Werder-Coach Kohfeldt atmet tief durch.
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Berlin/BremenAm Anfang waren da nur zwei Plakate, die über den Stahlgeländern am Zugang zum Weserstadion hingen. „Wir sind bei euch“ stand in grüner Schrift auf dem einen, „Ihr schafft das! Wish we were here“ auf dem anderen. Bei plakativer Unterstützung wollten es die Anhänger des SV Werder an einem historischen Sonnabend am Ende aber nicht belassen, nachdem die Bremer mit einem 6:1-Kantersieg gegen den 1. FC Köln am letzten Spieltag noch den Rettungsanker Relegation ausgeworfen haben. Hunderte Menschen strömten an die Spielstätte am Flussufer, wo sich „ein kleines Wunder von der Weser“ ereignet hatte, wie tags darauf der Weser Kurier titelte.

So wie sich das Gewitter am Osterdeich verzog, wendete der Verein mit der längsten Bundesliga-Zugehörigkeit den Direktabstieg ab. Der vor einem halben Jahrhundert komponierte Klassiker „Wunder gibt es immer wieder“ von Katja Ebstein erklang, und aus den Logen der Nordtribüne dröhnte sogar ein „Schenket ein“ durchs verwaiste Stadion. So viel Überschwang und Übermut waren Florian Kohfeldt nicht ganz geheuer. So appellierte der Trainer nicht nur an seine Spieler, in einer weiterhin „brutalen Drucksituation“ den Fokus zu behalten („Wir sind uns vollkommen bewusst, dass wir noch nichts erreicht haben“), sondern auch an die Fans, das Relegationshinspiel am Donnerstag nicht durch falsch verstandene Solidarität zu gefährden. „Bitte bleibt zu Hause und schaut am Fernsehen Fußball. Wir sind immer noch mitten in einer Pandemie.“ Der Klub hatte vergeblich über die Sozialen Medien versucht, den Fanauflauf vor der Ostkurve zu verhindern.

„Die warmen Temperaturen, die Lockerungen in der Corona-Verordnung und nicht zuletzt das Erreichen des Relegationsplatzes des SV Werder Bremen, sorgten in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag für eine enthemmte Stimmung“, hieß es in einem Bericht der Bremer Polizei. Die Ordnungshüter hätten in der Nacht zu Sonntag „alle Hände voll zu tun gehabt.“

Der Fußballlehrer Kohfeldt, dessen Frau Juliane ihm vor dem Spiel per Kurznachricht orakelt hatte, sie erwarte eben ein 6:1, ging insofern mit gutem Beispiel voran, indem der 37-Jährige frisch geduscht nach Spielschluss einsam über den Rasen spazierte, um sich durch über die Westseite nach draußen zu schleichen. Seine Kicker entgingen den Menschenansammlungen durch die Tiefgarage. Offenbar fällt es eingefleischten Werder-Sympathisanten in dieser hochemotionalen Situation schwer, die Geschehnisse distanziert zu verfolgen.

Relegationsspiele sind einmalig in der langen Historie, und der zweite Sturz in die Zweitklassigkeit seit 1980 ist ja noch nicht abgewendet, aber die Grün-Weißen müssen nicht mehr auf Mithilfe eines Dritten hoffen. Neben Mitgefühl für den Absteiger Fortuna Düsseldorf stellte Kohfeldt seiner Analyse eine verbale Verbeugung vor Union Berlin voran. „Großen Respekt“ verdiene der Einsatz der Eisernen. Aufsichtsratschef Marco Bode fand „mehr als ein Danke“ angebracht; Mittelstürmer Niclas Füllkrug empfahl, „eine Kiste Bier rüberwachsen zu lassen“. Die Bremer Stadionregie war so feinfühlig, gleich als zweiten Song nach Schlusspfiff die Vereinshymne „Eisern Union“ aufzulegen. Nina Hagen statt immer nur „Lebenslang Grün-Weiß“ hörte sich gar nicht verkehrt an.

Am kommenden Donnerstag steigt nun Teil eins der Entscheidungsspiele gegen den 1. FC Heidenheim im Weserstadion (20.30 Uhr/DAZN und Amazon), das Rückspiel ist für den darauffolgenden Montag (6. Juli) angesetzt. „Wir sind selbstbewusst, aber auch vorsichtig, da wir in dieser Saison nach Erfolgen immer wieder Negativerlebnisse hatten. Die Situation bleibt schwierig. Es ist noch nichts erreicht", sagte Bremens Aufsichtsratsboss Bode am Sonntag in der TV-Sendung Doppelpass bei Sport1. Und: „Wir sind immer noch mit einem Bein in der Zweiten Liga.“ Für den Fall des Abstiegs hatte Bode bereits für Sonntag den Beginn der Aufarbeitung angekündigt, in der es vor allem um die Zukunft von Kohfeldt, aber auch von Geschäftsführer Frank Baumann gehen sollte. Stattdessen stand die Vorbereitung auf die Relegation auf dem Programm.

Yuya Osako (22. und 58.), Milot Rashica (27.), Niclas Füllkrug (29.), Davy Klaassen (55.) und Josh Sargent (68.) hatten für die Bremer die Tore erzielt, während die Kölner mitunter jegliche Ernsthaftigkeit vermissen ließen. Kohfeldt war trotz der schwachen Gegenwehr aber natürlich dennoch voll des Lobs, sprach von einer „tollen Leistung, fußballerisch und kämpferisch“. Ein Angriff mit dem spielfreudigen Osako, dem schnellen Rashica und dem wuchtigen Füllkrug könnte in den Entscheidungsspielen noch zur wichtigen Waffe werden – der eine legte seine Verzagtheit ab (Osako), der andere beendete seine Formkrise (Rashica) und der nächste hielt erstmals eine Halbzeit von Anfang an durch (Füllkrug). Eine Auferstehung im Triumvirat wie von Geisterhand.

Gegen einen indisponierten Gegner gelangen ein halbes Dutzend schön herausgespielter Treffer, wo sich die Norddeutschen zuvor mit neun Törchen in 16 Heimspielen begnügt hatten. Kohfeldt fühlte flugs seine These bestätigt, dass man gar nicht in solche Not geraten wäre, wenn ihm nur das Personal verletzungsfrei zur Verfügung gestanden hätte. Immerhin kann alles für Werder Bremen noch glimpflich ausgehen. „Wir waren so häufig tot und abgeschrieben dieses Jahr“, stellte er mit ein bisschen Pathos fest, „aber wir müssen die Anspannung hoch halten und dürfen keinen Millimeter nachlassen.“ Für die Rettung ist erst der Anfang gemacht.