Der Reitsp
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BerlinWährend das „Weltfest des Pferdes“, das CHIO Aachen, wie praktisch alle Großveranstaltungen, abgesagt wurde, kämpfen Reiter, Vereine und Stallbesitzer um die Rückkehr zu einer gewissen Normalität. Rund 70 000 Schulpferde in Deutschland müssen ihren Hafer verdienen, indem sie Schüler auf ihrem Rücken durch die Reitbahn tragen. Zur Zeit verhandelt die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) mit den Behörden über die Lockerung der strengen Corona-Bestimmungen, hofft, dass bald wieder Reitunterricht erteilt werden kann. Sie hat gute Argumente: Geritten wird beim ersten Sonnenstrahl nicht mehr nur in der Halle, sondern auch im Freien, da sind die Sicherheitsabstände leicht einzuhalten.

In den letzten Wochen erging es den Reitern ohnehin besser als den meisten Sportlern. FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach konnte den Ordnungs- und Gesundheitsämtern klarmachen, dass es nicht darum geht, Sport zu treiben. „Es geht allein darum, dass die notwendige Versorgung und Bewegung der Pferde sicher gestellt wird“, sagt er. Pferde haben Anspruch auf tägliche mehrstündige Bewegung, auch unter dem Sattel. Alles andere wäre ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz.

Zwar erkranken nach heutigem Wissensstand Pferde nicht am Corona-Virus, geben ihn auch nicht weiter, aber die Menschen, auf die sie angewiesen sind, sehr wohl. Die Reiter dürfen deswegen zur Zeit nur einzeln oder in kleinen Gruppen in den Stall, nicht mehr als vier Pferde gleichzeitig dürfen in einer Reithalle oder auf einem Reitplatz bewegt werden.

Wie in vielen Bereichen sind die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie noch nicht abzuschätzen. Selbst die großen Namen der Branche haben zu kämpfen. Paul Schockemöhle, Herr über ein paar tausend Pferde, verkauft im Schnitt 750 Pferde im Jahr, den größten Teil davon ins Ausland. Jetzt sagt er: „Alle Pferde, die jetzt einsatzbereit für Turniere sind, sind unverkäuflich.“ Es kommt keiner, der ein Pferd ausprobieren möchte, denn Reisen ist ja unmöglich. Wozu jetzt ein Turnierpferd kaufen, wenn es keine Turniere gibt?

Trübe Aussichten

Wann sich alles normalisiert, weiß nicht mal Paul Schockemöhle, die von ihm organisierte Springserie Riders Tour, die bis in den Herbst reicht, wurde ebenfalls abgesagt. Viele Veranstalter gehen davon aus, dass in diesem Jahr in Deutschland keine Turnier mehr stattfinden können, auch nicht die kleinen auf dem Dorf. Die finanzieren sich durch Würstchenbude, Kuchentheke, Bierstand und dass Geld örtlicher Sponsoren, die im Moment andere Sorgen haben.

Diese eher trüben Aussichten brachten Volker Wulff, Veranstalter großer internationaler Turniere wie der Global Champions Tour in Berlin, auf den Gedanken, Reiter und Pferde im virtuellen Raum gegeneinander antreten zu lassen. Die Idee ist nicht ganz neu, aber Corona verleiht ihr ungeahnte Aktualität: Reiter schicken Videos von ihren Ritten, die von einem Richtergremium gewertet und rangiert werden.

Alles soll möglichst so sein wie bei einem „echten“ Turnier. Zunächst soll es nur Prüfungen in Dressur oder Springen bis zur mittleren Klasse geben, bei denen Reiter und Pferd mit einer Wertnote beurteilt werden. Der Reiter trägt die vorgeschriebene Turnierkleidung, also weiße Reithose, Jackett und festen Helm. Die Dressurvierecke müssen der Norm entsprechen, im Springen wird erst kurz vor der Prüfung der Parcours bekanntgegeben, am Abend zuvor kommen die Informationen welches Hindernismaterial benötigt wird, wie viele Stangen, Gatter, Mauern oder (Gummi)-Wassergräben.

Codierte Startzeit

Der Reiter bekommt vor der Prüfung einen Code mit der Startzeit. Denn es gibt einen festen Zeitplan. „Man kann also nicht zehnmal üben, und dann die beste Version einschicken“, sagt Volker Wulff. Der Reiter hat eine gewisse Zeit zur Vorbereitung (die ebenfalls gefilmt wird), bis es los geht. Die Höhe der Hindernisse kann digital überprüft werden, auch Pferdekontrollen und Dopingproben sollen stichprobenartig vorgenommen werden. Auf diese Weise versucht Wulff, seinen Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Sowohl die Internationale Reiterliche Vereinigung (FEI) als auch die deutsche FN sträuben sich noch gegen die Idee. „Tierschutz und Chancengleichheit sind bisher nicht gewährleistet,“ sagt Soenke Lauterbach. Manipulationen seien nicht auszuschließen. Derzeit würden die juristischen Aspekte des Konzepts geprüft. Die FEI droht sogar mit Sperren. Volker Wulff hat jetzt schon, vor dem offiziellen Start, mehr als 400 Anfragen für sein virtuelles Turnier. Und es wäre nicht die erste gute Idee, die erst gegen Wände laufen muss, bis sie sich durchsetzt.