Berlin - Dieser Tage hat Alba Berlins Manager Marco Baldi eine bewegende Mail erhalten. Sie hatte mit einer Spendensammlung seiner Basketballer für die Kinderkrebsstation im Virchow-Klinikum zu tun. Mehr als 7000 Euro waren schon auf der digitalen Plattform„ betterplace“ zusammengekommen, als die Mail aufploppte. „Ein junger Mann, er schrieb mir, wie großartig er die Aktion findet und wie viel sie ihm bedeutet, auch heute noch“, erzählt der Geschäftsführer des Bundesligisten. „Er war 2001 selbst auf der Station als Patient.“ Die Diagnose damals: Gehirntumor. Inzwischen ist der Mann geheilt. „Er hat ein Foto angehängt von sich und seiner Frau.“

Baldi ist die Freude über diese Notiz in seinem Postfach anzuhören, die weit mehr ist als eine Randnotiz. Sie beweist, dass soziales Engagement des Sports etwas bewirken kann, weit über den Sport hinaus. Dass es sich lohnt, beim vermeintlich Kleinen anzusetzen, um Großes zu schaffen. 10.000 Euro wollten sie einsammeln, die Berliner Basketballer, das Ziel haben sie erreicht. Sie überwinden Grenzen, die Corona und Krankheit setzen. Zwei Tage vor Heiligabend ist Bescherung im Virchow-Klinikum, bleiben wieder Augenblicke für immer haften.

Seit 22 Jahren macht Alba das nun schon. Bisher haben sie im Foyer ihrer Arena einen Tannenbaum aufgestellt, an dem Zettel mit den Wünschen der Kinder hingen und dem Preis der Geschenke. Die Wünsche erfüllten Fans mit ihrer Spende, die Geschenke überreichten die Alba-Profis. Das Ritual war stets ähnlich an jenen Vormittagen auf der Krebsstation: Stuhlreihen, auf denen Kinder sitzen, 40, vielleicht 50. Manche werden stationär hier behandelt, andere sind nur noch zur Nachsorge da. Die Eltern sind bei ihnen.

Sie singen Lieder und hören Geschichten über Weihnachten. Es wird gelacht, gerufen, gekreischt, manchmal sogar das, vor Vergnügen: Der Albatross ist unangefochten der Star, das lebensgroße Plüschmaskottchen, mehr noch als die Spieler, die beeindruckend langen Kerle in ihrer blauen Trainingsmontur, die ihrerseits jedes Mal beeindruckt sind. „Dort, wo sehr junge Menschen mit dem Tod ringen“, sagt Marco Baldi, „verschiebt sich die Sichtachse.“

Nachdenkliche Profis bei Alba Berlin

Jonas Mattisseck, 20, hat im vergangenen Jahr diese Erfahrung gemacht, zum ersten Mal war er hautnah dabei. Sein Geschenk war für ein kleines Mädchen. „Es hat sich wahnsinnig gefreut“, sagt der Spielmacher. „Überhaupt: Ich fand es unglaublich, wie fröhlich dieses Event war.“ Trotz der Krankheit, der Bedrohung für das noch junge Leben. „Da werden die eigenen Probleme infrage gestellt“, sagt Mattisseck. „Einem wird bewusst, dass man nicht einen einzigen Tag im Leben genervt sein darf.“

Profisportler sind privilegiert, viele von ihnen jedenfalls. Sie stehen auf der sonnigen Seite des Lebens, zumindest so lange sie unverletzt und fit sind. Sie bewegen sich in geordneten Bahnen, in einem festen Rahmen aus Spielen, Training, Regeneration. „Der Terminplan ist sehr eng“, sagt Alba-Kapitän Niels Giffey, 29: „Auf der Station geht man einen Schritt zurück. Es geht mal nicht um Profisport.“ Mattisseck meint: „Aus Zeitgründen kann man sich ja nur finanziell sozial engagieren, aber in diesem Moment bei den Kindern hat man Zeit.“ Kann Zeit schenken.

Mit der Bescherung ist für die Basketballer die Veranstaltung noch nicht vorbei, sie wirkt nach. „Es lässt einen stark reflektieren. Vor allem die ersten beiden Male waren bei mir taff“, sagt Giffey, der insgesamt fünfmal auf der Krebsstation zu Gast war. Und Mattisseck berichtet: „Wir sind ja nicht nur Kollegen, sondern auch Freunde. Jeder macht dort auf der Station seine Erfahrungen, und wir sprechen danach darüber, kommen uns menschlich noch ein Stück näher.“

Teambuilding heißt dieser Effekt neudeutsch, doch stammt Albas Aktion aus keiner psychologischen Trickkiste, ist keine Idee von Marketingstrategen, ist nichts Berechnendes, nichts Berechnetes. Die Aktion geht auf einen Zufall zurück, auf das Jahr 1997 und Franz Josef Schweitzer.

Der Gründer der Entsorgungsfirma Alba wurde im Virchow-Klinik stationär behandelt, als er über das Gelände an der Seestraße spazierte, vorbei an der Krebsstation. Er sah Kinder, die in ihren Betten auf dem Flur lagen, die auf dem Fenstersims saßen, auf ihre Therapie warteten. Er war entsetzt, handelte und half. Mit dabei von Anfang an die Basketballer. Die mit dem Firmennamen im Namen ihres Vereins: Alba Berlin.

Den ersten Besuch auf der Station erlebte jemand mit, der später als Profi das Alba-Trikot tragen sollte: Heiko Schaffartzik. Damals 13 Jahre alt, litt er an Leukämie. Dr. Sigrid Wegert fällt das im Gespräch ein, als es um die Tradition der Bescherung im Virchow-Klinikum geht. Sie ist die Vorsitzende des Vereins KINDerLEBEN Berlin, der für die Kinderkrebsstation Spenden sammelt. „Das Geld kommt zu hundert Prozent den Kindern zugute“, sagt Sigrid Wegert, dieser Zusatz ist ihr wichtig. So wie ihr die Bescherung wichtig ist. „Das Highlight des Jahres.“

Vielleicht wird es nicht ganz so hell strahlen, dieses Licht, wegen Corona und den Sicherheitsvorkehrungen gegen das Virus, die nur ein Elternteil diesmal zulassen und nur diejenigen Kinder, die stationär behandelt werden. Corona macht die Aktion aber umso wichtiger, findet Wegert: „In der Pandemie haben wir weniger Spenden erhalten.“ Erfreut beobachtet sie daher, wie die Summe auf der Crowdfunding-Plattform „betterplace“ anwächst.

Mit jedem Euro mehr füllt sich Päckchen um Päckchen: mit Puppen, Spielzeugautos, Gesellschaftsspielen. Mit einem Buch hier, einer CD dort, und manchmal mit dem lang ersehnten T-Shirt. „Schade, dass man bei der Übergabe nicht in Persona dabei sein kann“, sagt Alba-Kapitän Giffey.

Wobei: Sigrid Wegert hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass wenigstens einer der blauen Riesen kommen darf. „Ein Spieler, der täglich getestet wird.“ Für einen kleinen Auftritt, der Großes bewirkt.