Berlin - Sarina Wiegman kann sich an die Stimmung im Sommer 2017 noch bestens erinnern. Zum Endspiel um die Europameisterschaft in Enschede steuerte die Begeisterung um die niederländischen Fußballerinnen auf einen Höhepunkt zu: Überall in der Stadt öffneten Bierstände, spielten Blaskapellen – und am Ende feierten Abertausende von Menschen einen furiosen 4:2-Finalsieg gegen Dänemark. Das Oranje-Sommermärchen hatte an der deutsch-niederländischen Grenze seine Krönung erfahren. Während der achtfache Europameister Deutschland früh ausgeschieden war, löste der erste Frauen-Titel in den Niederlanden einen Hype aus. „Plötzlich liefen kleine Mädchen und Jungs mit Trikots über die Straßen, auf denen Namen wie Vivianne Miedema und Lieke Martens standen“, weiß Nationaltrainerin Wiegmann, „das wäre 15 Jahre vorher, als ich selbst noch gespielt habe, unvorstellbar gewesen.“

Altstars wie Arjen Robben den Rang abgelaufen

Ein Heimturnier als Türöffner, auf den der Niederländische Fußballverband (KNVB) akribisch hingearbeitet hatte. Lange hatten die Frauen nur in der Nische ihre Daseinsberechtigung, plötzlich liefen sie den nicht für die WM qualifizierten Männern mit Altstars wie Arjen Robben den Rang ab. Seitdem sind die „Oranje Leeuwinnen“ ein Teil der Fußballkultur. Wenn die Niederlande zum Ausklang des Mini-Turniers „Three Nations. One Goal“ gegen Deutschland antreten (Mittwoch 18.30 Uhr/Eurosport), dann sind zwar in Venlo keine Zuschauer erlaubt, aber Interesse an diesem „Endspiel“ um den Turniersieg gibt es vor allem bei den deutschen Nachbarn.

„Die Euro hat uns einen Schub gegeben. Seitdem ist alles professioneller geworden“, sagt Wiegman, die im September dieses Jahres den englischen Nationaltrainer Phil Neville beerbt und dann bald das nächste Event im eigenen Land erlebt: die Frauen-EM 2022 in England. „Durch ein solches Turnier öffnen sich plötzlich Türen, die bis dahin doppelt und dreifach verschlossen waren. Man bekommt auf einmal eine öffentliche Aufmerksamkeit, die unbezahlbar ist“, erklärt die 51-Jährige. Einzige Voraussetzung: „Die Leistung muss stimmen.“

Ihrem Ensemble gelang es, bei der Frauen-WM 2019 in Frankreich bis ins Finale zu kommen – erst das US-Team mit Vorkämpferin Megan Rapinoe war zu stark. Die deutschen Fußballerinnen hätten damals in Lyon das Halbfinale gegen die Niederlande bestritten, wenn sie nicht im Viertelfinale gegen Schweden (1:2) verloren hätten. So kommt es, dass fürs Olympische Fußballturnier die Niederlande und nicht Olympiasieger Deutschland qualifiziert ist. An der Wachablösung gibt es also gerade nichts zu rütteln, wobei Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg bemüht ist, das Positive an der deutschen Entwicklung herauszukehren. Die 53-Jährige blickt frohgemut in die Zukunft, weil sie über eine erstaunliche Zahl an jungen Spielerinnen verfügt, die für die nächsten Jahre wieder Besserung verheißen.

DFB schließt sich Belgien und den Niederlanden an

Insofern war es aus ihrer Sicht nur zu begrüßen, dass sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB) der niederländischen Initiative – genau wie Belgien – für eine Ausrichtung der Frauen-WM 2027 angeschlossen hat. Gleichwohl ist nicht einmal sicher, ob die europäische Dachorganisation Uefa wirklich diesen Dreierverbund ins Rennen schickt, denn auch in Skandinavien besteht großes Interesse. „Ich bin überzeugt, dass unsere Bewerbung eine große Kraft und Chance hat, diese WM zu bekommen“, sagt Voss-Tecklenburg. Die im niederrheinischen Straelen beheimatete Bundestrainerin hat viele Freunde in der Region, die ein nachhaltiges Konzept der kurzen Wege für solch ein Großereignis umsetzen könnten.

Gleichlautend hat sich auch DFB-Präsident Fritz Keller geäußert, doch die Konkurrenz durch Interessenten aus Afrika oder Südamerika, wo noch nie eine Frauen-WM stattgefunden hat, ist nicht zu unterschätzen. Deutschland benötigt händeringend einen Impulsgeber für den Frauenfußball, weil auch die Zahl der Mannschaften, vor allem im Mädchenbereich, rückläufig ist. Gesucht werden neue Vorbilder. Dafür besitzen Lena Oberdorf, Klara Bühl, Lea Schüller oder die derzeit verletzte Giulia Gwinn fraglos einiges an Potenzial, aber sie müssen auf Bühnen wie einer WM oder EM reüssieren – der mögliche Gewinn eines Miniturniers unter dem coronabedingten Ausschluss der Öffentlichkeit reicht da gewiss nicht aus.