Lean Wilksen hat auf dem Faustballfeld in der Regel den größten Überblick. Nicht nur, weil er und sein Zwillingsbruder Tobias schon wenige Wochen nach ihrer Geburt von den Eltern mit zu ihrem ersten Turnier genommen wurden. Anders geht das halt nicht, wenn sich Mutter und Vater dieser – zwar nicht ganz so populären, aber seit mehr als 2000 Jahren gespielten Sportart – mit Faust und Seele verschrieben haben.

Mit zwei Jahren rannten die Brüder bereits am Spielfeldrand dem Faustball hinterher, während die Eltern sich beim Punktspiel auf dem Feld mühten. „Als sie fünf Jahre alt waren, haben wir sie erstmals zum Faustball-Training geschickt“, erzählt Mutter Andrea Wilksen, die jahrelang für die Berliner Turnerschaft in der Bundesliga spielte und heute die Mädchen des Vereins trainiert. Bald zeigte sich, dass sich die Jungs nicht nur recht geschickt bei dem Ballspiel anstellen, sondern auch in anderer Hinsicht ihre Mitspieler überragen – sie wachsen wesentlich schneller als alle anderen. Inzwischen sind die beiden 15 Jahre alt und passen kaum noch durch die Wohnungstür in der Londoner Straße im Wedding. Tobias ist 1,95 Meter groß, Lean bringt es gar auf 2,03 Meter.

Voller Schillerpark

Gäbe es eine Familien-Liga – die Wilksens hätten dort sicher gute Chancen. Mutter Andrea und Lean im Angriff, Tobias als Zuspieler, Vater Peter sowie Andreas Bruder in der Abwehr. Beim Wedding-Cup an diesem Wochenende in Berlin böte sich durchaus die Gelegenheit dazu, denn bei dem größten Faustballturnier der Welt treten am Sonnabend und Sonntag nicht nur Spitzenteams, sondern auch sehr viele Freizeit- und Nachwuchsmannschaften an. Doch die Wilksens haben am Wochenende anderes zu tun. Lean und Tobias wollen mit ihrem U16-Team um den Sieg in ihrer Altersklasse spielen, und die Eltern müssen dafür sorgen, dass an den beiden Tagen im Schillerpark im Wedding alles reibungslos abläuft. Denn seit nunmehr 20 Jahren sind die beiden Faustballverrückten der Berliner Turnerschaft die Cheforganisatoren des Turniers.

„Das wurde 1985 zum ersten Mal mit 25 Berliner Mannschaften ausgetragen“, erzählt Peter. „In diesem Jahr sind über 200 Teams am Start.“ Der Teilnehmerrekord stammt aus dem Jahr 2015. Damals traten 271 Teams beim Wedding-Cup an. 300 hatten gemeldet, „aber so viele bekommen wir selbst im Schillerpark nicht unter“, sagt der Organisations-Chef.

Der rund 28 Hektar große Volkspark verwandelt sich an diesem Wochenende wieder zu einem riesigen Faustball-Eldorado. 22 Spielfelder wurden – natürlich von den Wilksens und vielen Freunden per Hand – auf dem riesigen Rasenplatz hergerichtet. Wenngleich, von Rasen kann in diesem Jahr ebenso wenig die Rede sein wie in all den Jahren zuvor. „Da sind aufgeschrammte Oberschenkel und Knie nicht zu vermeiden“, weiß Peter Wilksen. Aber die Spieler würden das gelassen nehmen. Hauptsache ein großes Fest. Wilksen sagt: „Faustballer kennen keinen Schmerz.“

Der 51-Jährige faustet und hechtet seit seinem zehnten Lebensjahr dem Ball hinterher. Zuerst viele Jahre in Heimatstadt Bremen, bis er Andrea kennenlernte. Wo? „Na, bei einem Faustballturnier“, sagt er. Wo sonst!

Elf Titel bei 14 Weltmeisterschaften

Peter war schon damals in der Faustball-Familie sehr bekannt, weil er in Bremen jahrelang ein beliebtes Turnier organisiert hatte. Klar, dass sich so einer nach dem Umzug in die Stadt seiner großen Liebe auch gleich wieder im Sport engagierte, im Verein seiner Frau, der Berliner Turnerschaft. Zuerst organisierte Peter Wilksen die heute immer noch beliebten Schiffstouren, die alljährlich am Abend des ersten Wedding-Cup-Tages stattfinden. Jahr für Jahr übernahm er weitere Aufgaben, „bis ich die Organisation komplett in meiner Hand hatte“ – natürlich mit seiner Frau Andrea „und mit vielen Helfershelfern“, wie sie beide betonen. „Ansonsten ginge das gar nicht.“

Aus dem Berliner Wedding-Cup ist längst das bekannteste und größte Faustball-Turnier in der Welt geworden. Was auch ein wenig damit zu tun hat, dass Faustball vor allem in Europa und Südamerika gespielt wird und in Deutschland am populärsten ist. Bester Beweis: Bei den bisher 14 ausgetragenen Weltmeisterschaften errangen die deutschen Männer allein elfmal den Titel. Nicht weniger dominant sind die Frauen mit bisher sechs Titeln bei acht Meisterschaften. Neben den Deutschen haben es bisher nur die Schweiz, Österreich und Brasilien ebenfalls zu Titelehren gebracht.

Deutschland ist das Mutterland

Andrea und Peter Wilksen stehen in einem Supermarkt-Raum und packen Präsentkörbe. In 40 große Päckchen werden allerlei Leckereien, von der Tüte Gummitiere bis zum kleinen Fässchen Bier, für die erfolgreichsten Teams des Turniers liebevoll verstaut. Das hat ebenso Tradition wie die Vergabe von Wanderpokalen. Dabei gilt: „Die größten Pokale gehen an die jüngsten Teams, „denn die Kinder freuen sich am meisten darüber“, weiß Peter Wilksen.

Von der Altersklasse U8 bis zum Ü60-Team wird am Wochenende alles auf den 22 Spielfeldern vertreten sein: Spitzenmannschaften, Nachwuchsteams und Freizeitspieler. Neben Teams aus allen Bundesländern sind unter anderem auch Mannschaften aus Tschechien und Dänemark mit von der Partie. Im Vorjahr waren sogar „ein paar Exoten aus den USA und aus Namibia dabei“, berichtet Peter. „In der Regel sind das Faustballer, die deutsche oder deutschsprachige Wurzeln haben.“ Und fährt fort: „Wir sind wie eine richtige große Familie.“ Bei dem Turnier gehe es weniger um den Erfolg. Dabei sein ist alles. Und Fairness wird groß geschrieben. „Bei uns wird nicht mit den Schiedsrichtern gestritten. Im Zweifel gibt ein Spieler es selbst zu, wenn er einen Fehler gemacht hat – na ja, jedenfalls in den meisten Fällen.“
Und stolz zeigt der Vater auf seinen Sohn, den 2,03-Meter-Riesen Lean. „Der hat schon einmal einen Fairness-Preis bekommen, weil er sich zu einem Regelverstoß bekannt hatte.“ Was nicht heißt, dass am Wochenende ohne Ehrgeiz gespielt wird. Vor allem die Nachwuchsteams wollen sich beweisen, vorneweg die Wilksen-Brüder.

Ziel: Nationalspieler

Beide spielen seit einem Jahr in der U16. Mit der U12 der Berliner Turnerschaft waren sie Deutscher Meister geworden, mit der U14 gleich zwei mal Zweiter und obendrein Sieger beim Deutschen Turnfest. Nur mit dem neuen Team fehlt ihnen noch ein ganz großer Erfolg.

„Wir wollen nun um den Turniersieg kämpfen“, verrät Lean. Sein großes Ziel ist es, Nationalspieler bei den Männern zu werden. In diversen Nachwuchsauswahl-Teams hat er bereits gespielt. Die Chancen stehen gut, zumal Lean bisher allen Lockrufen anderer Vereine widerstanden hat. Berliner Volleyballer, Handballer oder Basketballer hätten solch einen sportlichen Riesen nur all zu gern in ihren Reihen. „Nein, nein, ich bleibe dem Faustball treu“, sagt Lean. „Hier habe ich alles: Action, sportliche Herausforderung - und eine ganz große Familie.“