Bremen. Thomas Schaaf saß da wie auf einer Anklagebank. Die Hände tief vergraben in den ausladenden Taschen seines schwarzen Kapuzenpullovers. Um ihn herum auf dem weißen Tisch im Mediensaal unter der Ostkurve des Weserstadions lagen die Aufnahmegeräte, und der 51-Jährige wusste, dass jedes Wort abzuwägen war.

„Wenn ich im Weg stehen sollte, gehe ich gerne zur Seite“, hatte die Trainer-Institution des SV Werder Bremen unmittelbar nach dem 0:3-Offenbarungseid gegen den VfL Wolfsburg gesagt und damit mehr oder minder seinen Rücktritt in Aussicht gestellt. Auf Nachfrage wollte der 51-Jährige darin partout keine Neuigkeit erkennen.

„Heute und morgen gibt es keine Sitzung der Geschäftsführung“

„Wenn ich das Problem sein sollte, dann ist meine Person nicht so wichtig. Ich versuche meinen Job zu machen.“ Doch wie lange noch? Die grün-weiße Sinnkrise ist so eng verwoben mit dem dienstältesten Bundesliga-Trainer, dass dessen Rückhalt beinahe stündlich bröckelt. Das Denkmal Schaaf, dieses seit dem Kindesalter im Verein tätige Urgestein mit Mannheimer Wurzeln, gilt innerhalb der Bremer Gremien längst nicht mehr als unantastbar. Allerdings dementierte der Verein am Sonntag erste Mutmaßungen, dass die Geschäftsführung in Bezug auf die T-Frage bereits Beschlüsse gefällt habe. Und erst recht habe Geschäftsführer Thomas Eichin keinen Auftrag, den Trainer zu entlassen.

Offenkundig scheinen aber selbst enge Verbündete wie der mächtige Vereinspräsident Klaus-Dieter Fischer nicht mehr sicher, ob Schaaf noch die Kurve kriegt. Es war ein Alarmzeichen, dass der neue Geschäftsführer Thomas Eichin, der mit Amtsantritt eine Serie von neun sieglosen Spielen moderierten muss, irgendwann Nachfragen nach dem Trainer nicht mehr beantworten wollte. Immerhin hatte der 46-Jährige zur Verteidigung für Schaaf („Er ist kämpferisch, akribisch und leidenschaftlich“) dies anzumerken: „Thomas ist von der Mannschaft komplett im Stich gelassen worden.“

Rätselhafte Aufstellungen

Nur: Warum wiederholt sich das in so steter Folge? Es sind nicht nur die vielen inhaltlosen Sätze, die bei Schaaf schwer irritieren, sondern auch rätselhafte Aufstellungen. Es hatte was von einem Schildbürgerstreich, dass der beste Innenverteidiger, der kampfstarke Grieche Sokratis, auf der linken Außenbahn zweckentfremdet wurde. Nach 33 Minuten korrigierte Schaaf seinen Irrtum – da allerdings hatten die Niedersachsen durch Maximilian Arnold (13.) und Ivica Olic (27.) längst die Weichen zum Auswärtssieg gestellt, dem später Diego noch das 0:3 folgen ließ (66./Foulelfmeter). Frühere Schaaf-Schüler wie der vor dem Spiel verabschiedete Naldo erschraken ob des desaströsen Auftritts ihrer ehemaligen Kameraden: „Werder hat gute Spieler, aber es hat keine Mannschaft, die zusammenspielt.“ Klarer kann nicht formuliert werden, dass da jemand nicht mehr die Stellschrauben findet. Selbst interne Weggefährten wundern sich über einen Fußballlehrer, der in seiner Trutzburg nicht mehr nach rechts und links schaut. Ähnlich orientierungslos trat das leblose Team auf.

„Ich denke, dass sich die Art der Trainingsführung generell in dieser Woche sicherlich ändern wird“, kündigte Eichin bereits am Samstagabend an, woraufhin Schaaf am Sonntagmorgen gleich mal Intervallläufe ansetzte und den trainingsfreien Montag strich. Maßnahmen, die keinen Widerspruch dulden. „Was wir erste Halbzeit abgeliefert haben, war beschämend. Dafür können wir uns nur entschuldigen“, konstatierte Kapitän Clemens Fritz kleinlaut.

Überraschend gedämpft fielen dazu die Reaktionen auf den Rängen aus. Während die Werder-Fans in der Ostkurve einen „Wir haben die Schnauze voll“-Protestchor anstimmten, verhöhnte der Wolfsburg-Anhang den Gastgeber mit dem „Zweite Liga, Bremen ist dabei“-Sprechgesang. Doch Trainer-Raus-Rufe waren keine zu vernehmen; die treue hanseatische Kundschaft weiß eben, wie es um diesen Klub bestellt war, als Schaaf vor fast genau 14 Jahren vom Amateur- zum Cheftrainer ernannt wurde.

Die Hoffnung, dass noch Punkte geholt werden, ist nicht besonders groß

Damals im Mai 1999 drohte der Abstieg, der erst mittels eines 1:0-Kraftaktes gegen Schalke (Torschütze Christoph Dabrowski) abgewendet wurde. Ob er Parallelen in der Gemengelage damals und heute erkenne, war nun also noch zu fragen, woraufhin Schaaf mit festem Blick durch seine gerandete Brille antwortete: „Das ist nicht vergleichbar.“ Aber ist die Sorge nicht ähnlich groß? „Meine Sorge ist, dass wir nicht gut spielen.“ Und so besteht die Furcht, dass diese Fußballer auch nicht in Leverkusen, dann daheim gegen Hoffenheim und Frankfurt und schlussendlich in Nürnberg übermäßig viele Punkte einheimsen. Ob es zum Klassenerhalt reicht, hängt dann wohl in erster Linie von der Ausbeute der Konkurrenten im Abstiegskampf ab.