Wahrscheinlich wird es auch in Darmstadt Friseursalons geben, Cafés, Möbelhäuser und die üblichen Konsumtempel, auf die Fußballprofis genauso wenig verzichten können wie der Rest der Menschheit. Und wahrscheinlich wird Peter Niemeyer jemanden finden, der ihm die richtigen Tipps gibt. Wo die Haare scheiden? Wo Kuchen bestellen? Woher die neue Couch für die neue Wohnung?

Jeder Verein hat mindestens einen Spieler in seinen Reihen, der die Neuen in Empfang nimmt, sie herumführt, berät, einweiht, einen inoffiziellen Integrationsbeauftragten, der weiß, dass Teambuilding bereits mit dem Überqueren der Stadtgrenze beginnt. Niemeyer, der Hertha BSC nach fünf Jahren verlässt und zum SV Darmstadt 98 wechselt, war jedenfalls so ein Spieler, ein echter Kapitänstyp. Wer neu war in Berlin, der war richtig bei ihm.

Es ist kein schöner Abschied. Und das Abschiedsgeschenk, das der zugegeben etwas aus der Fußballmode gekommene Mittelfeldspieler von Pal Dardai bekommen hat, ein letztes Hinauskompliment war das, darauf hätte Niemeyer, 31, wohl am liebsten verzichtet. Der Trainer sagte: „Peter ist ein guter Spieler für die Kabine.“ Er meinte: Peter ist zu schlecht für den Platz. Zuletzt durfte Niemeyer nicht ins zweite Trainingslager reisen, durfte danach auch nicht mal mehr an den Taktikeinheiten teilnehmen. Er musste sich mit dem ebenfalls unerwünschten Sandro Wagner lange Pässe zuspielen.

Ein würdiger Klubvertreter

Wenn auch Wagner demnächst Berlin verlässt, werden Hertha gleich zwei Spieler fehlen, zwei sogenannte Persönlichkeiten, für die es immer zur Profipflicht gehörte, die Vereinsfarben nicht nur im Stadion zu tragen. Als etwa Anfang Juli ein Fußballturnier für Kinder mit Behinderung stattfand, schaute Wagner gerne vorbei – und alle waren begeistert. Augenzeugen berichten von angenehmen Umgangsformen, viel Humor und klugen Antworten auf Kinderfragen, kurzum: ein würdiger Klubvertreter. Das lässt sich auch von Niemeyer sagen, der nach der Saisoneröffnung und ein paar Autogrammminuten nicht sofort in der Kabine verschwunden ist wie viele andere. Jedenfalls ist auch die Wahrscheinlichkeit groß, dass wenigstens ein Herthaner das große Fantreffen in Schladming besucht hätte, wenn einer von beiden nach Österreich mitgereist wäre. Nähe ist nicht verboten im Fußball.

Ob Dardais Einschätzung so stimmt, dass Peter, der große Kabinenfußballer, dieser Mannschaft nicht mehr helfen kann, wird sich noch zeigen. In Darmstadt sehen sie das sowieso anders. Sie klauben sich zurzeit aus allen Bundesligarichtungen erfahrene Spieler zusammen, die wissen, was Abstiegskampf bedeutet, denn nichts anderes erwartet ja den Neuling. Und mit Niemeyer haben sie eine hervorragende Wahl getroffen, denn der ist auf beiden Gebieten ein anerkannter Experte: Er ist abstiegserfahren und kampferprobt zugleich. Und er freut sich schon: „Es werden etliche Duelle nach dem Motto: David gegen Goliath, das ist enorm reizvoll für mich.“ Gute Reise und viel Glück bei der Barbiersuche in Darmstadt!

Erinnerungen an den Abstieg

Man wird sich schon wiedersehen, und je nachdem, wie abstiegsnah die neue Saison für Hertha läuft, wird Niemeyer vielleicht auch aus der Entfernung einschätzen können, was in der Kabine passiert. Er sagte einmal, als er noch nicht an Abschied dachte und seine Worte damals noch aus Rücksicht auf Hertha nicht gleich gedruckt sehen wollte: „Ich habe besonders in Berlin gelernt, wenn es läuft, wenn du gewinnst, wenn du zusammen Siege feierst, dann hast du einen super Teamgeist. Aber wenn es scheiße läuft, dann ist alles weg.“ Und er sagte: „Eine Mannschaft ist ein sehr zerbrechliches, ein labiles Gefüge. Im Abstiegsjahr hatten wir auch zehn Teamabende, wir haben gegrillt, aber das Schiff war schon so am Wanken, da waren schon so viele Löcher im Bug – das Ding konnte nur untergehen. Dem muss man frühzeitig entgegensteuern, dass die Leute nicht egoistisch werden.“

Egoismus ist das Vorletzte, was man Niemeyer vorwerfen kann. Dahinter kommt nur noch die fehlende Einstellung. Er hat sich nicht beschwert, als ihm nach dem Aufstieg die Kapitänsbinde entzogen wurde, hat auch nicht gemeckert, als er immer häufiger auf der Reservebank Platz nehmen musste. Nur in den vergangenen Wochen war er auch öffentlich enttäuscht von der Art seiner Abschiebung. Und dann hat er es doch getan: Peter Niemeyer hat zuerst an sich gedacht und Berlin verlassen.

Doch anscheinend wird er nach drei Jahren in Darmstadt wieder zurückkehren. In einer etwas umständlichen Pressemitteilung heißt es: „Er wird dann bei Hertha BSC den Einstieg in seine Karriere nach der sportlichen Laufbahn vollziehen.“ Der Verein weiß also doch, was er an ihm hat.