Turbine Potsdams will in der Zukunft wieder höher hinaus.
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BerlinDas Geheimnis war längst gelüftet, am Dienstag aber wurde es nun offiziell: Sofian Chahed, 37, langjähriger Profi von Hertha BSC und zuletzt Übungsleiter der blau-weißen U16, übernimmt als Cheftrainer bei Turbine Potsdam. Neben der anspruchsvollen Aufgabe, das Brandenburger Frauenfußballteam zurück in die Spitzengruppe der Liga zu führen, soll er als hauptamtlicher Trainer auch in die Nachwuchsmannschaften hineinwirken, dabei helfen, eine neue Turbine-Vision zu entwickeln. Als „eine Weiterentwicklung für mich als Trainer“ bewertet Chahed diese Aufgabe. Vorgänger Matthias Rudolph konnte dieses Projekt nicht stemmen, weil er hauptamtlich Lehrer in Potsdam ist.

Dass mit Chahed nun jemand nach Potsdam kommt, den man vor allem mit seinem Wirken beim Hauptstadtklub in Verbindung bringt, passt zu der Neuausrichtung, die der Verein nun angeht, indem er mit Hertha BSC eine Kooperation über mindestens drei Jahre eingeht. Wenngleich Turbine Potsdams Präsident Rolf Kutzmutz betont: „Die Wahl für Sofian hat sich nicht durch die Kooperation ergeben, wir hatten mehrere Kandidaten und haben bei unserem ersten Treffen gleich gemerkt, dass es gut passt.“ Chahed hatte gar das Gefühl, sich für diesen Wechsel rechtfertigen zu müssen. Dieser Zeitung sagte er: „Ich habe stets mit offenen Karten gespielt und Hertha informiert.“

Chahed wird als Turbines neue Frontfigur jedenfalls sinnbildlich stehen für das neue Miteinander von Männer- und Frauenfußball über die Ländergrenze hinweg. „Mit unserer Zusammenarbeit möchten wir gemeinsam den Fußball in Berlin und Brandenburg stärken. Wir sind überzeugt davon, dass beide Klubs von dieser Kooperation profitieren werden“, lässt sich Herthas Präsident Werner Gegenbauer auf der Vereinsseite zitieren. Auf drei Jahre ist dieses Projekt zunächst ausgelegt. Aber es spricht Vieles dafür, dass diese Verbindung beiden Seiten auf lange Sicht guttut.

Das Interesse von Herthas aktueller Führungsriege für Mädchen- und Frauenfußball hielt sich bislang in Grenzen. Jürgen Franz, ehemaliger Trainer der Fußballerinnen des FC Lübars, gibt zu bedenken: „Hertha hätte auch schon vor fünf Jahren in die Offensive gehen können, als den Frauen des FC Lübars als Zweitligameister das Geld ausging. Damals hätte sich Hertha in der Hauptstadt profilieren können, selbst etwas bewegen, wir hatten ja lauter Nationalspielerinnen im Team.“

Vermutlich gab der neue DFB-Präsident Fritz Keller den entscheidenden Impuls, als er im Oktober äußerte: „Ich erwarte von jedem Bundesligisten, dass sie mit gutem Beispiel vorangehen und auch in den Frauenfußball investieren.“ Das lässt jedenfalls Trainerikone Bernd Schröder durchblicken, der Turbine zwischen 1971 und 2016 trainierte, und maßgeblich daran beteiligt war, dass die Kooperation mit Hertha zustande kam. „Mit Werner Gegenbauer bin ich schon seit längerem in Gesprächen und ich habe ihn häufiger nach Potsdam eingeladen, damit er sich mal eine Meisterschale leihen kann“, scherzt der 77-Jährige. Um das Image eines weltoffenen Hauptstadtklubs zu pflegen, beziehungsweise weiterzuentwickeln, war es nun an der Zeit.

Inzwischen gehört es zum guten Ton, dass ein Spitzenklub auch in eine Frauenmannschaft investiert. Beste Beispiele sind der FC Arsenal, Paris St. Germain oder Olympique Lyon, das zuletzt viermal in Serie die Women’s Champions League gewonnen hat. Hierzulande haben sich in den vergangenen Jahren der FC Bayern München oder der VfL Wolfsburg besonders hervorgetan, reine Fußballvereine wie der FFC Frankfurt und eben Turbine konnten da nicht mithalten. Nachdem sich die Hessinnen unter die Obhut der Eintracht begeben haben, musste Turbine nachziehen.

„Natürlich ist es unser Anspruch, das Topniveau der Liga mitzubestimmen“, sagt Präsident Kutzmutz. Eine Rückkehr in die Champions League ist das große Ziel für das kommende Jahr, in dem der Verein seinen 50. Geburtstag feiert. „Aber es war uns wichtig, eigenständig zu bleiben und den Namen zu behalten.“

Wie nun genau die Kooperation  ausgestaltet sein wird, steht noch nicht im Detail fest. Neben einer finanziellen Zuwendung, die Hertha kaum spüren wird, „können wir vor allem im medizinischen und logistischen Bereich profitieren“, sagt Kutzmutz. Während sich Herthas Profi bei Beschwerden von vereinseigenen Physiotherapeuten durchkneten lassen, müssen sich die Potsdamer Betreuer aufteilen zwischen der Arbeit mit der Mannschaft und dem Job in einer Praxis.

Hertha kann neben einem Imagegewinn insofern gewinnen, dass sich die Einflusssphäre weiter in Richtung Südwesten verschiebt. Aufgrund eines aufstrebenden Klubs aus Leipzig und einem mittlerweile in der Liga etablierten Stadtrivalen Union braucht es mehr Mühe, um sich die Gunst von Fans aus der Region zu sichern.

Und nicht zuletzt hofft Turbine darauf, dass die gesteigerte Aufmerksamkeit hilft, dass künftig der eine oder andere Zuschauer mehr im Karl-Liebknecht-Stadion vorbeischaut. Dass Turbine weiterhin für attraktiven Fußball steht, liegt in den Händen des ehemaligen Bundesligaprofis Chahed.