Nun erleben auch Deutschlands Wasserballer in Südkorea eine Art Wiedergeburt. Ähnlich wie die Eishockeykollegen, die mit ihrer Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Gangneung vor eineinhalb Jahren geradezu Sensationelles leisteten, genießt auch die schon totgesagte Sparte des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV) nun ein neues Hoch in Sachen Selbstwertgefühl und Außendarstellung. Wenn bei der WM in Gwangju am Dienstag (8.30 Uhr, MEZ, Livestream auf zdfsport.de) der große Turnierfavorit Kroatien wartet, ist ein Erfolg eigentlich ausgeschlossen. Dennoch sagt Kapitän Marko Stamm: „Wenn die gegen uns verlieren, können die sich zu Hause nicht mehr sehen lassen. Vielleicht können wir es ja schaffen, sie unruhig werden zu lassen.“

Der 30 Jahre alte Berliner und Sohn des Bundestrainers Hagen Stamm steht sinnbildlich für den Kampfgeist des deutschen Teams bei diesem Turnier. Im zähen Auftaktspiel dieser WM gegen Japan, als Julian Real vier Sekunden vor dem Ende den 9:9-Ausgleich erzielte und somit die gute Ausgangsposition rettete, zog sich Stamm einen Bänderriss zu. Weil das Turnier für ihn beendet schien, wirkte er wie alle deutschen Wasserballer frustriert, die einen Fehlstart vermuteten.

Stamm ist bereit zur Qual

Dann aber entschied sich Stamm, das Team trotz der höllischen Schmerzen weiterhin zu unterstützen, sich noch mehr zu quälen, als das Wasserballer ohnehin bei ihrer Arbeit tun. „Mit dem Adrenalin im Körper spüre ich die Schmerzen kaum noch“, sagte er gestern per Telefon. Beim 15:8 gegen Brasilien, das aufgrund der Höhe wegweisend für Gruppenplatz zwei war, erzielte er fünf Treffer. Und beim 7:8 gegen den Olympiadritten Italien kämpfte er an der Seite der Kollegen für diesen Achtungserfolg.

Dass das Achtelfinale gegen Südafrika ein Selbstgänger würde (25:5), war aufgrund des Leistungsunterschieds der Mannschaften absehbar. „Da konnte ich mich dann zum Glück etwas schonen. Für mich fühlte sich die Verletzung aber auch nicht so dramatisch an, wie man nach einigen Medienberichten den Eindruck haben musste.“

Bitte an den Papa

Obwohl es gegen Kroatien ungleich schmerzhafter werden dürfte, sind die WM-Auftritte mit den Kollegen Entschädigung für vieles, was in den vergangenen Jahren schiefgelaufen ist mit je zwei verpassten Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften sowie dem Gefühl, langsam in der Versenkung zu verschwinden. „Die Stimmung ist fantastisch, wenn jeder weiß, dass sich die Jungs links und rechts den Arsch aufreißen“, sagt Stamm, „wir alle haben den Olympiatraum.“

Stamm selbst hat entscheidend dazu beigetragen, dass es nach vielen Rückschlägen wieder aufwärtsgeht. Denn er ist an seinen Vater, ohne den im deutschen Wasserball offensichtlich wenig läuft, herangetreten und hat ihn nach seinem Rücktritt als Bundestrainer 2012 darum gebeten, zurückzukehren. „Ich habe einmal gesagt: ,Papa, bitte, ohne dich schaffen wir es nicht’“, erzählt Stamm junior. „Sonst wären wir aus dem Loch nicht mehr rausgekommen.“

Unterstützung des DSV

Unabhängig vom Ausgang des WM-Viertelfinals ist schon jetzt „ein Riesenschritt“ geschafft, wie Bundestrainer Hagen Stamm findet. Neben der Erkenntnis für die Sportler, dass sie wieder zur erweiterten Weltspitze gehören, haben auch die Entscheidungsträger in Deutschlands wichtigsten Sportgremien die Aufbruchsstimmung erkannt. „Wir konnten alle Lehrgänge machen“, sagte Stamm dem Deutschlandfunk, „wir hatten auch Krafttrainer und Physiotherapeuten dabei.“ Es könne längst keine Rede mehr davon sein, dass der DSV seine Sparte unzureichend unterstütze. Zudem erhöht sich die finanzielle Zuwendung für die Spieler durch die Sporthilfe dank einer Platzierung unter den besten Acht bei dieser WM.

Dass in der Großraummensa des Athletendorfes am Montag lautstark gesungen wurde, lag allerdings weniger an den Erfolgen der deutschen Mannschaft. Stamms Teamkollege bei Spandau 04, Marin Restovic, feierte seinen 28. Geburtstag. „Und alle in dem Raum haben mitgesungen“, erzählt Marko Stamm. Man mag sich kaum ausmalen, was passieren würde, wenn das DSV-Team tatsächlich den Coup gegen Kroatien schafft. Denn der wäre wohl noch sensationeller als die Silbermedaille der deutschen Eishockeycracks bei Olympia 2018.