Wird am Sonnabend beim direkten Duell mit seinem Vorgänger Rafael Gikiewicz zeigen müssen, wer der Herr im Haus ist: Andreas Luthe vom 1. FC Union Berlin.
Foto: Moritz Eden/City-Press

BerlinAuf Augenhöhe? Viel fehlte nicht und Urs Fischer hätte sich vor laufender Kamera in einen mit den Augen rollenden Smiley verwandelt. Nein, so etwas vor dem Duell gegen den FC Augsburg (Sonnabend, 15.30 Uhr/Alte Försterei) auch nur in den Raum zu stellen, fand Unions Cheftrainer dann doch reichlich vermessen. Seit neun Jahren in Folge spielen die bayerischen Schwaben schon in Deutschlands Eliteklasse. Davon seien seine Eisernen doch weit entfernt. Es gelte also für die Köpenicker, mit Teamgeist und Überzeugung wie in der Vorsaison vieles wettzumachen. „Ich glaube schon, dass wir noch einiges zu lernen haben“, meint der 54-Jährige. 

Auch wenn einige Experten Union zutrauen, in Jahr zwei der Nachwende-Erstklassigkeit eine gute Rolle zu spielen, lässt sich Fischer von diesen externen Lobhudeleien nicht einlullen. Für den Schweizer Fußballlehrer gilt es wie beim Skatspiel das Maximum auszureizen. Und das wäre, getreu dem Motto „mit zwei spielt drei“, den Köpenickern eben ein weiteres, drittes Jahr in Deutschlands Eliteliga zu sichern. „Der Klassenerhalt wäre eine tolle Leistung. Die erste Saison war genauso schwierig, wie die zweite oder die dritte womöglich sein würde“, so Fischer.

Aus der Rolle des Underdogs will er vor dem Saisonstart jedenfalls nicht raus. Gerade weil der 54-Jährige weiß, dass sein Team im Gegensatz zur Premierensaison von der Konkurrenz kaum noch unterschätzt werden dürfte und die Vorbereitung sowie der Start im Pokal etwas holprig waren. „Wir haben noch Luft nach oben, daran gilt es zu arbeiten, aber im Pokal hatte auch die eine oder andere Mannschaft Probleme“, verwies Fischer darauf, dass das Überstehen der ersten Pokal-Hürde seiner Truppe vom Kopf her kaum geschadet haben dürfte. 

Die größte Herausforderung für die Eisernen sieht Fischer in dem kürzesten Bundesligajahr aller Zeiten – zwischen dem Startschuss am 18. September und dem letzten Spieltag am 22. Mai 2021 liegen nur 247 Tage, und das ohne echte Winterpause – in der enormen Spieldichte. „Es geht vor allem um Steuerung, die Jungs werden stark belastet, im Pokal sind wir ja auch noch dabei. Wenn du noch Nationalspieler hast, ist es etwas Ungewohntes, wo es wieder gilt, Erfahrung zu machen. Es wird wichtig sein, so wenig Verletzte wie möglich zu haben“, so Fischer.

Luthe ist ein Torwart, der Ruhe ausstrahlt.

Urs Fischer über seine Nummer 1

Denn damit benannte er schon einen Knackpunkt der Vorbereitung. Keita Endo sei zwar auf einem guten Weg, aber der Kick gegen den FCA kommt für den japanischen Flügelflitzer noch zu früh. Antony Ujah ist beim Auftakt noch immer keine Option, weil das operierte Knie weiterhin Probleme macht, und Hoffnungsträger Max Kruse ist derzeit maximal bereit für einen Kurzeinsatz. Wenn man dann noch bedenkt, dass den Köpenickern kurz vor dem Auftakt mit Sebastian Andersson ihr bester Stürmer abhanden gekommen ist, lässt das selbst den in Personalfragen nicht gerade zum Lamentieren neigenden Fischer ein wenig ins Grübeln geraten. „Ich glaube, und das wissen wir alle, dass es so, wie es jetzt ist, nicht die Optimallösung ist.“ Fischer hofft, dass Manager Oliver Ruhnert bald im Sturmzentrum personell nachbessert.

Bis dahin müssen es die anderen richten. Und da fällt vor dem Match gegen Augsburg automatisch der Blick auf die beiden Torhüter: Andreas Luthe – jetzt Union, vormals Augsburg – und Rafal Gikiewicz – zuvor Union, jetzt beim FCA. Fischer bleibt dabei diplomatisch, wer denn dabei im Vorteil sei. Es seien beides sehr gute Torhüter, ließ er die gern bei Eidgenossen zur Schau getragene Neutralität durchblicken.

Erst auf den zweiten Blick offenbart sich, dass der aus dem nordrhein-westfälischen Velbert stammende Luthe ein paar Eigenschaften hat, die Union bei dem stets extrovertiert daherkommenden polnischen Schlussmann vermisst hat. Luthe, so Fischer, sei „ein Torwart, der Ruhe ausstrahlt, das, was für uns wichtig ist. Aber er versteht es auch, immer wieder zu pushen. Wenn er lauter werden muss, macht er das.“

Einige Schnitzer, die der 1,95 Meter große Schlussmann in der Vorbereitung gezeigt hat, irritieren Fischer und Robert Andrich nicht. Denn auch sein Vorgänger Gikiewicz sei zwar ein guter Keeper, aber keine furchteinflößende Übergestalt. „Rafa ist ja keiner, der keine Tore reinlässt. Wenn man gut genug schießt, ist jeder Torwart verwundbar“, so Andrich. Und dennoch „freut man sich auf ein Wiedersehen mit einem ehemaligen Mitspieler“, so der Mittelfeldspieler, „aber im Spiel hoffe ich, dass er das eine oder andere Mal hinter sich greifen muss“. Damit sich Union nicht gleich im ersten Spiel überreizt.