Wundert sich, wie schnell die Zeit vergeht: Bremens Trainer Florian Kohfeldt.
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Berlin/BremenMitunter wundert sich Florian Kohfeldt selbst, wie schnell die Zeit vergeht. „Gestern vor einem Jahr war Trainingsauftakt“, sagte der Trainer des SV Werder am Mittwoch in der Video-Pressekonferenz aus einer Loge im Weserstadion. Die Erinnerung ist noch nicht verblasst. Die Bremer wollten vor einem Jahr eigentlich wieder Kurs auf den Europapokal nehmen. Als der Tross Mitte Juli im Trainingslager in Zell am Ziller aufschlug, nagelten die Fans ein entsprechendes Plakat ans Quartier. Kohfeldt fand das gut: Sollte doch jeder sehen, wo Werder hinwollte.

Ein Jahr später warnt derselbe Fußballlehrer zur „absoluten Vorsicht“: vor den Relegationsspielen gegen den Zweitligisten 1. FC Heidenheim (Donnerstag und Montag je 20.30 Uhr/ DAZN und Amazon Prime). Zwar ist nicht wie von vielen erwartet, der Hamburger SV der Gegner, aber die Fallhöhe für Werder dadurch nicht geringer. Kohfeldt sagte: „Wir stehen nach wie vor mit dem Rücken zur Wand. Es geht nur um diese beiden Spiele. Danach kannst du nichts mehr korrigieren.“

Sollte der am längsten erstklassige Verein ausgerechnet gegen einen Klub straucheln, der das provinzielle Ambiente der Zweitklassigkeit verkörpert, wäre die Blamage komplett. Bremens Cheftrainer gab zu verstehen, seine Spieler würden den Ernst der Lage nicht verkennen:  „Hier ist keiner, der Heidenheim unterschätzt.“ Seine Warnung: „Es darf nicht einen Hauch Spannungsabfall geben.“ Den vollen Fokus behalten – so klingt das auch bei Geschäftsführer Frank Baumann, Aufsichtsratsboss Marco Bode oder Vorstandschef Klaus Filbry.

Die psychologische Komponente könnte vielleicht sogar schwieriger werden als die sportliche Aufgabe. Plötzlich ist Werder wieder Favorit, eine Rolle, in der sich Kohfeldt grundsätzlich „wohl fühlt“. Der 37-Jährige wertet die Entscheidungsspiele daher lieber „als Geschenk, nachdem wir schon so häufig weg waren“.

Die Ungleichheit drückt sich zum einen in den unterschiedlichen Strukturen und Budgets (Bremen in der vergangenen Saison 151 Millionen Euro Umsatz, Heidenheim 39 Millionen)  aus. Zum anderen beschäftigt der Außenseiter von der schwäbischen Ostalb mehrere Profis, die nie den Durchbruch ins Bremer Bundesligateam schafften. Kohfeldt war in der Jugend mal Co-Trainer von Marnon Busch, hat mit Norman Theuerkauf zusammen trainiert, und Oliver Hüsing ist sein guter Freund.  „Ich bin überzeugt, dass er irgendwann in der Bundesliga spielt – aber noch nicht dieses Jahr.“

Diese These wird durch das Zweitrundenduell im DFB-Pokal aus dieser Saison gestützt. Werder fegte vor fast 39.000 Zuschauern im Weserstadion wie ein Orkan über überforderte Heidenheimer hinweg.  Die Aufzeichnung vom 4:1-Pflichtsieg hat sich Bremens Trainer in voller Länge angesehen, aber er will daraus keine Schlüsse ziehen. Zumal: „Jetzt reden wir über zwei Spiele.“ Auf Gedeih und Verderb stürmen, obwohl das beim 6:1 gegen den 1. FC Köln mit einem perfekt harmonierenden Dreiersturm mit Niclas Füllkrug, Yuya Osako und Milot Rashica so vortrefflich geklappt hat, komme nicht infrage.

Kohfeldt ließ sogar offen, ob sein Mittelstürmer Füllkrug wieder beginnt, der nach neunmonatiger Zwangspause nur eine Halbzeit durchhält. Der Hoffnungsträger hat schon zweimal eine Relegation (2014 mit Greuther Fürth, 2016 mit dem 1. FC Nürnberg) verloren, weshalb der Trainer mal scherzhaft anmerkte, eigentlich dürfe er ihn nicht in den Kader nehmen. Strategisch wird interessant, wie Kohfeldt die gesperrte Hoffenheim-Leihgabe Kevin Vogt ersetzt, der erst beim Rückspiel wieder das Scharnier zwischen Abwehr und Mittelfeld bildet. Christian Groß wäre die Sicherheitsvariante.

Kohfeldt glaubt nämlich nicht, dass allein die fußballerische Qualität und erst recht nicht „taktischen Elemente“ entscheiden. Sondern „Mentalität, Intensität und Bereitschaft“. Dass die Zwangspause durch die Pandemie erst die Chance gegeben hat, ein bundesligataugliches Fitnesslevel zu erreichen, ist unübersehbar. Diese unverhoffte Chance will Kohfeldt nutzten, der sich nach eigenem Bekunden bei zwei Personen, deren Namen er nicht nennen will, nach dem besonderen Nervenkitzel von Relegationsspielen erkundigt hat. Als junger Trainer habe er damit noch keine Erfahrung, spüre aber bei sich eine „besondere Anspannung“. Denn: „Mehr als ‚All in‘ geht nicht.“ Vor einem Jahr hätte Kohfeldt vermutlich nicht im Traum daran gedacht, in solch eine Situation zu geraten – aber im Sommer 2019 haben die meisten bei Corona auch nur an eine mexikanische Biersorte gedacht.