Das kommt also dabei heraus, wenn zwei perfekt aufeinander vorbereitete Mannschaften gegeneinander antreten, und am Ende einer etwas anders macht als üblich: eine Jubeltraube. „Wir sind am Ende der glückliche Gewinner“, sagte der Mann, der den Mut und den Instinkt hatte, im allerletzten Moment vom bekannten Schema abzuweichen.

Damit brachte er dem 1. FC Union nicht nur den 1:0-Sieg gegen den FC St. Pauli, sondern erteilt den Mitspielern auch eine für den anvisierten Aufstieg dringend notwendige Lektion: Man kann als Unioner in der Schlussphase nicht nur Punkte verschenken wie in Nürnberg, Düsseldorf und Duisburg. „Der Glaube, am Ende noch Spiele gewinnen zu können, wird erhöht. Solche Spiele können einem Extrakraft geben. Wenn man diese Mentalität über die ganze Saison zeigt, ist man definitiv oben dabei“, fügt der Glücksbringer noch an.

Sebastian Polter ist ein Phänomen. Gegen Druck scheint der 26 Jahre alte Stürmer immun zu sein. Die ihm zugedachte Rolle war ja riesig, als er Anfang dieses Jahres nach Köpenick zurückkehrte. Publikumsliebling, Torgarant, Topverdiener, teuerster Union-Einkauf.

Dass es ihm tatsächlich gelungen ist, genau da weiterzumachen, wo er vor dem eineinhalbjährigen Ausflug nach England aufgehört hatte, verdient daher bereits Respekt. 28 Tore hat er nun in 57 Ligaspielen für Union erzielt, dazu ein Dutzend Vorlagen geliefert. Er dient den Fans in Tat und Wort als Identifikationsfigur. „Der Verein steckt viel Geld in dich. Ich sehe das als Wertschätzung“, sagt er. Und als Auftrag, den Verein nie schlecht dastehen zu lassen.

Fußball bedeutet auch mentale Anstrengung

Hinter all dem steht ein Selbstbewusstsein, das seinesgleichen sucht. Die entscheidende Szene am Sonnabendnachmittag beschreibt er so: „Plötzlich sehe ich vor mir einen komplett freien Raum. Dass ich den Ball dann rein machen kann, das weiß ich. Das ist meine Überzeugung, auch wenn ich vorher kein gutes Spiel gemacht habe.“

Er hat den Glauben an sich selbst nicht verloren, als er es zu Saisonbeginn seine Torchancen vergab. Er ist nicht verzweifelt, als die Schiedsrichter ein Foul nach dem anderen gegen ihn pfiffen. Und er gab auch am Sonnabend nicht auf, obwohl er dafür allen Grund gehabt hätte, weil seine Widersacher ihn nicht zum Zuge kommen ließen.

„Es war mental anstrengend zu akzeptieren, dass ich die Luftduelle und die Zweikämpfe im Allgemeinen nicht gewinnen konnte und trotzdem wach zu bleiben“, sagt Polter. Wenn einem Fußballer nicht mal das Reinkämpfen in eine Partie als Option bleibt, steht es wahrlich nicht gut um ihn.

Lasse Sobiech, Polters Weggefährte in der U21-Nationalmannschaft, und Christopher Avevor nahmen ihn in Doppeldeckung. Einer schirmte vorne ab, der andere sprang hinten hoch. Überhaupt waren die Hamburger perfekt auf die Spielweise der Eisernen eingestellt und verfügten trotz einiger verletzungsbedingter Ausfälle über das Personal, die komplizierten Traineranweisungen umzusetzen. Das schnelle Verschieben und aggressive Attackieren erschwerte den Unioner Kombinationsfußball teilweise bis zur Unmöglichkeit.

„Das ist die Cleverness, die man als Abwehrspieler hat“

Dass die Köpenicker dank der feinen Dribbelfüße von Marcel Hartel und Akaki Gogia vor allem in Hälfte eins es dennoch ab und zu vermochten, in den Strafraumm vorzudringen, darf als Beweis ihrer Stärker angesehen werden. Mehr aber noch die Tatsache, dass sie am Ende alles auf eine Karte setzten und aus dem „typischen Unentschieden-Spiel“ (Polter) noch drei Punkte herausholten. Schließlich wussten auch sie genau, wo des Gegners Stärken und Schwächen lagen.

Deshalb versuchten sie alles, um einen Freistoß in Tornähe zu bekommen. Dass Toni Leistner in der 90. Minute an der Außenlinie gefoult wurde, kann man auch anders sehen. „Das ist die Cleverness, die man als Abwehrspieler hat“, sagte Polter augenzwinkernd. „Abwehrspieler fallen ja an der eigenen Eckfahne auch immer um, wenn sie den Ball abschirmen.“

Jedenfalls ermöglichte der Freistoß ihm die entscheidende Abweichung . „Ich bin anders gelaufen als sonst. Nicht mit Tempo rein, sondern paarallel zur Abwehrkette.“ Der Rest ist bekannt. Freiraum, Überzeugung, Kopfball, Tor. Sein siebtes der Saison. Küsschen auf die Unterarme, Jubel im Liegen. In der Zweiten Liga kommt die Show erst nach dem Tor.

Das muss Sami Allagui noch lernen. Der Ex-Herthaner hatte erst Pech, dass ihm ein Elfmeter trotz Berührung durch Union-Torwart Jakob Busk verwehrt blieb, dann wurde er Opfer seiner selbst. In der 60. Minute schlug er einen Haken um Leistner und hatte nur noch Busk vor sich.

Perspektivwechsel: „Ich kenne ihn schon ein bisschen. Ich wusste, dass er gerne was Spektakuläres macht“, verriet der Keeper den Gedanken, der ihn bewog, einfach stehenzubleiben und den erwarteten Lupfer zu parieren. Im durchanalysierten Fußball kommt es darauf an, Dinge mal anders zu machen als sonst.