Wildes 6-Tore-Drama gegen Costa Rica: DFB-Elf scheitert erneut in der Vorrunde

Der nächste bittere WM-Rückschlag für die DFB-Elf: Deutschland besiegt zwar Costa Rica, scheidet aber trotzdem nach der Gruppenphase aus.

Leroy Sané hat mit dem DFB-Team den Einzug ins WM-Achtelfinale verpasst.
Leroy Sané hat mit dem DFB-Team den Einzug ins WM-Achtelfinale verpasst.AFP/INA FASSBENDER

Am Ende stand Bundestrainer Hansi Flick da wie angewurzelt. Der Trainer wusste schon, als die letzten Minuten der zehnminütigen Nachspielzeit im Al Bayt Stadion noch absolviert wurden, dass seine Mannschaft sich von der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar vorzeitig verabschieden muss.

Da half auch der erst spät herausgekämpfte 4:2-Sieg gegen Costa Rica nichts. Denn im Parallelspiel unterlag Spanien den wehrhaften Japanern mit 1:2. Deutschland hätte mit acht Toren Abstand gewinnen müssen. Aber dazu war diese Mannschaft nicht annähernd in der Lage. Die Enttäuschung hätte nicht größer sein können.

Die deutschen Spieler hockten nach dem Abpfiff noch lange wie angeklebt auf der Bank, ehe sie sich müde aufmachten, um sich bei den Fans zu verabschieden. Ein Trauermarsch mit leeren Gesichtern. Dabei hatte es doch gut begonnen. Kaum zu glauben, aber wahr: In den letzten zehn Spielen bei großen Turnieren war das DFB-Team stets in Rückstand geraten.

Diesmal, gegen ein Land, in dem zwei Millionen weniger Menschen leben als der DFB Mitglieder hat, passierte das dank des Führungstreffers von Serge Gnabry nach elf Minuten zwar nicht, von überzeugend war das deutsche Spiel dennoch weit, weit weg. Hansi Flick hatte in der Wahl seiner Aufstellung eine Überraschung parat, die so kein Fachblatt auf dem Zettel hatte. Joshua Kimmich besetzte die rechte Seite in der Viererkette. 

Serge Gnabry (3.v.l.) köpft hier zum frühen 1:0 für Deutschland ein. Keeper Keylor Navas (3.v.r.) ist chancenlos.
Serge Gnabry (3.v.l.) köpft hier zum frühen 1:0 für Deutschland ein. Keeper Keylor Navas (3.v.r.) ist chancenlos.AFP/ODD ANDERSEN

DFB-Team lässt gegen Costa Rica nach gutem Start spürbar nach

Die Idee: Flick wollte dort rechts einen spielstarken Mann, der variantenreich angreift und hilft, die Abwehr der Mittelamerikaner mit einem monumentalen siebenköpfigen Bayernblock fachgerecht zu sezieren. Denn die Bayern, das weiß Flick aus allererster Hand, kennen eigentlich ihre Laufwege und wissen gegen Maurermeister in der Regel verlässlich viele Tore zu schießen.

Das war anfangs auch zu erkennen. Allerdings danach nicht mehr. Es rumpelte hartnäckig. Erwartungsgemäß interpretierte Kimmich seine Rolle extrem offensiv. Jamal Musiala durfte den Spielmacher geben, Thomas Müller, bis vorm Anpfiff ohne Abschluss bei diesem Turnier, den Mittelstürmer. Niclas Füllkrug schaute zu. Müller spielt immer. Da konnte der Bundestrainer nicht aus seiner Hansi-Flick-Haut.

Eine gute Idee war das erkennbar nicht, Müller wusste mit dem wenigen Raum, der sich ihm gegen die 5-4-1-Defensive bot, nicht viel anzufangen. Einmal, nach Flanke von Kimmich, köpfte er freistehend weit vorbei. Das passierte in der kurzen schwungvollen Phase zu Beginn – bis nach Gnabrys Tor ein Bruch ins Spiel kam. Sehr sonderbar.

Eigentlich war es ganz offensichtlich der Plan gewesen, viele Tore zu schießen, um womöglich die Spanier noch einzuholen. Sichtbar war das daran: Gnabry holte den Ball nach seinem frühen Tor im Eiltempo aus dem Netz und wollte so die Richtung vorgeben. Allein: Bis zur 35. Minute und einem Kimmich-Schuss passierte: nichts. 

Yeltsin Tejeda (2.v.l.) schießt zum 1:1 für Costa Rica ein, David Raum (r.) und Manuel Neuer (2.v.r.) können nicht mehr rettend eingreifen.
Yeltsin Tejeda (2.v.l.) schießt zum 1:1 für Costa Rica ein, David Raum (r.) und Manuel Neuer (2.v.r.) können nicht mehr rettend eingreifen.AFP/INA FASSBENDER

DFB-Zittern nach Yeltsin Tejedas Ausgleich für Costa Rica

Die Passfolgen gerieten ungenau, das Pressing nur halbstark, es wurde zu viel aus dem Stand und zu wenig über die außen gespielt - und hätte Manuel Neuer nach einem Doppelfehler von David Raum und Antonio Rüdiger nicht so gut gegen Keysher Fuller reagiert (42.) – es hätte zur Pause 1:1 gestanden.

Flick, dem der Druck anzusehen war, geriet das, was da passiert war, offenbar nicht geheuer. Er holte Leon Goretzka zur Pause vom Feld und brachte Lukas Klostermann rechts. Kimmich rückte wieder in die Mitte. Die Acht-Torejagd war abgeblasen. Füllkrug musste weiter zusehen. Bald darauf erzielte Japan den Ausgleich gegen Spanien. Es wurden totenstill im Al Bayt Stadion.

Und Costa Rica griff nun mutiger an. Die Deutschen spielten auf wackligen Beinen, an denen Blei zu hängen schien. Logisch, dass Flick dann endlich Füllkrug (für Ilkay Gündogan) brachte. Aber ehe der Mittelstürmer auf dem Platz war, traf Japan zum 2:1 gegen Spanien. Das Drama war auf dem Weg zur Perfektion – und wurde auf der Anzeigetafel zum Verdruss der deutschen Fans eingeblendet.

Bange Mienen auf der Tribüne und der Bank. Es brauchte jetzt ein Tor von Deutschland und eines von Spanien. Stattdessen erzielte Costa Rica durch Yeltsin Tejeda das 1:1. Noch 30 Minuten waren da zu spielen. Fast im Gegenzug traf Musiala den Innenpfosten.

Kai Havertz (l.) trifft hier zum 3:2 für die DFB-Elf, doch sein Doppelpack reichte Deutschland nicht zum Weiterkommen.
Kai Havertz (l.) trifft hier zum 3:2 für die DFB-Elf, doch sein Doppelpack reichte Deutschland nicht zum Weiterkommen.dpa/Christian Charisius

Kai Havertz mit Doppelpack für DFB-Elf, Niclas Füllkrug setzt Schlusspunkt

Das deutsche Spiel wurde wieder etwas zwingender. Flick alterte in der Coachingzone im Minutentakt und wechselte Kai Havertz und Mario Götze für Müller und Raum ein. Auch die neutralen Fans feuerten nun Costa Rica an. Der starke Musiala traf ein zweites Mal den Pfosten. Es geriet wie verhext für den 19-Jährigen. Und es wurde noch verhexter.

Costa Rica wuselte sich irgendwie zum 2:1 durch Juan Pablo Vargas durch (70.). Spanien war jetzt plötzlich auch raus. Aber dann: Ausgleich durch Havertz nur drei Minuten nach dem Rückstand; Spanien wieder Zweiter, Deutschland weiter Letzter.

Dann klärte Navas, der Teufelskerl, heroisch gegen Füllkrug. Die Nerven waren angespannt wie Drahtseile. Noch zehn Minuten. In der 84. Minute war wieder Joker Havertz zur Stelle, diesmal nach Flanke von Gnabry. 3:2 für Deutschland.

Niclas Füllkrug (r.) drückt den Ball in dieser Szene zum 4:2 für das DFB-Team über die Linie.
Niclas Füllkrug (r.) drückt den Ball in dieser Szene zum 4:2 für das DFB-Team über die Linie.dpa/Federico Gambarini

Jetzt brauchte es ein Tor von Spanien gegen Japan. Es lag nicht mehr in deutscher Hand, weiterzukommen. Daran änderte auch das 4:2 von Füllkrug in der 88. Minute nichts. Und als das Spiel hier noch lief, hatte Japan schon gewonnen und feierte. Deutschland war ausgeschieden.