Sie wirkte ungläubig. Auf den lauten Jubelschrei folgte ein kurzer Blick nach oben, die Fäuste gingen an die Stirn. Gerade hatte Lilly Andres mit ihrer Doppelpartnerin MyLinh Tran das letzte Tor erzielt, damit hatten sie die Weltmeisterschaft im Tischfußball gewonnen. Lilly Andres, 35, gebürtigen Mainzerin, die für den Berliner Tischfußballverband startet, hatte zwischen 2009 und 2013 allein vier Weltmeistertitel im Einzel und Doppel gewonnen, es folgten fünf Jahre ohne Titel, eine lange Zeit. „Je mehr man schon gewonnen hat, desto mehr steigt auch der Erfolgsdruck“, sagt sie. Vor gut einer Woche hat sie nun einen weiteren Erfolg ihrer Vita hinzugefügt.

Das Niveau an der Spitze ist gestiegen. Auf höchster Ebene, in einem Finale, entscheiden oftmals nur Kleinigkeiten. „Die Entwicklung ist recht spannend“, sagt Lilly Andres, „zu der Zeit, als ich angefangen habe, war das ein sehr technisches Spiel. Mittlerweile haben viele Spieler verstanden, dass es nicht um die sauberste Technik und die größte Vielfalt im Spiel geht, sondern viel mehr um das, was im Kopf geschieht“, sagt sie. Das mache den Unterschied, ob man ein Spiel gewinnt oder verliert.
Zustimmung erhält die Weltmeisterin von ihrem Geschäftspartner. „Es ist ein Konzentrationssport, am Ende wird es eine Kopfsache“, erzählt Johannes Kirsch, ehemaliger Deutscher Meister im Tischfußball. Vor einigen Jahren gründeten sie eine Firma, die Tischfußball-Events organisiert. „Mittlerweile“, sagt Johannes Kirsch, „können wir vom Tischfußball leben.“

Neues ausprobieren

Das neueste Projekt haben Lilly Andres und Johannes Kirsch in diesem Jahr gestartet: Mit einer Kickerschule wollen sie Einsteigern helfen, ihr Niveau zu verbessern und am Kickertisch eine bessere Figur abzugeben. Viele Kneipengänger kennen schließlich den Moment, wenn sie in einer dunklen Ecke ihrer Lieblingslokalität noch eine Runde spielen. Vieles passiert dabei aber zufällig. „Die Laien spielen nie den gleichen Pass, sondern immer etwas anderes, weil sie meinen, dass sie damit überraschen können“, sagt Johannes Kirsch, „es passiert viel aus dem Affekt heraus.“

Es beginnt schon mit kleinen Dingen wie dem Positionsspiel. „Wir schauen nach Lücken, wenn die Figuren so und so stehen“, sagt Johannes Kirsch, „man kann den Gegner dominieren, indem man mehr Ballbesitz hat.“ Was nach Tiki-Taka, dem Erfolgsstil der spanischen Fußballer früherer Jahre klingt, lässt sich also auch auf in abgewandelter Form auf Tischfußball übertragen. Man müsse sich Zeit nehmen. Im Training manchmal nur einen Pass oder einen Schuss immer und immer wieder üben, um die benötigte Sicherheit zu bekommen. Schon gewisse Haltungen der Hand können dabei helfen. Auf höchstem Niveau geschieht schließlich alles irgendwann in einem Tempo, in dem man ohne Sicherheit in den eigenen Aktionen nicht weit kommt. „Je schneller du eine Aktion ausführst, desto mehr Präzision geht verloren“, sagt Johannes Kirsch.

Zwei Spielertypen

Er unterscheidet vor allem zwei Spielertypen. Da gibt es einerseits ein Talent, das bereits ein gewisses Ballgefühl mitbringt. „Der folgt einfach seiner Intuition und trifft richtige Entscheidungen, ohne erklären zu können, was er da macht“, sagt Johannes Kirsch. Und dann gibt es da noch den akribischen Arbeiter, der eben nicht mit diesem Ballgefühl ausgestattet ist. Das seien Spielertypen, die viel Zeit in Training investieren und Auswertungen sowie Analysen vom gegnerischen und eigenen Spiel betreiben.

Unabhängig davon, welcher Spielertyp man nun ist, braucht es allerdings Durchhaltevermögen. „Leidenschaft, die innere Motivation dranzubleiben und Begeisterung sind neben einer gewissen Hand- und Augenkoordination die wichtigsten Eigenschaften eines guten Tischfußballspielers“, sagt Johannes Kirsch.

Lehrvideo für zu Hause

Er und Lilly Andres haben es sich zur Aufgabe gemacht, aus einem Laien einen guten Spieler zu machen. Die Anmeldung in der Kickerschule erfolgt online und ist kostenlos. Im Gegenzug bekommen die Spieler wöchentlich ein neues Lehrvideo zugeschickt, mit welchem sie trainieren können. Insgesamt 24 Lektionen umfasst dieser theoretische Teil. „Man bekommt sinnvoll aufeinander aufbauende Anleitungen, wie man vom Laien zum Kickerprofi wird“, sagt Johannes Kirsch. Dabei fußt jedes neue Video auf das vorherige. In den ersten Lektionen geht es erst einmal nur um das Ballgefühl, es folgen Regeln, komplexe Pass- und Schuss-Systeme, das Stellungsspiel, die Arbeit in der Abwehr und das Herausspielen von Torchancen.

Ob es am Ende irgendwann für eine ganz große Karriere mit einem Weltmeistertitel reicht, das kann natürlich niemand vorhersagen. Mit ein paar Ratschlägen einer amtierenden Weltmeistern befinden sich die Teilnehmer der Kickerschule aber zumindest in den besten Händen.