Álvaro Odriozola bei seiner Vorstellung beim FC Bayern.
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MünchenAls Hansi Flick jüngst über das Anforderungsprofil für den gewünschten Rechtsverteidiger sprach, griff er ins oberste Regal. Er „denke da einfach nur an Philipp Lahm“, sagte der Trainer des FC Bayern. Dass Lahm, Champions-League-Sieger von 2013 und Weltmeister von 2014, bis zum Karriereende 2017 nebenbei noch zu Weltklasseleistungen im defensiven Mittelfeld fähig war, erwähnte Flick zwar nicht. Doch auch so genügte sein Anspruch, um die Kandidaten und Hasan Salihamidzic mittelschwer zu erschrecken. Einen neuen Lahm zu finden, zumal in der sehr überschaubaren Auslage des Wintermarkts, war für den Sportdirektor ebenso unmöglich wie für einen potenziellen Zugang, ein neuer Lahm zu sein.

Herausgekommen ist am Mittwoch die Leihe von Álvaro Odriozola, 24, der als ehemaliger spanischer U21- und viermaliger A-Nationalspieler sowie Profi von Real Madrid zwar eine Visitenkarte mitbringt, mit der sich durchaus Eindruck schinden lässt. Seine jüngsten Leistungsnachweise geraten allerdings überschaubar: nur vier Ligaeinsätze für Real, der letzte vom 19. Oktober, als er sich eine Gelb-Rote Karte einhandelte und danach nur noch selten im Kader stand. Hinzu kam sein einziger Einsatz in der Champions League im letzten (und unbedeutenden) Gruppenspiel am 11. Dezember beim FC Brügge. Insgesamt 434 Spielminuten und eine Torvorlage sind eher nicht die Saisonbilanz eines neuen Lahm.

Zufrieden zeigen sie sich beim FC Bayern unter den komplizierten Umständen des Winters dennoch mit ihrer Verpflichtung. „Er hat Fähigkeiten, die wir brauchen“, sagte Salihamidzic bei der Präsentation des Basken mit der Trikotnummer 2 und hob hervor, dass dieser „viel Druck ausüben“ und „90 Minuten lang Tempo machen“ könne – und zwar schon Sonnabend gegen Schalke. Das hofft auch Odriozola, mit 1,76 Meter sechs Zentimeter größer als Lahm und mit 66 Kilogramm genauso leicht. „Ich bin bereit und möchte keine Zeit verlieren“, sagte er nach seinem ersten Training an der Säbener Straße.

Deal berührt die anstehende Transferoffensive nicht

Es ist ein Deal zu vergleichsweise günstigen Konditionen, die die geplante Transferoffensive im Sommer (Topkandidaten Leroy Sané und Kai Havertz) nicht berühren. Ähnlich wie die Leihen von Philippe Coutinho und Ivan Perisic, die eher nicht übers Saisonende hinaus verpflichtet werden. Rund drei Millionen Gebühr soll Real erhalten, was einem Zehntel jener Ablöse entspricht, die die Königlichen vor anderthalb Jahren an Real Sociedad San Sebastián zahlte, ehe sie Odriozola mit einem Vertrag bis 2024 ausstatteten. Dass seine Karriere zuletzt ins Stocken geriet, hat die Bayern nicht nachhaltig irritiert. Denn Odriozola bringt durchaus einiges davon mit, was Flick noch in seinem Anforderungsprofil umrissen hatte. „Wir brauchen da Spieler, die das Spiel bestimmen können“, sagte er und verwies auf die „DNA und Philosophie“ des FC Bayern: „Wenn wir so spielen wollen, brauchen wir dementsprechend auch die Spieler.“ Gemeint war, dominant, offensiv und mit Rasanz anzugreifen, also mit spektakulärem Ballbesitzfußball, nicht mit Betonung auf Sicherheitskonzepte.

In das Gesamtbild fügt sich indes auch, dass es für Odriozola keine Kaufoption für den Sommer geben soll, womit er vorerst als schnell vergängliche Übergangslösung gilt.  Sein Transfer zielt erst mal nur darauf ab, im Hier und Jetzt Flicks Optionen zu erweitern. Joshua Kimmich kann er nun wie gewünscht fest als Sechser einplanen und Benjamin Pavard als rechten Innenverteidiger statt Jérôme Boateng, dessen Abgang „im Moment kein Thema“ sei, wie Salihamidzic sagte, obwohl Lucas Hernández in Kürze wieder spielfit sein wird. Auch eine offensivere Rolle für den gelernten Linksaußen Alphonso Davies wäre dann denkbar.