„Werden im Finale lachen“: Neymars Seleção verzaubert die Fußball-Welt

Die 4:1-Gala gegen Südkorea soll für Brasilien nur der Start einer glorreichen K.-o.-Phase sein. Neymar träumt offensiv vom Abend des 18. Dezember.

Neymar und die brasilianische Nationalmannschaft haben bei der Weltmeisterschaft in Katar noch viel vor.
Neymar und die brasilianische Nationalmannschaft haben bei der Weltmeisterschaft in Katar noch viel vor.dpa/Tom Weller

Die wichtigste Botschaft an Millionen Brasilianer versah Neymar mit seinem breitesten Grinsen. Es war bereits sehr früh am Dienstagmorgen, als sich der Fußball-Superstar der Seleção an seine gewohnt emotionalen Landsleute wandte. Zunächst dankte er ihnen in den Katakomben des Stadions 974 in Doha für die Unterstützung während seiner mehrtägigen Verletzungspause. Dann lockerten sich seine Gesichtszüge. Er hatte etwas Beruhigendes mitzuteilen.

„Alles wird gut“, sagte der 30-Jährige nach der furiosen 4:1-Gala im WM-Achtelfinale gegen hoffnungslos überforderte Südkoreaner. Anschließend folgte sein schönstes Lächeln, das er auch für den Abend des 18. Dezember ankündigte: „Wir werden im Finale lachen“, schloss er seine Erklärung. Deutlicher hätte es nicht sein können. Das bevorstehende Viertelfinale gegen Vizeweltmeister Kroatien soll am Freitag (16 Uhr) nur ein weiterer Schritt dorthin sein.

Roy Keane findet Tanzerei überheblich

Es dürfte nun nicht wenige geben, die der Seleção aufgrund solcher Aussagen Überheblichkeit vorwerfen. In etwa so wie Ex-Profi Roy Keane. „Ich habe noch nie so viel Tanzerei gesehen“, sagte der 51-Jährige beim TV-Sender ITV mit Blick auf Brasiliens 4:1. Und das sagte der frühere Champions-League-Sieger bereits zur Halbzeit. Denn da hatte die Seleção schon all ihre vier Tore erzielt und jedes mit Freudentänzen vor der Fankurve in Doha gefeiert. „Ich mag das nicht. Es wird gesagt, das ist ihre Kultur. Aber ich denke, das ist wirklich respektlos gegenüber dem Gegner“, sagte der Ex-Profi von Manchester United. „Sie schießen vier Tore, und sie machen es jedes Mal.“

Die Antwort der Brasilianer ließ nicht lange auf sich warten. „Das Problem hat derjenige, dem es nicht gefällt“, sagte Flügelstürmer Raphinha nach der Partie. Auch Mittelfeldspieler Lucas Paquetá, der eines der Tore erzielt hatte, verteidigte die Form des Jubels. „Das ist unser Ausdruck der Freude, wenn wir ein Tor erzielt haben. Wir machen das nicht, um respektlos zu sein“, sagte der 25-Jährige. Seit 20 Jahren warten die spätestens seit dem 1:7 im WM-Halbfinale gegen Deutschland leidgeprüften Brasilianer nun auf den sechsten WM-Titel. Sie bangen und hoffen mit Neymar und Co. Selbst die an Krebs erkrankte Fußball-Legende Pelé fieberte aus dem Krankenhaus in São Paulo mit.

Er habe seinem Vater einst ein Versprechen gemacht, hatte der 82-Jährige vor dem Südkorea-Spiel in den sozialen Medien geschrieben. Dazu postete er ein Foto, das ihn während der WM 1958 in Schweden zeigt. Dort gewann er als 17-Jähriger einst seinen ersten von drei WM-Titeln. „Ich will euch inspirieren, meine Freunde“, lautete sein Text an die aktuellen Spieler der Seleção. „Das berührt mich sehr. Ich wünsche ihm alles erdenklich Gute“, sagte Neymar später dazu. Kurz zuvor hatte er per Elfmeter (13. Minute) sein 76. Tor für die Seleção erzielt. Nur eines fehlt ihm noch, um mit Pelé gleichzuziehen.

Raphinha möchte mit Brasilien weiter tanzen

Sein Tor war der unspektakulärste aller vier Treffer. Mit welcher Leichtigkeit die Brasilianer in der ersten Halbzeit über die bedauernswerten Asiaten hinweggefegt waren, beeindruckte nicht nur Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann. „Es ist wunderbar, ihnen zuzuschauen“, schrieb der 58-Jährige, der ebenfalls im Stadion war, in seiner BBC-Kolumne. Vor dem ersten Tor hatte Raphinha auf Rechtsaußen das Tempo angezogen. Anschließend legte er quer auf Vinicius Júnior (7.), der den Ball wohlüberlegt ins rechte Eck schlenzte. Beim dritten Tor veredelte Richarlison eine herrliche Kombination über drei Stationen. Den vierten Treffer erzielte Lucas Paquetá per Volleyabnahme.

Jedes Mal danach führten sie teils skurrile Tänze auf. Einmal wollte Richarlison sogar den sichtlich überrumpelten Nationaltrainer Tite einbinden. Spätestens in diesem Moment konnten die Südkoreaner einem wirklich leidtun. „Ich kann nicht glauben, was ich sehe. Ich kann es einfach nicht“, motzte der ehemalige Champions-League-Sieger Keane. Die Brasilianer wiederum verteidigten ihre Samba-Aufführungen als Ausdruck der Freude. „Wir werden weiter tanzen“, kündigte Raphinha an. Die Kroaten jedenfalls werden alles dafür tun, um genau das zu verhindern.