Frankfurt - Er hatte seinen Abschied eigentlich schon vor anderthalb Monaten aus dem Marrakesch-Urlaub verkündet. Am 1. Juni lud Sébastien Haller, 25, ein Foto in seine Story auf Instagram hoch. „Traurig, den Club verlassen zu müssen, aber alles Gute hat irgendwann ein Ende.“ Haller garnierte das mit einem weinenden Emoji. Die Fußball-Fans der Frankfurter Eintracht waren in heller Aufruhr, im Netz wurde wild über einen möglichen Abgang des Top-Stürmers diskutiert.

Stunden später löste der Franzose dann auf, dass es sich hierbei nur um einen Scherz handelte. „Sorry, hatte kein Netz“, schrieb er und postete dann ein Foto von einem bekannten Ferienclub. „Bye, bye @Clubmed.“ Zum Schluss setzte er noch 21 Lachsmileys. Der Scherz von Seb, dem Witzbold, kam bei den Eintracht-Anhängern, sagen wir mal freundlich ausgedrückt, weniger gut an. Klar war spätestens jetzt: Ein Wechsel im Sommer müsste nach diesem Instagram-Fauxpas, der im Übrigen auch intern beim hessischen Traditionsklub nicht gut ankam, eigentlich ausgeschlossen sein, sollte es sich Haller denn nicht ganz mit der Frankfurter Anhängerschaft verscherzen wollen.

Eintracht verkündet Wechsel via Twitter

Am gestrigen Vormittag verkündete Eintracht Frankfurt dann via Twitter, dass man sich mit West Ham United über einen Transfer bezüglich Sebastién Haller geeinigt habe. „Infolgedessen hat Haller die Freigabe, um die medizinische Untersuchung in London zu absolvieren“, hieß es. „Sollte diese einen positiven Verlauf nehmen, wird sich Haller den Hammers anschließen.“

Also doch, Haller ist weg. Nach Luka Jovic, der zu Real Madrid abgewandert ist, nun schon der zweite Top-Angreifer. Und der Abgang, der die Eintracht wohl am härtesten trifft. Haller war zweifelsohne ein Schlüsselspieler. Der kompletteste Stürmer im Kader, wuchtig, athletisch, kopfballstark, gute Technik, starker Abschluss. 2017 hatte ihn die Eintracht für sieben Millionen Euro aus Utrecht geholt. Der 1,90-Meter-Hüne steigerte seinen Wert in den letzten vier Jahren um mehr als 3000 Prozent von 1,25 auf jetzt 40 Millionen Euro. Auf 20 Tore und zwölf Assists kam Haller allein in den 41 Pflichtspielen der vergangenen Saison.

Haller selbst machte im März in einem Interview mit der Bild-Zeitung deutlich, dass er Frankfurt nicht verlassen werde im Sinne von: „Ich haue jetzt ab. Es müsste schon ein Klub sein, zu dem ich unbedingt hin wollen würde. Ich werde auch nicht aus rein finanziellen Gründen gehen. Das ist ausgeschlossen.“

Wieso aber dann wechselt man von einem ambitionierten Bundesligisten mit großartigen Fans zu einem Mittelklasse-Klub in die englische Premier League, der in der abgelaufenen Saison nur auf Rang zehn landete, der nicht europäisch spielt und bei dem sich in der Vergangenheit kaum ein Akteur für höhere Aufgaben empfohlen hat (Marko Arnautovic mal ausgenommen, der dem Lockruf des Geldes folgte und seine Karriere nun in China ausklingeln lässt)?

Es ist wohl auch hier das liebe Geld. Sieben Millionen Euro pro Jahr soll Haller englischen Medienberichten zufolge im Londoner Osten verdienen. Der Spieler und dessen Beraterstab denken bei diesem durchaus lukrativen Deal allerdings kurz- statt weitsichtig. Sportlich wird ihm der Wechsel auf die Insel nicht viel bringen. Mit Frankfurt, das international spielt, hätte sich Haller auch in der neuen Saison für höhere Aufgaben und demnach (noch) größere Klubs empfehlen können. Ein Luka Jovic hat es vorgemacht.

Der Wechsel birgt für Eintracht Chance und Risiko zugleich

In Frankfurt sollte man jetzt allerdings nicht Trübsal blasen. Fast 100 Millionen Euro werden die Adlerträger dank der beiden Transfers am Ende eingenommen haben. Das eröffnet einem Klub wie Eintracht Frankfurt, der sich vor fünf Jahren noch über Einnahmen in Höhe von 2,5 Millionen Euro im Zuge eines Wechsels von Pirmin Schwegler nach Hoffenheim freute, völlig neue Möglichkeiten, um strukturell nachhaltig zu wachsen.

Es birgt aber auch Risiken. Die Eintracht muss ohne ihre Büffelherde die (offensive) Spielweise verändern, mit Jovic und Haller haben Torgarantien den Verein verlassen. Dass Wunschspieler wie Martin Hinteregger (Augsburg), Kevin Trapp (Paris) oder Sebastian Rode (Dortmund) neun Tage vor dem ersten Pflichtspiel noch immer bei ihren Stammvereinen sind, dürfte den Verantwortlichen zunehmendes Kopfzerbrechen bereiten.