Klingenthal - Die Skisprung-Welt im Hause Freitag scheint durchaus in Ordnung: Stammkraft im deutschen A-Team, Platz 13 beim Weltcup-Auftakt, beste Chancen auf die WM-Teilnahme in knapp drei Wochen in Oberstdorf – das kann sich sehen lassen. Nur: Von diesen Erfolgen seiner kleinen Schwester Selina kann sich der einstmals große Triumphator Richard Freitag wenig kaufen.

„Ich muss kleinere, aber richtige Brötchen backen“, sagte der „Ritsch“ unlängst der Freien Presse. 2019 wurde der Sachse mit dem deutschen Team Weltmeister, das DSV-Quartett als Mannschaft des Jahres ausgezeichnet, der Edelflieger mit dem markigen Schnurrbart gehörte zu den populärsten Wintersportlern Deutschlands.

Seit einem Jahr ist aber kein Platz mehr für den mittlerweile schnurrbartlosen Freitag im Weltcup-Aufgebot, auch am Wochenende wird er fehlen, wenn die erste Liga des Skispringens unweit des elterlichen Domizils in Klingenthal gastiert. „Ich mache zwei Schritte vor, einen zurück, zwei vor, zwei zurück. Es ist wirklich zäh“, sagte Freitag.

Dass Freitag zuletzt wieder einen Wettkampf gewann, ging unter. Wenig verwunderlich, war es doch nur im drittklassigen FIS-Cup in einem polnischen Nest namens Szczyrk. Kaum Aufmerksamkeit – doch für den 29-Jährigen ein ganz wichtiges Erlebnis. „Es war ein schöner Tag“, sagte Freitag.

Missglückter Auftritt bei Vierschanzentournee

Das klang ganz anders als nach seinem missglückten Auftritt bei der Vierschanzentournee, als er über die nationale Gruppe mal wieder Weltcup-Luft schnupperte – die Tournee war nach Platz 41 in Oberstdorf und Rang 27 in Garmisch-Partenkirchen aber schnell beendet.

„Einen ganz, ganz großen Haken“ an das Jahr 2020 wollte Freitag machen, „es war ein Sch-und-so-weiter-Jahr. Ganz mies.“ Doch 2021 läuft bislang kaum besser, die WM in seiner Wahlheimat Oberstdorf kann er fast abschreiben – bei den vier zweitklassigen Continental-Cup-Springen in Willingen am Wochenende müsste Freitag Wunder vollbringen.

„Ich wünsche ihm, dass er noch mal zurückkommt“, sagt Ex-Bundestrainer Werner Schuster: „Richard hatte einen wesentlichen Anteil daran, dass das deutsche Team in den letzten Jahren so erfolgreich war.“

Unter Schuster feierte Freitag sieben Weltcup-Siege, war in der Saison 2017/18 Weltcup-Spitzenreiter, fuhr damals in überragender Form zur Tournee, stürzte in Innsbruck schwer, verletzte seine Hüfte, kämpfte sich in Rekordzeit zurück, holte Team-Olympiasilber 2018 und schließlich den WM-Titel 2019.

Der Crash am Bergisel wirkt nach

Doch der Crash am Bergisel scheint nachzuwirken. „Es hat sich einiges bei ihm angehäuft, das prägt und brandmarkt“, sagt Schuster: „Es fehlt ihm die letzte Sicherheit, um wieder am Limit zu springen wie früher. Er arbeitet hart.“ Und er versucht alles.

2017 war Freitag der besseren Trainingsmöglichkeiten wegen aus Sachsen nach Oberstdorf gezogen, 2019 ins Elternhaus nach Breitenbrunn zurückgekehrt, für den WM-Winter 2020/21 ging es wieder zurück ins Oberstdorfer Domizil. Doch mit dem gemeinsamen Weltmeisterschafts-Start mit Schwester Selina, mit dem Traum vom gemeinsamen Gold im Mixed wird es wohl erst mal nichts werden.

„Vielleicht dann 2023 in Planica“, sagte Selina Freitag unlängst. Hört sich nach einer klaren Dienstanweisung für den „Ritsch“ an: Weiterbacken, bis die Brötchen wieder ganz groß werden.