Die Tour rollt am Sonnabend in Nizza los, und das Team Israel Start-up Nation rollt mit.
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BerlinChristian Prudhomme mag Premieren. Der Direktor der Tour de France hat sich vor einiger Zeit einen chinesischen Radprofi bei seinem Rennen gewünscht, und er hat ihn bekommen, Ji Cheng im Sommer 2014. Prudhomme wollte den ersten Schwarzafrikaner am Start begrüßen, 2015 waren es dann gleich zwei: Daniel Teklehaimanot und Merhawi Kudus aus Eritrea. An diesem Sonnabend geht die Tour in Nizza auf ihre nächste große Runde, diesmal ist Niv Guy der Debütant, 26 Jahre alt, ein Israeli, und er bringt einen israelischen Rennstall mit. Für Christian Prudhomme ein Traum.

Die Tour de France ist ein Großunternehmen der Unterhaltungsbranche Sport. Sie macht einen jährlichen Umsatz von mehr als 200 Millionen Euro und wird auf einen Wert von rund 160 Millionen taxiert. Sie will wachsen, sucht ständig nach neuen Märkten und hat in Israel nun wieder einen erschlossen. Hightech stützt die dortige Wirtschaft, Milliarden aus Frankreich, Russland, aus der ganzen Welt fließen in Innovationen. Niv Guys Rennstall heißt: Israel Start-up Nation.

Das Team selbst ist ein sportliches Start-up, Niv Guy hat dafür umgeschult. Er fuhr bis 2016 noch Rennen auf dem Mountainbike, wechselte erst danach auf die Straße, nahm 2018 am Giro d’Italia teil, kam nicht ins Ziel, versuchte es 2019 noch einmal und wurde 113. Er wird einer der Arbeiter sein für den Iren Daniel Martin, 33, und den gebürtigen Rostocker André Greipel, 38, der mit der Referenz von elf gewonnenen Tour-Etappen seine zehnte Frankreichrundfahrt in Angriff nimmt. Vielleicht ist es seine letzte.

Die mittelfristige Planung von Israel Start-up Nation jedenfalls ist nicht auf Tagessiege, sondern auf das Gesamtklassement ausgerichtet. Im kommenden Jahr soll Christopher Froome auf die Pariser Champs-Élysees in Gelb einbiegen. Garantien dafür gibt es natürlich nicht. So eine Tour de France führt über Berg und Tal, ist mehr als 3500 Kilometer lang und schon manch ambitionierte Profikarriere durch einen positiven Dopingtest aus dem Rhythmus geraten.

Neu im Peloton der Tour de France: Ein Teamfahrzeug von Israel Start-up Nation.
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In Nizza jedoch fehlt der 35 Jahre alte Brite am Sonnabend aus sportlichen Gründen. Seine Mannschaft Ineos verwehrt ihm die Chance auf den fünften Gesamtsieg, die er ohnehin kaum gehabt hätte. Auch Teamkollege Geraint Thomas ist nicht dabei. Egan Bernal soll seinen Titel verteidigen.

Über die interne Konkurrenz bei Ineos und ihre Folgen hat sich Sylvan Adams sehr gefreut. „Mit Chris werden wir zu neuen Höhen aufbrechen und die Spitze dieses Sports erreichen“, hat der kanadisch-israelische Unternehmer und Eigner von Israel Start-up Nation gesagt. Und Froome meinte Anfang vorigen Monats, als er über seinen bevorstehenden Wechsel sprach: „Gemeinsam können wir großartige Dinge schaffen.“

Der Satz wird Adams gefallen haben. Er passt zu diesem Mythos im Mythos, zu Israel Start-up Nation bei der Tour. Die Legende will es, dass alles 2014 oben auf dem Nes Harim begann, einem Hügel acht Kilometer von Jerusalem entfernt. Zwei Männer begegneten sich dort: Ran Margialot, der ein Jahr als Profi in der Equipe des Spaniers Alberto Contador gefahren war. Und Ron Baron, israelischer Geschäftsmann. Aus einem Gespräch entstand das Cyclilng Academy Team. Es wurde in der dritten Liga des Radsports gelistet. Fünf Jahre später ging es in Israel Start-up Nation auf.

Die Lizenz der russischen Mannschaft Katusha ebnete den Weg in die Spitzenklasse. Ran Margialot verlor im vergangenen Jahr den Posten des General Managers, der Finne Kjell Carlström übernahm, holte Martin und Greipel. Mit einem der kleinsten Budgets unter den 19 Rennställen der World Tour wird Israel Start-up Nation veranschlagt. Sechs Millionen Euro sollen es sein. Die eine Hälfte kommt vom Gründer Baron. Den Rest steuert Milliardär Adams bei.

Auch dessen Geschichte hat fast mythische Züge. Vater Marcel Abramovich arbeitete sich vom Gerber hoch zu einem schwer reichen Mann: In Rumänien geboren, überlebte er den Holocaust, kämpfte im Palästinakrieg, emigrierte in den Fünfzigern nach Kanada, gab sich den Namen Adams, machte ein Vermögen mit der Entwicklung von Shoppingmalls. Die Leitung seiner Firma  reichte er 1992 an Sohn Sylvan weiter, der sie 2015 wiederum an seinen Sohn Josh abtrat.

Es war der Moment, in dem sich Sylan Adams auf seine jüdischen Wurzeln besann und die israelische Staatsbürgerschaft annahm. Als Menschenfreund und Mäzen ist er bekannt, engagiert sich in diversen Projekten, unter anderem gemeinsam mit Bill Gates und Warren Buffett, nun gab er bekannt, er wolle den Staat Israel fördern.

Adams machte ernst. Er sorgte dafür, dass der Giro d'Italia 2018 in Jerusalem seinen Anfang nahm. An diesem Sonnabend in Nizza erbringt der Unternehmer erneut den Beweis, dass sein Marketingkonzept für Israel aufgeht, dass die Tour als Bühne mit einem weltweiten Publikum funktioniert. Adams sagt: „Wir nutzen den Sport, um Beziehungen zu knüpfen und ein Bild des Landes zu vermitteln.“ Die Tour spricht über Israel, die Start-up Nation, über André Greipel, Daniel Martin, Niv Guy und Christopher Froome, auch wenn der diesmal gar nicht dabei ist.

Es ist ein Aufstieg nach dem Geschmack von Christian Prudhomme, allerdings in einem Risikogebiet. Das Auswärtige Amt in Berlin hat am Montag für die Region um Nizza eine Reisewarnung ausgesprochen; die Corona-Zahlen steigen dort bedrohlich an. Ein Risikogebiet ist auch die Tour de France. Schon mancher Debütant hat sich verausgabt und ist daran gescheitert.

Doch wenn einer wissen müsste, wie man auf Anhieb Tritt fasst, dann Adams. Er wurde mehrmals kanadischer Meister bei den Senioren, gewann sechsmal Gold bei Makkabiaden und viermal Gold bei den panamerikanischen Meisterschaften. Und, so will es der Mythos: Fahrradfahren gelernt hat Sylvan Adams erst mit Ende 30.