Ausgebootet: Hannah Leni Krah ist vom Kanurennsport zum Stehpaddeln gewechselt. Auf eine Sportschule darf sie nicht gehen.
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Berlin-CharlottenburgIm Besprechungszimmer des Berliner Landes-Kanu-Verbandes (LKV) klappt Wolfgang Grothaus sein Laptop auf. „Wollen Sie mal sehen?“ Der Verbandspräsident sucht eine Stelle auf dem Video der Weltmeisterschaft im Stand Up Paddling (SUP). Die WM fand  Ende Oktober in der chinesischen Küstenstadt Qingdao statt. „Hier“, sagt Grothaus und zeigt auf Hannah Leni Krah. Sie steht auf dem blau-weißen Board, bereit für das Sprintrennen über 200 Meter.   Sie trägt die Nummer 91 auf dem Leibchen, sticht das Paddel ins Wasser, ihr blonder Zopf wippt mit der Bewegung des Oberkörpers auf und ab. Sie  paddelt mit höllischer Frequenz – und reißt auch den  Kommentator mit. Der ruft: „Germany …, wow, Germany takes the gold.“

Krah ist Junioren-Weltmeisterin, hinter ihr  landen zwei Chinesinnen auf dem Podium. Vor der Skyline von Qingdao zoomt die Kamera auf Krahs Gesicht. Sie schaut nach links, nach rechts, ungläubig.

Grothaus ist begeistert von dem Rennen. Aber er ist nicht begeistert davon, dass Krah  nicht an der Poelchau-Schule, einer der drei Berliner Eliteschulen des Sports, im Klassenraum sitzt, um ihr Abitur zu machen. Denn das  war eigentlich sein Plan, ebenso der von Krah, ihrer Familie, der Stand Up Paddler von Spandau 04 – und auch die Poelchau-Schule im Olympiapark  war bereit, die junge Athletin in Klasse elf aufzunehmen.

Krahs Problem ist, dass sie keine olympische Sportart betreibt. Dieses Manko teilt die 18-Jährige mit  Flossenschwimmern oder Sportakrobaten, die gern auf eine Eliteschule des Sports wechseln würden, um durch Schulzeitstreckung und entsprechende Stundenpläne das Trainingspensum leisten zu können, das sie international konkurrenzfähig hält. Sportklettern und Rugby werden 2020 olympisch, bislang müssen sich auch diese Athleten, was Sportschulen angeht, zweitklassig fühlen.

Meisterin auf der Spree

Was das bedeutet, hat Krah bereits in ihrer Heimatstadt Dresden erfahren. Sie begann dort als Rennkanutin, Kajak-Einer, nationale Spitze, Kaderathletin. Aber vor zwei Jahren entschied sie sich, das Kajak gegen das SUP-Board  zu tauschen. „Denn es hat mir einfach viel, viel mehr Spaß gemacht als Kanu“, sagt Krah. „Das wurde nicht gern gesehen“, erläutert ihr Vater und Trainer Thomas Unterrainer.   Krah flog aus dem sächsischen Landeskader. Der Dresdner Stützpunkttrainer bewertete ihre sportliche Perspektive nach der Klasse zehn mit der Note fünf, Krah war so  der weitere Zugang zur Sportschule blockiert.

Dann nahm sie Anfang August an den Finals in Berlin teil: Kanusprints und Stand Up Paddling auf der Spree im Herzen der Stadt. Sommer, Sonne, spektakuläre Fernsehbilder und ein Verband, der versucht, sich publikumswirksam für die Zukunft aufzustellen.  Krah wurde Deutsche Meisterin im SUP und die Berliner wurden aufmerksam auf sie. Der SUP-Abteilungsleiter von Spandau 04 sprach sie an. Krah wurde Mitglied im Verein, suchte sich eine WG, meldete ihren Wohnsitz zum 1. September in Berlin an.  Sie freute sich auf eine Zukunft in Berlin, wo sie Leistungssport und Schule kombinieren wollte. Familie Krah füllte den Aufnahmeantrag der Poelchau-Schule aus. „Dort wäre es für mich total cool gewesen, nah am Wasser, nah am Verein, ich hätte alle Möglichkeiten gehabt“, sagt Krah.

Was ihr fehlte, war die positive Empfehlung des  Landessportbundes (LSB), der laut Verordnung der Eliteschulen des Sports eine Stellungnahme geben muss.  Grothaus beantragte beim LSB, das international erfolgreiche Talent an der Poelchau-Schule aufzunehmen.

Der LSB lehnte ab: in der gültigen Einrichtungsverfügung für die Eliteschulen des Sports als Schulen besonderer pädagogischer Prägung der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie seien die zu fördernden Sportarten für die einzelnen Standorte der Eliteschulen des Sports definiert. „Dabei handelt es sich generell um olympische bzw. paralympische Sportarten/Disziplinen.“  Talente im Kanurennsport würden am Standort der Flatow-Oberschule gefördert. Die Entscheidungsträger des LSB seien die Bundesstützpunktleiter. Von denen könne und wolle sowohl der Berliner Bundesstützpunktleiter als auch der Sportdirektor des Deutschen-Kanuverbandes keine sportfachliche Befürwortung ausstellen. Zumal Krah das Kriterium des Bundeskaderstatus nicht erfülle.

Im olympischen Segelrevier von Qingdao, China, haben die Stand Up Paddler kürzlich ihre Weltmeisterschaften ausgetragen.
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SUP liegt nicht in der Zuständigkeit des Bundesstützpunktleiters. In der Sportart gibt es noch kein Kadersystem, denn derzeit streitet sich der Internationale Kanu-Verband (ICF) mit dem Internationalen Surf-Verband (ISA)  vor dem Sportgerichtshof, zu welchem der Verbände Stehpaddeln künftig gehören soll.

„Wir wollen SUP in Berlin aufbauen. Krah ist ein Zugpferd für die Zukunft. Die Amerikaner wollen SUP 2028 bei Olympia in Los Angeles dabeihaben“, sagt Grothaus. „Aber leider hat der LSB eine politische Stellungnahme abgegeben, keine sportfachliche. Nach der Ablehnung waren wir erst mal konsterniert.“

„Im Moment ist Hannah komplett durchs Raster der Sportpolitik gefallen“, sagt ihr Vater. „Ich finde es schade, dass die nicht-olympischen Sportarten keine Chance bekommen zu wachsen. SUP ist ein Leistungssport wie jeder andere. Ich trainiere genauso viel wie die anderen“, sagt Krah.

Diskussion im Landessportbund Berlin

Auf die Frage, weshalb der LSB beim Sportschulenzugang  Athleten erster und zweiter Klasse schafft, antwortet LSB-Präsident Thomas Härtel: Es gehe nicht um eine Regelung, die sich der LSB ausgedacht hat, „sondern um ein bundeseinheitliches Konzept. Die Leistungssportreform des DOSB sieht zudem gerade eine Konzentration der Förderung vor. Die Analyse hat ergeben, dass das Prinzip Gießkanne noch zu stark ausgeprägt war.“  Auch in Berlin sei eine Bündelung der Kräfte notwendig, um weiterhin Erfolge zu erreichen. „Denn die Ressourcen sind leider begrenzt. Das verlangt bewusste Entscheidungen, wer gefördert werden kann“ und sei gerade in Berlin mit 19 Bundesstützpunkten eine Herausforderung.

Grotesk wirkt die Ablehnung vor dem Hintergrund, dass die Berliner Eliteschulen des Sports gar nicht vollständig ausgelastet sind. In Treptow-Köpenick versucht beispielsweise Bezirksstadträtin Cornelia Flader, freie Kapazitäten der Flatow-Schule für Schüler zu nutzen, die gar keinen Leistungssport betreiben.

„In diesem Jahr sind von 280 möglichen Kindern 265 eingeschult worden, das entspricht 95 Prozent. Die offenen Plätze lassen sich jedoch nicht einfach beliebig belegen“, bemerkt Härtel. „Um eine effiziente Förderung zu erreichen, müssen die Sportarten einer Klasse mindestens ähnliche Trainingszeiten haben.“

Härtel behauptet zudem, die Flatow-Schule wäre bereit gewesen, Krah aufzunehmen, eine Ausnahme zu machen – eine Ausnahme, der der LSB zugestimmt hätte. Grothaus stutzt und sagt, da müsse er jetzt aber laut lachen. „Völliger Blödsinn“, das sei allein wegen der zweiten Fremdsprache nicht möglich gewesen, die Krah fehlt. An der Poelchau-Schule wäre aber ein extra Spanischkurs eingerichtet worden.

Kanu-Präsident kämpft weiter

Berlins Kanupräsident will sich weiter einsetzen: für Hannah, ihre jüngere Schwester, die ebenfalls Stehpaddlerin ist, für  alle nicht-olympischen Sportarten.  Er hat Hoffnung, dass  es vorangeht. Heute vielleicht schon bei der Mitgliederversammlung des LSB  oder dann im Januar im Landesausschuss Leistungssport. Dort ist sein Antrag zur Aufnahme nicht-olympischer Sportarten an den Eliteschulen des Sports als Tagesordnungspunkt 3 aufgeführt.

Während die Sportpolitiker noch diskutieren, trainiert Hannah Leni Krah  bis Weihnachten in Portugal, obwohl sie lieber auf ihr Abitur hinarbeiten würde. Sie weiß nicht, wie es im neuen Jahr weitergeht. Sie weiß aber: „Leistungssport ist das, was ich machen möchte.“