Wie eine Sportpsychologin Iga Swiatek zur Nummer eins der Welt machte

Die Polin, die bei den Australian Open den nächsten großen Titel holen will, ist im Frauentennis das Maß der Dinge – auch dank ihrer Mentorin Daria Abramowicz.

Daria Abramowicz (l.) ist für Iga Swiatek (M) eine extrem wichtige Bezugsperson.
Daria Abramowicz (l.) ist für Iga Swiatek (M) eine extrem wichtige Bezugsperson.AFP/Dubreuil

Wer über Iga Swiatek schreibt, muss auch über Daria Abramowicz schreiben. Hier die derzeit beste Tennisspielerin der Welt, die bei den am Montag beginnenden Australian Open ihren vierten Grand-Slam-Titel gewinnen will und dabei in der ersten Runde die Deutsche Jule Niemeier zur Gegnerin hat. Da die renommierte Sportpsychologin, die offenbar großen Anteil daran hat, dass Iga Swiatek zur Nummer eins der Welt aufgestiegen ist und von den Experten bereits als „neue Überfigur des Frauentennis“ (Süddeutsche Zeitung) bezeichnet wird.

Seit 41 Wochen steht die 21-jährige Swiatek in der Weltrangliste ganz oben, triumphierte im vergangenen Jahr trotz einiger Verletzungsprobleme nach 2020 zum zweiten Mal bei den French Open, zum ersten Mal bei den US Open, war bei 37 Siegen in Serie über Monate hinweg ungeschlagen. Dabei hat Swiatek, so viel ist sicher, ihr Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft.

Klar, dass gerade Einzelsportler auf das Know-how von Mentaltrainerinnen und -trainern zurückgreifen, das ist im 21. Jahrhundert nichts Ungewöhnliches mehr. Und doch ist die Verbindung zwischen den beiden Polinnen etwas ganz Besonderes. Was sich nicht nur im Ergebnis zeigt, sondern auch im offenen und damit auch tabubrechenden Umgang mit dem Thema Sportpsychologie im Spitzensport.

Stresslevel wird regelmäßig gemessen

Abramowicz, 35, arbeitet nicht im Verborgenen, sie ist mit ihrem holistischen Ansatz allgegenwärtig, ohne Gefahr zu laufen, dass sich daraus eine für Swiatek fatale Abhängigkeit entwickelt. Sie ist bei fast jeder Trainingseinheit zugegen, achtet auf jede Geste, kontrolliert dabei bisweilen mithilfe von Herzfrequenz- und Gehirnstrommessgeräten den Stresslevel ihrer Athletin, hat dadurch erfahren, was Swiatek braucht und tun muss, um im Spiel in den alles entscheidenden Situationen nicht zu verkrampfen. Zu viel Adrenalin kann hier kontraproduktiv sein.

Darüber hinaus ist Abramowicz diejenige, die Swiatek auch als Persönlichkeit weiterentwickelt. Sie legt Wert darauf, dass Swiatek bei allem Ehrgeiz ihre sozialen Kontakte nicht vernachlässigt, schickt sie zum Relaxen mit Freunden und Familie an den Strand oder ins Café. Wohlwissend, wie wichtig der „human anchor“, wie sie es in einem Interview mal genannt hat, für die emotionale Stabilität eines aufstrebenden Sportstars ist.

Sie hat Swiatek zudem immer wieder mal ein Buch zur Lektüre oder eine Dokumentation zum Studium nahegelegt. Darunter eine über Lady Diana, damit Swiatek begreift, welche Tücken der plötzliche Ruhm in sich birgt. Es darf aber auch gern mal etwas Banales sein: ein Sudoku-Rätsel unmittelbar vor der nächsten Partie oder ein Plausch über dies und das. Abramowicz ist jedenfalls überzeugt, dass ein wahrer Champion nur auf Dauer ein Champion bleiben kann, wenn er sich die Freude am Leben bewahrt, also Mensch bleibt.

Iga Swiatek ist ein Glücksfall für Daria Abramowicz – und umgekehrt

Kurzum: Abramowicz ist für Iga Swiatek mehr als nur eine Sportpsychologin, sie ist zugleich auch Reisebegleiterin, Freundin und Mentorin. Wobei Swiatek als Mentee im Umkehrschluss auch für Abramowicz ein Glücksfall ist.

Im Februar 2019 bekam Abramowicz von Swiateks Management die Anfrage, ob sie sich vorstellen könne, sich mit einer jungen Tennisspielerin auseinanderzusetzen, die über ein schier grenzenloses Potenzial verfüge, aber mental noch nicht in der Lage sei, dieses Potenzial auszuschöpfen. Abramowicz, die ehemalige Wettkampfseglerin, die zuvor mit Athletinnen und Athletin aus dem Rad- und Schwimmsport, aber auch mit Schachspielern gearbeitet hatte, zögerte einen Moment, war aber, nachdem sie Swiatek bei einem Turnier in Budapest beobachtet hatte, schließlich hin und weg. Denn so eine Wettkämpferin, eine Sportlerin mit so viel Feuer hatte sie zuvor noch nie gesehen.

Eineinhalb Jahre später düpierte Swiatek als Nummer 54 der Welt die Frauen-Konkurrenz bei den French Open, die man wegen der Corona-Pandemie vom Frühjahr in den Herbst verlegt hatte. Ohne Satzverlust gewann die damals 19-Jährige das Turnier und deutete dabei schon an, dass sie im Gegensatz zu vielen anderen jungen Frauen in ihrem Sport mit dem Erfolg und dem daraus entstehenden Druck auch klarkommen könnte. Dass sie das Zeug dazu hat, also die spielerische Klasse, zugleich aber auch (dank Abramowicz) die mentale Stärke, um nicht nur ein oder zwei Jahre, sondern womöglich sogar eine ganze Dekade auf höchstem Level zu performen.

Parallelen zu Vorbild Nadal

So, wie Serena Williams das geschafft hat. Oder wie Roger Federer, Novak Djokovic, Andy Murray und Rafael Nadal, die als „Fab Four“ des Männertennis die vergangenen 15 Jahre geprägt haben. Wobei sich die Polin den famosen Spanier zum Vorbild genommen hat.

Und tatsächlich gibt es schon allerlei Parallelen zu Nadal, und das im Positiven wie im Negativen. Wie Nadal hat Swiatek ein Faible für Sandplatztennis und damit auch ein Faible für die French Open, hegt wie der 36-Jährige eine leise Aversion gegenüber Tennis auf Rasen. Aber das ist eine andere Geschichte: In Melbourne wird nämlich auf Greenset gespielt, auf einem Kunststoffbelag, der noch nicht einmal grün, sondern blau gefärbt ist.