, Gelenke stechen, der Kreislauf zeigt sich irritiert. Aus dem „Hurra, ich laufe!“ wird ein „Keine Zeit, keine Lust.“. Aus dem Beginn einer Leidenschaft wird ein Ende unter Flüchen.

„In sich reinhören“, rät Kunkeler daher, nicht nur Anfängern, aber ihnen ganz besonders. Der Körper äußert ja Wünsche, bei der Bewegung selbst, aber auch in den Ruhephasen. Er verlangt nach angemessener Ernährung, nach ausreichend Flüssigkeit. „Oder das Rauchen“, sagt Kunkeler, „wer mit dem Laufen beginnt und raucht, hört meist sehr schnell auf damit.“ Und dann der Schlaf, meist wird er tiefer und erholsamer.

Vernünftig äußert sich der Körper auch beim Laufen selbst. Sich penibel an Intervalle zu halten, zwei Minuten zu laufen, eine Minute zu verschnaufen, diese Art Empfehlung aus Ratgebern für Einsteiger, könne helfen, sagt Kunkeler. „Aber weniger nervig ist es, auch das nach Gefühl zu machen.“ Es gilt: vorsichtig anlaufen, dann erst dehnen, dann laufen und immer eine Pause einlegen, wenn einem danach ist. „Wer dreimal pro Woche dranbleibt“, sagt Kunkeler, „hat schnell einen Effekt.“

Auch dafür hat er eine Strategie: fürs Dranbleiben und Dosieren. „Am besten läuft man zu zweit oder in einer Gruppe“, sagt Kunkeler. In Gesellschaft kommt es zu Gesprächen, die gut sind gegen Eintönigkeit und zu hohes Tempo. „Wer beim Laufen noch genug Puste hat, um zu quatschen, läuft genau richtig.“

Puls 130, diese Marke fürs gesunde Traben, lässt sich so ziemlich genau treffen, auch ohne einen Pulsmesser, der piept, meckert, ablenkt vom Lauferlebnis. Die Gruppe zwingt automatisch zur Mäßigung. Kunkeler hat sich dafür ein Bild ausgedacht: „Ich sage immer: Vorne laufen die Bleistifte, hinten die Radiergummis.“ Das dicke Ende kommt am Schluss.

Kunkeler läuft bis heute gut mit der Gruppenstrategie. „Als ich angefangen habe“, erzählt er, „Ende der 70er, Anfang der 80er, da war es ja auch ganz normal, dass man in einen Verein eintritt.“ Er schloss sich zunächst dem BSV 92 an, wechselte später zum SCC und hält den Charlottenburgern bis heute die Treue.

Die Bereitschaft, sich an eine Organisation zu binden, hat allerdings abgenommen. Sportvereine suchen seit langem nach Strategien gegen diesen Trend. „Man sollte in einen Verein gehen können, ohne sich sofort anmelden zu müssen“, sagt Kunkeler. Beim SCC zum Beispiel können sich Läufer so auf einen Marathon vorbereiten.

Auf die 42,195 Kilometer in Berlin zum Beispiel. Diesen Wettbewerb hat Kunkeler sehr schnell für sich entdeckt und zusammen mit Horst Milde, dem damaligen Renndirektor vom SCC geprägt. Sie haben die Strecke konzipiert, so, wie sie bis heute Sportler und Zuschauer zu Zehntausenden anzieht. „Wir wurden für bekloppt erklärt wegen der neuen Strecke“, erzählt Kunkeler. „Die alte Strecke war ja gut für Bestzeiten.“ Doch erneut trog Kunkeler das Gefühl nicht. „Gleich bei der Premiere hatten wir einen Weltrekord“, erzählt er.

Gefühl ist gut, Kontrolle manchmal hilfreich. Den schnellsten Marathon seines Lebens lief John Kunkeler in der Heimat. 2:26 Stunden waren seine Zeit und sein Erstaunen groß. Immer größer wurde das Misstrauen, als die ersten acht im Ziel einer nach dem anderen über eine Bestzeit jubelten. „Wenn so etwas passiert, sollte man stutzig werden.“

Kunkeler ging der Sache auf den Grund und siehe da: Es fehlten 800 Meter an den 42,195 Kilometern. Seither misst er immer mal wieder nach. Im Auftrag des Leichtathletik Weltverbandes (IAAF) macht Kunkeler das. Zu Olympischen Spielen hat ihn dieser Job sogar geführt. „Die Leistungen müssen ja vergleichbar sein“, sagt er. In den Metropolen Europas hat er jede Marathonstrecke mindestens einmal vermessen. „Man bekommt schnell ein Renommee.“

Kunkeler hat nie mehr bei einem Marathon die Zeitgrenze von 2:30 Stunden unterschritten. Höchstgeschwindigkeiten stehen bei ihm inzwischen sowieso nicht mehr im Vordergrund. „Ab einem Alter von 40 nimmt die Leistungsfähigkeit ohnehin um ein bis zwei Prozent pro Jahr ab.“

Für Einsteiger ist es allerdings nie zu spät. „Es gibt Leute, die fangen mit 60 an mit dem Laufen“, erzählt Kunkeler. Jeder noch so verkorkste Lebenswandel lässt sich korrigieren. Wenn Haruki Murakami es geschafft hat. „Ein sehr bekannter Japaner“, sagt Kunkeler. Murakami ist Schriftsteller, mit Preisen überhäuft und in 50 Sprachen übersetzt, hatte einen Jazzclub, trank Alkohol, gern und reichlich. „Er ist fast mein Jahrgang“, sagt Kunkeler. „Er lief 1983 seinen ersten Marathon, wie ich.“

In dem Gespräch geht es gerade um Rhythmus, um Musik und die Frage, was ein Läufer von einem Jazzer lernen kann. Kunkeler ist ja auch ein Jazzer, durch und durch, er betreibt an der Invalidenstraße in Berlin-Mitte zusammen mit Stefan Berker das Schlot, diesen bekannten Club. Wobei das im Moment der falsche Begriff ist: betreiben. Der Betrieb ruht wegen der Corona-Pandemie.

Seit dem Shutdown vor drei Monaten hat kein Gast, kein Musiker mehr einen Fuß ins Schlot gesetzt, wurde kein Umsatz gemacht, liefen die Kosten in Höhe eines mittleren vierstelligen Betrags pro Monat jedoch weiter.

Immerhin hat der Jazzer Kunkeler von dem Läufer Kunkeler lernen können: das Dranbleiben. Sie haben eine Übergangshilfe vom Senat bekommen, das auch. Sie sind aber auch aktiv geworden. „Wir verkaufen Schutzmasken“, sagt er. Darauf zu sehen ist der Schriftzug: Schlot. „Die nähen wir selbst, jede Kellnerin, die eine Nähmaschine zu Hause hat, macht mit.“ Mehr als 8000 Euro sind auf diese Art zusammengekommen. „Bis August halten wir damit durch, vielleicht auch bis September“, sagt Kunkeler. „Danach muss es weitergehen, sonst …“

Auch am Rande des Berlin-Marathons wird es keinen Jazz geben, weil es keinen Berlin-Marathon gibt. 90 Gruppen spielen sonst entlang der Strecke. Kunkeler hatte irgendwann die Idee dazu, klar. Er tüftelt nun Jahr für Jahr aus, welche Band wo steht. Das nächste Mal 2021, hoffen Kunkeler und Kollegen jedenfalls.

Können die Musiker an der Strecke dann den Läufern etwas mit auf ihren Weg geben? „Gefühl“, sagt John Kunkeler. Es ist ein passendes Ende für das Gespräch. Denn ohne Gefühl läuft beim Laufen nichts.