Berlin - Es ist der Morgen vor dem allerersten Spiel in der Geschichte der Berlin Bludgers. Drei Stunden noch. In die Vorfreude mischt sich etwas Angst. „Hat jeder einen Mundschutz dabei?“, fragt Denny. Dann klemmen sich alle bunte Gymnastikstangen zwischen die Beine und laufen durch das kniehohe Gras im Treptower Park.

Eine letzte Taktikschulung: Drei Angreifer versuchen, einen Volleyball durch drei Torringe zu werfen. Zwei Verteidiger schmeißen mit Gummibällen nach ihnen. Das ist die extrem vereinfachte Beschreibung. Tatsächlich ist es in der real existierenden Menschenwelt viel komplizierter, einen Sport auszuüben, der von der Schriftstellerin J. K. Rowling für Zauberer auf fliegenden Besen erdacht wurde: Quidditch.

Vor einem Jahrzehnt kamen Schüler des Middlebury College im US-Bundesstaat Vermont auf die Idee, das fiktive Magierspiel aus den Harry-Potter-Romanen auf den Boden der irdischen Tatsachen zu holen. Herausgekommen ist ein gemischt geschlechtlicher Vollkontaktsport – eine Mischung aus Rugby, Hand- und Völkerball.

Das Regelbuch hat inzwischen selbst Schmökerlänge erreicht, 200 Seiten ist es dick. Es gibt einen Internationalen Quidditch Verband (IQA) und Weltmeisterschaften. Voriges Jahr wurden sie mit 21 Mannschaften in Frankfurt am Main ausgetragen, Australien entthronte im Finale das Erfinder- und Dauersiegerland USA.

Anstrengend, rabiat, witzig

Solche Triumphe sind im Treptower Park fern. Nach einer Stunde steigen die Berlin Bludgers von ihren PVC-Stangen, sie wollen ja nicht zu spät zu ihrem Turnierdebüt. Denny hat das Team vor einem Jahr ins Leben gerufen, zusammen mit Alex, die die Gruppe trainiert.

Die meisten der derzeit 14 Spielerinnen zwischen 15 und 24 Jahren – im offiziellen Regel-Duktus wird die weibliche Form genutzt,  auf dem Feld sind maximal vier Spielerinnen  eines Geschlechts erlaubt – kennen sich aus dem Zauberschloss, einem riesigen Harry-Potter-Rollenspiel, das seit dem Jahr 2001 in den Winterferien jährlich 15.000 Kinder ins FEZ lockt. Denny unterrichtet dort – naheliegend – Quidditch-Theorie. Sam, erst seit zwei Trainingssonntagen im Team, lehrt Zauberstabbau.

Sam trägt ein schwarzes Stirnband. Das ist die Kennzeichnung für die zwei Treiberinnen pro Team. Sie haben als Einzige das Recht, einen der drei Dodgebälle aus Gummi (Zaubername: Klatscher) in die Hand zu nehmen. Damit zielen sie auf die Gegnerinnen. Wer getroffen ist, fällt zwar nicht wie in den Potter-Büchern vom Himmel, aber doch von der Stange. Das bedeutet: zurücklaufen zu den eigenen Ringen, um wieder  aufzusteigen. Jetzt wird es also anstrengend.

Wann endet eine Partie Quidditch eigentlich? 

Wer wie Denny ein weißes Band trägt, gehört zu den Jägerinnen. Jedes Mal, wenn sie den Volleyball (Quaffel) durch einen der drei in der Höhe von 0,91 Meter, 1,47 Meter und 1,83 Meter angebrachten Hula-Hoop-Reifen werfen, gibt es zehn Punkte.  Dabei muss der Quaffel immer nach vorne bewegt werden, indem er entweder wie beim Rugby  getragen oder gepasst wird. Dabei stören nicht nur die Treiberinnen mit ihren Klatschern, sondern auch die gegnerischen Jäger. Denn die Ballführende darf getackelt werden. Deshalb ist weiche Schutzkleidung wie beim Rugby erlaubt, der Mundschutz Pflicht.

Lediglich die Hüterin (grünes Stirnband) ist innerhalb eines Schutzbereichs immun. Es wird also auch ein wenig rabiat. Schläge oder Angriffe von hinten sowie oberhalb der Schultern und unterhalb der Knie sind allerdings verboten.

Bleibt nur noch zu klären, wann so eine Partie Quidditch eigentlich endet. Und nun wird es witzig: Eine feste Spielzeit ist nämlich nicht festgelegt. Stattdessen betritt in der 17. Minute eine gelb gekleidete neutrale Person das eiförmige Spielfeld, hinten an der Hose baumelt der Schnatz. Jede Mannschaft schickt eine Minute später eine Sucherin los. Wenn die den Tennisball in der Socke abreißt  – Vorsicht Klatscher –, gibt das 30 Punkte und das Spiel ist vorbei.

Einer geübten Schnatzläuferin ist schwer beizukommen

Weil so ein Schnatz gemäß der Romanvorlage weder Regeln noch Grenzen kennt, kam es  schon vor, dass der menschliche Schnatz auf einem Fahrrad das Weite suchte oder einen Baum erklomm – mit absehbaren Folgen. Inzwischen wird dem Schnatz alle fünf Minuten ein Handicap auferlegt, damit aus dem Harry-Potter-Spiel keine unendliche Geschichte wird.

Trotzdem ist einer geübten Schnatzläuferin schwer beizukommen. Ein Griff und schwupps ist der Besen weg. Die Folge ist  bekannt: zurück zu den Ringen und aufsteigen.
Regeln verstanden, Taktik studiert, es kann losgehen. Fix ist das Übungsfeld im Treptower Park abgebaut, die Ringhalter werden auseinandergeschraubt.

In ihren schwarzen Trikots steigen die Bludgers in den Bus, es geht zu den Bluecaps in den Gleisdreieckpark. Dazu hat sich das Uni-Team SanssouSea Serpents aus Potsdam angekündigt.

„Es ist eine rasend schnelle Entwicklung“

Schon beim Aufwärmen wird klar,  dass das Debütturnier für die Neulinge eine Lehrstunde wird. Zwei Dutzend Blaukäppchen stürmen über das Feld, athletisch und in klar erkennbaren Spielzügen. Bei den Deutschen Meisterschaften haben sie jüngst Rang sieben belegt.

Julia, die Kapitänin, hat den Sport nach Deutschland gebracht. Nachdem sie  auf Youtube Videos aus dem Central Park in New York gesehen hatte, traf sie sich 2012 erstmals mit Schulfreunden auf einer Wiese in Hessen zum Quidditch.

Ein Jahr später gründeten sie das erste deutsche Team, die Taunus Thestrals, Nach dem Abitur  tragen die Spieler ihre Idee durchs Land, Julia eben nach Berlin. „Es ist eine rasend schnelle Entwicklung“, sagt die 24-Jährige: „Das ist der Wahnsinn.“

Nächstes Jahr wollen auch die Berlin Bludgers an der Ostliga teilnehmen

Etwa 30 Teams sind es inzwischen in Deutschland, und die Realität hat die fiktive Zauberwelt längst in den Schatten gestellt. „Es sind mittlerweile zwei verschiedene Sachen“, sagt Julia, „Harry Potter finde ich cool, Quidditch ist mein Sport.“  Als nächstes wollen sich die Bluecaps einem Verein anschließen, weil sie Turniere ausrichten wollen und müssen. Das nächste schon am 23. Juli, die Ostliga. Dafür brauchen sie Kabinen und Toiletten.

Nächstes Jahr wollen auch die Berlin Bludgers an der Ostliga teilnehmen. Sie suchen ebenfalls einen Verein  – der Kosten und Versicherung wegen.  Dass die Gegner in den zwei Premierenspielen fünfmal so viele Punkte erzielen, ist ihnen egal. Immerhin sind ihnen drei und vier Tore gelungen. „Wir haben durchgehalten“, jubelt Mitgründerin Alex.

Nächsten Sonntag wird weitergeübt. Dem Treptower Park wollen die Bludgers selbst im Falle eines Vereinsbeitritts  treubleiben. Trotz ungemähter Wiese und Bodenlöchern. Ein Park versprüht nun mal mehr Magie als ein Kunstrasenplatz.