Lautsprecher einer Fußball-Männerriege: Hans-Joachim Watzke. 
Imago Images/Jörg Schüler

BerlinSolidarität ist dieser Tage ein oft genutzter Begriff. Überall wird Solidarität benannt, eingefordert, bemüht,  durchgekaut. Immer wieder gern und oft auch im  Profifußball.  In dieser Branche wird während der Corona-Tage deutlich, dass hinter großen Reden und großen Gesten oft nicht viel mehr steckt, als das, was sonst den Ball zum Fliegen bringt: ein Überdruck an Luft. 

Ein Phänomen also, das Bremens früherer Bürgermeister Henning Scherf als missbräuchliche Verwendung des  Begriffs bezeichnet hat: „Solidarität ist eine Leerformel geworden, nicht zuletzt weil der Begriff durch inflationären Gebrauch seines Kerns beraubt wurde.“ Natürlich ist es eine noble Geste, wenn  Fußball-Großverdiener wie Leon Goretzka und Joshua Kimmich die Spendenplattform „We kick Corona“ gründen, einer wie Ilkay Gündogan Hilfspakete in Heinsberg  verteilen lässt, Spieler wie Lukas Podolski freiwillig auf Gehalt verzichten  oder  Bayern-Stürmer Thomas Müller den Menschen Schnitzel und Schweinebraten aus  dem örtlichen Gasthaus spendiert, die in seinem Heimatlandkreis als Ärzte, Krankenschwestern, Apotheker, in Lebensmittelläden oder anderswo „täglich zeigen, wie wichtig sie für uns sind“, wie Müller im sozialen Netzwerk schreibt.

Eine verschworene Männerriege

Gleichzeitig zeigt die aktuelle Situation, wie unwichtig  Profifußballer  für die Gesellschaft  sind. Obgleich  eine verschworene Männerriege, als deren Lautsprecher sich gerade Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke  auf besonders unangenehme Weise hervorzuheben bemüht, den Profifußball offenbar für systemrelevant hält.

Statt die Bundesligasaison zu beenden, wie es im Eishockey und Volleyball längst passiert ist, beteuern sie in den  Chefetagen der Bundesligavereine und der Deutschen Fußball Liga (DFL) immer wieder thomasbachartig, man werde alles daran setzen, die Saison 2019/2020 zu Ende zu bringen, notfalls mit Geisterspielen.

20 Millionen Euro als feines Opferlamm

Warum nicht einfach: Fresse halten und Saison endgültig abbrechen? Weil dann eine Tranche an Fernsehgeld verloren geht, solidarisch, für alle Vereine. Aus Solidarität haben also die vier Topklubs FC Bayern München, Borussia Dortmund, RB Leipzig und Bayer Leverkusen gleich mal 20 Millionen Euro in einen Fond eingebracht, der später Erst- und Zweitligaklubs, die in Schieflage geraten mögen, unterstützen soll. Warum? Weil sie es konnten.

Oder war es vielleicht so, dass die 20 Millionen Euro in der Vor-Osterzeit ein feines Opferlamm abgeben, um die 750-Millionen-Euro-Tranche mit einem begeisterten Määääh der restlichen Herde nach Wiederanpfiff einzusacken? Schließlich hat Watzke an diesem Sonntag erneut betont, dass Bundesligisten Wettbewerber sind und dass daher die Klubs, „die ein bisschen Polster angesetzt haben in den vergangenen Jahren, dann im Prinzip die Klubs, die das wiederum nicht gemacht haben, dafür auch noch belohnen“.

Klubs mit individueller Exitstrategie

Wie inhaltsleer Solidarität in der Fußball-Bundesliga gelebt wird, zeigt das Beispiel, das Dank eines Tweets von Oliver Ruhnert, dem Sportchef des 1. FC Union, publik geworden ist. Der gab   am Donnerstagabend voriger Woche kund, „auf Bitten der DFL“ werde seine Mannschaft erst am 6. April wieder zusammen auf dem Platz trainieren.  Die DFL-Bitte zum solidarischen Wiedereinstieg und den Appell an die Vorbildfunktion  hatte der FC Augsburg da schon vier Tage lang ignoriert, RB Leipzig ebenfalls, Borussia Dortmund marschiert in Kleingruppen an diesem Montag wieder auf den Platz.

Warum betreiben Klubs ihre individuelle Exitstrategie? Weshalb halten sie christianlindnermäßig ihre Füße nicht still? Haben sie mehr Relevanz als  Schuhverkäufer, Hoteliers oder Friseure? „Jeder Fußballer möchte doch den Ball am Fuß haben und den Rasen spüren“, sagt Augsburgs Trainer Heiko Herrlich. Ist der Ball für den Fußballer also wichtiger als dem Schuhverkäufer die Ledersohle, dem Friseur die Schere? Und was sollen erst die Kinder sagen, die nicht mal raus auf den Spielplatz dürfen?

Wer als Erster lossprintet...

Bis 20. April gilt der Lockdown in Deutschland derzeit. Mindestens. Nur für Fußballprofis nicht? Tatsächlich ist es mit dem Training wie mit dem Klopapier: Wer als Erster lossprintet, holt sich den Vorteil im Dreierpack.

Wie soll das Weiterspielen überhaupt möglich sein? Wie soll die Champions League funktionieren, wenn in Spanien und Italien  1.000 Menschen an einem Tag sterben, in Großbritannien die große Infektionswelle noch bevorsteht und sich Ärzte und Pfleger in deutschen Kliniken gerade erst fürs Schlimmste wappnen?

Lieber doch wie Affen im Zirkus

Als die Bundesliga noch nicht unterbrochen war, hatte Unions Torwart Rafal Gikiewicz  gepostet, die Spieler würden behandelt „wie Affen im Zirkus“. Und jetzt? Wollen sie sich in ein paar Wochen tatsächlich erneut von DFL und Vereinsbaronen auf Brot-und-Spiele-Niveau degradieren lassen? Warum widersetzt sich keiner von ihnen mit ähnlichem Mut wie ihn der Fechter Max Hartung in der Hängepartie um die Olympischen Spiele gezeigt hat?

Weil Fußballer nicht mehr können als Fußballspielen oder mit Klorollen jonglieren? Es gäbe  Lösungen gegen die Langeweile ohne Ball: In Beelitz, Nienburg, Schrobenhausen und anderen Spargelhochburgen fallen die Saisonarbeiter aus, Supermärkte suchen Regaleinräumer, Apotheken Kuriere und  Maskenhersteller händeringend Produktionsmitarbeiter. Jobs wie diese sind systemrelevant.