Ein Auswärtsspiel beim FC Erzgebirge Aue im Dezember ist alles andere als eine schnöde Ansetzung, wie man sie jedes Wochenende aufs Neue als Spieler, Trainer oder Fan einfach hinnimmt. Ein Gastspiel im Erzgebirgsstadion zum Jahresende ist nicht weniger als ein Mythos. Im zumeist dichten Schneetreiben wachsen Spieler und Fans der Gastgeber im sogenannten Schacht über sich hinaus. Die ohnehin schon schwer zu kontrollierenden Erzgebirgler werden schier unbezwingbar.

„Eckpfeiler unseres Vereins“

Die gute Nachricht für den 1. FC Union: Bei milden Temperaturen soll es am Sonntag um 13.30 Uhr beim letzten Punktspiel des Jahres nicht schneien, schlimmstenfalls regnen. Doch die Eisernen besorgt in diesem Jahr ohnehin ein anderer Mythos. Ausgerechnet am Tag des Gastspiels in Aue findet auch das traditionsreiche Weihnachtssingen im Stadion an der Alten Försterei statt.

Seit 15 Jahren ist dieses Singen fester Bestandteil der weihnachtlichen Vorfreude in Köpenick, ja, in ganz Berlin. Unions Urgestein Michael Parensen nannte das Spektakel kürzlich einen „Eckpfeiler unseres Vereins“. Und Klubboss Dirk Zingler betonte zuletzt: „Für mich ist das Weihnachtssingen etwas sehr Traditionelles.“

Auch deshalb ließ sich der 1. FC Union in den Wochen nach der Ansetzung des Gastspiels in Aue nicht von den Bitten zahlreicher Fans leiten, die um eine Neuterminierung ihrer liebgewonnenen Tradition nachsuchten. Der Tenor: Würde das stets am 23. Dezember stattfindende Singen erstmals verschoben, sei es nur noch ein kleiner Schritt dahin, das Datum des union-heiligen Abends in den kommenden Jahren von Fernsehsendern oder Sponsoren diktiert zu bekommen.

Ein Stau, und alles ist vorbei

„Das Beste, was wir aus unserer Sicht tun können, ist, dass es so bleibt, wie es ist. Weihnachtssingen am 23. Dezember um 19 Uhr, Punkt, aus.“ Klare Worte von Dirk Zingler − und wenig Trost für mindestens 1 750 Fans, die am Sonntag das schier Unmögliche wagen und versuchen, beide Mythen zu erleben: Das Dezemberspiel im Erzgebirge und das Weihnachtssingen in der Alten Försterei. „Eigentlich hatten wir uns schon für das Singen und gegen die Fahrt nach Aue entschieden“, erzählt Union-Fan Ronny Warnemünde. Er bleibt aber optimistisch: „Als wir dann noch mal nachgerechnet haben, war schnell klar, dass wir es schaffen können, wenn es nicht schneit.“

Gut drei Stunden dauert die Fahrt vom Erzgebirgsstadion zur kerzenbeleuchteten Heimspielstätte der Eisernen − in der Theorie durchaus eine machbare Aufgabe für die Extremreisenden. In der Praxis ist die Strecke, gerade im Weihnachtsverkehr, aber überaus tückisch. Ein Stau nach Spielende, und das ganze Vorhaben ist gescheitert. Ronny Warnemünde hat noch eine andere Sorge: „Wenn die Polizei das komplette Stadionumfeld abriegelt, wird es eng.“

Ob sie am Ende pünktlich ankommen oder nicht − den Respekt von Unions Trainer Urs Fischer und der Mannschaft haben die 1 750 Hartgesottenen auf alle Fälle. Der Schweizer hob am Freitag aber dennoch die Prioritäten für seine Spieler hervor: „Bei allem Respekt vor dieser Weihnachtstradition − das Spiel steht für uns im Vordergrund.“ Der 52-Jährige warnte weiter: „Aue wirkt zwar wie eine kleine Mannschaft, aber ist genauso schwer zu bespielen wie Köln, Bochum oder der Hamburger SV.“

Noch einmal fokussieren, bitte!

Und während sich die Fans auf den Rängen Gedanken darüber machen, ob sie es pünktlich zurück schaffen, hofft Fischer eher darauf, dass seine Kicker gedanklich nicht schon im zweiwöchigen Winterurlaub sind, wenn es gegen Aue noch einmal in die Vollen geht. „Wir haben unter der Woche intensiv darüber gesprochen, dass wir uns noch einmal voll fokussieren müssen.“

Was für ein aufregender Jahresausklang also für den 1. FC Union. Von Mythen umzingelt, ist den Eisernen nur zu wünschen, dass jeder mit einem guten Gefühl in die Weihnachtszeit starten kann. Im besten Fall dank eines Sieges im Erzgebirge und eines märchenhaften Weihnachtssingens.