Berlin - Malaika Mihambo gibt an diesem Tag mehr als ein Dutzend Interviews. Die ersten und letzten am Telefon im Auto, zwischendurch den ganzen Tag bei einem Sponsor im schwäbischen Wendlingen. Die Gelassenheit geht der 27 Jahre alten Weitsprung-Weltmeisterin und Meditations-Anhängerin dabei nicht verloren. „Ich versuche jedes Mal aufs Neue, mich auf so ein Gespräch einzulassen – als ob ich kein anderes vorher geführt hätte und so manche Frage noch nicht gestellt worden wäre“, sagt sie. Keine Frage: Mihambo ist eines der bekanntesten Gesichter des deutschen Olympia-Teams.

Vor knapp zwei Jahren und vor Corona war die Leichtathletin von der LG Kurpfalz als Topfavoritin zur WM nach Doha geflogen und landete dort bei 7,30 Metern und auf dem Gold-Rang. Dieses Mal ist alles anders, nicht nur der Pandemie wegen. Als Zeichen der Veränderung stehen optisch schon mal ihre gefärbten, ursprünglich schwarzen Haare. „Jetzt sind sie blond – ob goldblond, das wird sich dann in Tokio zeigen“, sagt Mihambo und lächelt.

Das vergangene Jahr brachte in Berlin einen sportlichen Höhepunkt für Mihambo. Am 14. Februar übersprang sie beim Istaf Indoor in der Arena am Ostbahnhof zum ersten Mal auch in der Halle die Marke von sieben Metern und stellte mit 7,07 Metern eine persönliche Hallen-Bestleitung auf. Am Ende des Jahres wurde sie erneut als Deutschlands Sportlerin des Jahres ausgezeichnet. Bereits 2019 war ihr diese Ehre zuteilgeworden.

Mihambo gilt nun bei den Sommerspielen in Japan als Medaillenkandidatin, doch bereits sechs Springerinnen haben in diesem Jahr die Sieben-Meter-Marke geknackt. Mihambos Bestweite steht bei 6,92 Metern. „Mein persönliches Ziel ist es, mein Bestes zu geben, das zu zeigen, was in mir steckt. Dieses Jahr ist mir das leider noch nicht gelungen. Was gut ist: Ich weiß, dass ich es kann, dass ich gut drauf bin, dass ich es jetzt auch zeigen kann und will und werde“, sagt sie. „Es stehen viele gute Springerinnen vor mir in der Weltbestenliste, gleichzeitig schreibe ich mich selbst nicht ab.“

Die Weitspringerin kämpft immer noch mit der Umstellung ihres Anlaufs, den sie – auch verletzungsbedingt – zwischenzeitlich von 20 auf 16 Schritte verkürzt hatte. Fast ein halbes Jahr habe sie das gekostet. „Ich hätte mir nicht vorgestellt, dass es so hart ist. Da kommen viele Selbstzweifel hoch: Kann ich das überhaupt noch? Bin ich gut genug? Kann ich mithalten?“, erklärt sie offen. Sie sei dadurch in eine Position gekommen, in der sie sich als Gejagte fühlt – statt als Jägerin. Sieben Meter? „Ich zweifle nicht daran, dass ich das erreichen kann.“

Malaika Mihambo trainiert in Miyazaki

Den allerletzten Schliff vor den Sommerspielen holt sich die Athletin von Bundestrainer Uli Knapp von dieser Woche an im Trainingslager des Deutschen Leichtathletik-Verbandes im japanischen Miyazaki. Die Weitsprung-Qualifikation in Tokio steht am 1. August an, die Medaillenvergabe am 3. August. „Es wäre einfach toll, diese harte Zeit mit etwas Schönem beenden zu können“, sagt Mihambo.

Die gebürtige Heidelbergerin sieht den Wert einer Olympia-Medaille in Tokio „eher erhöht, weil die Bedingungen viel schwieriger sind als in einem normalen Jahr“. 2016 in Rio de Janeiro segelte Mihambo als Vierte mit 6,94 Metern knapp an Bronze vorbei. Nur eine deutsche Leichtathletin ist jemals weitergesprungen als sie bei ihrem Triumph in Katar – Heike Drechsler 1988 mit 7,48 Metern.

Als Studentin der Umweltwissenschaften gilt Mihambo durchaus als politischer Mensch. Ihr Vater stammt aus Sansibar, ihre Mutter aus Deutschland. In der Kindheit war sie wegen ihrer Hautfarbe angefeindet worden.  Der Tageszeitung Die Welt hat sie einmal erzählt. „Ein Schüler, der ein politisch rechtsorientiertes Familienmitglied hatte, sagte der Lehrerin, er möchte im Stuhlkreis nicht neben mir sitzen. Daraufhin sagte die Lehrerin zu mir, dass ich mich wegsetzen soll. Das war besonders hart für mich.“ Dass sie die Bühne der Olympischen Spiele – wie viele Fußballer unlängst bei der Europameisterschaft – zu einer öffentlichkeitswirksamen Aktion gegen Rassismus nutzt, ist eher unwahrscheinlich.

Ob sie sich vorstellen kann, vor oder nach einem Wettkampf niederzuknien? „Ich finde es sehr schön, wenn Sportler das tun, wenn sie für größere Werte einstehen, die stellenweise einfach vergessen werden“, sagt Mihambo. „Ich selbst kann mich nicht mit diesen großen Gesten anfreunden. Das fühlt sich gerade nicht nach mir an. Von daher würde ich das Stand heute nicht tun. Das kann sich natürlich ändern.“ Sie wolle lieber in Interviews Anstöße geben – und wenn die gleichen Fragen wieder und immer wieder auftauchen.