Donaueschingen - Für die Basisarbeit ist sich dieser Mann noch nie zu schade gewesen. Wenn es gilt, Stangen, Hütchen oder Hürden einzusammeln, legt Thomas Schaaf immer noch selbst Hand an. Es scheint kein Zufall, dass der 51-Jährige dieser Tage in Donaueschingen – dem dritten und letzten Trainingslager des SV Werder Bremen – sein Tagwerk mit einem Lächeln erledigt. Wenn seine sorgsam verkabelten Kicker vorwärts und rückwärts laufend, springend und hüpfend einen Parcours bewältigt haben, notiert am Ende der Cheftrainer höchstselbst die Zeiten in seiner Kladde.

Darin stehen so viele neue Namen wie nie zuvor in 13 Amtsjahren. Der Verein, auch dank des Schnauzbartträgers Schaaf ein Synonym für Solidität und Kontinuität, erfindet sich gerade neu – mit einem gut gelaunten Trainer, mit einem rundherum erneuerten Team. „Jeder hat den Mut, etwas anzupacken“, hat Schaaf festgestellt, „die Stimmung ist unheimlich positiv.“

Und wenn Schaafs Partner Klaus Allofs dem Übungsbetrieb am Öschberghof zwischen einem weitläufigen Golfareal in kurzen Hosen beiwohnt, wirkt auch Bremens zweiter Baumeister aufgeräumt. Der Vorstandschef lässt eine innere Zufriedenheit anklingen, „dass wir viele Dinge realisieren konnten“. Der 55-Jährige meint den Transfer des tschechischen Rechtsverteidigers Theodor Gebre Selassie, „der glücklicherweise schon vor der EM klargemacht wurde“. Den Kauf des unberechenbaren Flügelflitzers Eljero Elia von Juventus Turin, die ablösefreie Verpflichtung des kantigen Defensivmannes Assani Lukimya (Fortuna Düsseldorf) oder die Leihgeschäfte mit den Offensivkräften Nils Petersen (FC Bayern München) und Kevin de Bruyne (Chelsea London). Über den hochbegabten Belgier, 21 Jahre jung, kursieren schon eine Menge Wundergeschichten, „ihn hatten wir mindestens schon ein Jahr beobachtet“, sagte Manager Klaus Allofs.

Gesenkter Etat

Der Umbruch kommt erzwungenermaßen. Nach zwei unbefriedigenden Spielzeiten (Plätze 13 und neun) ohne internationale Zusatzeinnahmen musste der Gehaltsetat, der in seligen Champions-League-Zeiten über die 50-Millionen-Marke geklettert war, drastisch heruntergefahren werden. Marko Marin und Naldo sind deshalb ein Jahr vor Vertragsablauf für gutes Geld verkauft worden, Großverdiener wie Claudio Pizarro, Tim Wiese oder Tim Borowski stehen allesamt nicht mehr auf der Lohnliste. Allofs will kein schlechtes Wort über die alten Helden verlieren, doch kann sich der Sparzwang als Segen für die überfällige Reform eines von Einzelinteressen geprägten Kaders erweisen. Allofs: „Es sind manchmal solche Schubser, die helfen können, um Dinge zu verändern.“

Der neue Kader, der im Schnitt 22,8 Jahre jung ist und keine 1 000 Bundesligaspiele vereint, soll bewusst flache Hierarchien ausbilden. Aaron Hunt wird mit 25 Jahren mutmaßlich zweitältester Akteur jener Anfangself sein, die am 24. August das Eröffnungsspiel bei Borussia Dortmund bestreitet.

Gute-Laune-Onkel

Dass ausgerechnet der mitunter als bärbeißig beschriebene Schaaf für die vielen Frischlinge den Gute-Laune-Onkel mimt, möchte Allofs indes nicht überbewerten. „Nur weil er plötzlich vermehrt die Spieler in den Arm nimmt, ist er doch kein anderer Mensch.“ Und wenn sich der Trainer über die Jahre nicht schon verändert hätte, „wäre er nicht mehr hier.“ Aber die neue Offenheit des Bremer Trainers überrascht dann doch. Passend dazu hat sich Schaaf von seiner geliebten Rauten-Formation verabschiedet und bevorzugt stattdessen ein flexibel ausgelegtes 4-3-3- oder 4-1-4-1-System, bei dem beide Flügel stets besetzt bleiben.

Auch diese Ausrichtung beflügelt die Fantasien an der Weser, wo sich das zuletzt selbst intern kritisierte Führungsgespann Schaaf/Allofs noch nicht auf ein konkretes Saisonziel festlegen will. Nur so viel lässt Allofs an grün-weißer Ambition raus: „Die mittelfristige Ausrichtung ist es, wieder in einem internationalen Wettbewerb zu spielen.“ Und Profi Sebastian Prödl, nun eine Führungsfigur, sagte: „Erst nach vier, fünf Spieltagen können verlässliche Prognosen abgegeben werden.“

Aber um der neuen Bremer Bodenständigkeit richtig Nachdruck zu verleihen, sei nach dem Gewinn des Liga-Cups in Hamburg auch noch dies gesagt: „Nur weil man in der Vorbereitung zwei Mal nach Elfmeterschießen gegen Bayern München oder den Meister Borussia Dortmund gewinnt, sollte man nicht in Euphorie verfallen“, so Allofs. Dafür ähnelt der verwandelte SV Werder Bremen noch viel zu sehr einer großen Wundertüte.