Die Spanier werden wortbrüchig und ermöglichen Japan den Einzug ins WM-Achtelfinale

Die Elf von Nationalcoach Luis Enrique hat zunächst alles im Griff, führt 1:0, schenkt den überglücklichen Japanern aber sogar noch den Sieg. 

Ao Tanaka erzielt das siegbringende 2:1 für Japan.
Ao Tanaka erzielt das siegbringende 2:1 für Japan.AFP/Cacace

Man wolle sich keine Blöße geben, hatten die Spanier vor dem letzten Gruppenspiel gegen Japan immer wieder betont. Ja, bloß keinen Verdacht der Wettbewerbsverzerrung aufkommen lassen. Stichwort: die Schande von Gijon. Luis Enrique, der Trainer, war diesbezüglich sogar noch weiter in die Tiefe gegangen, erklärte Folgendes: „Es ist nicht Teil unserer Mentalität, auf dem Platz spazieren zu gehen oder ein 1:0 zu verteidigen. Und das ist etwas, was diese Mannschaft vermittelt.“

Letztendlich war es aber so, dass die zuvor hochgelobten Iberer am Donnerstagabend nach einem guten Auftritt in Hälfe eins nachlässig und damit letztlich auch wortbrüchig wurden, den Japanern ein Comeback gewährten und 1:2 unterlagen. Ja, sie konnten von Glück sprechen, dass die Costa Ricaner im Parallelspiel gegen Deutschland noch eine 2:1-Führung aus der Hand gaben und 2:4 verloren. Sonst wäre für sie aus der kleinen noch eine ganz große Blamage geworden.

Fünf Änderungen in der Startelf

Japan war also nach einer letztlich doch sehr merkwürdigen Partie obenauf, zieht als Gruppensieger ins Achtelfinale ein, trifft dort auf Kroatien, während die Spanier als Gruppenzweiter in der ersten K.-o.-Runde gegen die Marokkaner ran müssen.

Fünf Änderungen hatte Enrique im Vergleich zur Startelf beim 1:1 gegen Deutschland vorgenommen. Balde, Pau, Azpilicueta, Williams und Morata und spielten für Jordi Alba, Laporte, Carvajal, Asensio und Ferran Torres, woran sich die außerordentliche Qualität dieses Kaders ablesen lässt. Spieler sind das, die fast allesamt in den fabelhaften Nachwuchsschulen der spanischen Großklubs ausgebildet wurden und daraus resultierend über eine gute Technik und ein ausgeprägtes Spielverständnis verfügen. 

So wie Alvaro Morata, der Mittelstürmer, der gerne mal unterschätzt und in der Heimat gern mal über alle Maßen kritisiert wird. Der 29-Jährige, ausgebildet bei Atlético und Real Madrid, war im Khalifa International Stadium als Zielspieler gefragt und erledigte diese Aufgabe mit Bravour. Bei einer Flanke von César Azpilicueta lief er sich perfekt in Position und vollendete mit einem trockenen Kopfball zum 1:0. 

In der Folge war La Furia Roja so dominant, wie es einem Trainer wie Enrique gefällt. Sergio Busquets erweckte im zentralen Mittelfeld den Eindruck, als handele es sich bei seinem Tun um einen Weltrekordversuch in der Disziplin „Meiste Ballkontakte in einem WM-Spiel“. Pedri und Gabri spielten mit ihren Gegenspielern Hase und Igel. 

Freiburgs Doan verändert den Lauf der Dinge

So waren die Japaner zunächst gar nicht in der Lage, ihr grundsätzlich ja von Dynamik geprägtes Spiel in Gang zu bringen. Sie wirkten also erst einmal gar nicht wie eine Mannschaft, die noch eine ziemlich gute Chance auf den Einzug ins WM-Achtelfinale hat, also eher gehemmt denn angriffslustig. Doch mit einer Aktion zu Beginn der zweiten Hälfte wendete sich alles ins Gegenteil.

Der Mann, der den Lauf der Dinge in eine andere Richtung brachte, war Ritsu Doan. Zur Pause war der beim SC Freiburg beschäftigte Stürmer erst in die Partie gekommen, brauchte dann nur drei Minuten, um nach einem zügig vorgetragenen Angriff aus 17 Meter mit einem Linksschuss den Ausgleich zu erzielen. Unai Simon, der spanische Torhüter, machte dabei keine gute Figur, brachte zwar noch eine Hand an den Ball, doch die war nicht stark genug für eine erfolgreiche Abwehr.

Knappe Entscheidung beim Treffer zum 2:1

Nur sechs Minuten später brachte sich Doan als Vorbereiter des 2:1 ein, nämlich mit einer flachen Hereingabe von rechts, die Spaniens Linksverteidiger Alejandro Balde durch die Beine flutschte und ins Toraus zu trudeln schien. Doch Kaoru Mitoma setzte nach, brachte den Ball zurück vors Tor, wo Ao Tanaka zur Stelle war und vollendete. Der Videobeweis musste sogar bemüht werden, um zu checken, ob der Ball schon im Aus war. So knapp war das zwischen dem Fortkommen der Japaner und dem Scheitern der Deutschen. Es ging offensichtlich um Millimeter.

In der letzten halben Stunde sah alles wieder wie im ersten Spielabschnitt aus. Spanien passte und passte und passte. Und Japan verteidigte, das allerdings so geschickt, dass sie keinen weiteren Gegentreffer mehr hinnehmen mussten.