Triathlet Jan Frodeno befindet sich derzeit in Girona.
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Gerade erst hat Jan Frodeno auf seinen sozialen Kanälen das Bild einer jungen Frau eingestellt, deren besorgter Blick nicht viel Gutes verheißt. „Das ist Ane, einer der nettesten Seelen und seit einem guten Jahr Teil unseres Teams“, teilt der Ironman-Weltmeister. Die Spanierin kümmerte sich an seinem Wohnsitz in Girona um die Betreuung der Kinder als „zentraler Teils unseres Puzzles“, schreibt Frodeno. Jetzt habe sie entschieden, aufgrund der Corona-Pandemie in ihren ursprünglichen Beruf als Krankenschwester zurückzugehen. Vorher aber rief sie ihn an, ob er nicht wüsste, woher sie noch eine Schutzmaske bekommen könnte – die Krankenhäuser in Katalonien hätten keine mehr. Die Quintessenz lautet auch für den dreifachen Hawaii-Champion längst: „Es gibt gerade Wichtigeres als den Sport.“ Nie war ein Ironman so weit weg wie jetzt.

In Spanien fallen die Einschränkungen seit mehr als einer Woche noch viel drastischer aus als derzeit in Deutschland: Es gilt der „Corona-Lockdown“: Keiner darf raus, außer zum Arzt, Apotheker, um einkaufen oder mit dem Hund Gassi zu gehen.  Nicht mal Joggen oder Radfahren sind noch erlaubt – und die Kontrollen verschonen selbst die Topsportler nicht. Für einen wie den kontaktfreudigen Frodeno, der oft genug zugegeben hat, dass die körperlichen Grenzerfahrungen und das hereinprasselnde Lob auch Lebenselixier waren, stellt die Abstinenz von Training und Wettkämpfen eine neue Erfahrung dar.

Serie

 Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen. 

Denn die Schinderei bestimmte seinen Tagesrhythmus: In seinem Buch „Eine Frage der Leidenschaft“ beschreibt er detailliert, wie er im Normalfall seinen modellierten Körper schindet: In einer Woche summiert sich sein Pensum auf 25 Kilometer Schwimmen, 600 Kilometer Radfahren und bis 110 Kilometer Laufen. Dazu kamen Krafttraining und Physiotherapie. All das findet nicht mehr annähernd in den gewohnten Umfängen statt. Aber es gibt Wege, Leidensgenossen aus der gefühlten Isolation zu befreien.

#FrodissimoFriday

Denn dem Herrscher über die Langdistanz aus 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42 Kilometer Laufen folgen allein auf Instagram annähernd 400.000 Personen. Damit lässt sich doch etwas Verbindendes auf die Beine stellen, dachte sich der 38-Jährige kürzlich. „Verrückte Zeit. Das Coronavirus ist in jedem Kopf. Warum nicht zusammen etwas Positives tun? Aber lass es uns sicher machen!“ rief er aus. Mittels der Plattform Zwift, eine Indoor-Radfahr-App, ist der „#FrodissimoFriday“ entstanden. Vergangenen Freitag strampelten bereits 2000 Ausdauerenthusiasten für 90 Minuten mit.

An der frischen Luft geht selbst beim stärksten Eisenmann so gut wie gar nichts mehr. „Ich war vergangene Woche genau einmal unterwegs. Das Training kommt zu kurz, viel zu kurz, aber es ist momentan eine Nebensächlichkeit und immunologisch vernünftig, sich nicht an der Grenze zu bewegen“, schildert Frodeno seine Situation. Dabei hat er für sich festgestellt: „Es ist manchmal gar nicht so schlimm, nur zu Hause zu sein. Ich nutze die Zeit jetzt auch, um mit meinen Kids abzuhängen und meine Fähigkeiten auf dem Trampolin zu verbessern.“

Mit seiner Frau Emma, einer australischen Weltklasse-Triathletin, die unter ihrem Mädchennamen Snowsill einst wie Frodeno bei den Olympischen Spielen in Peking Gold gewann, lebt er inzwischen nicht mehr im historischen Zentrum, sondern in der Peripherie der 100.000-Einwohnerstadt Girona. Ein großzügiger Fitnessraum mit Rennrad auf der Rolle oder Laufband sind auf dem Anwesen vorhanden.  Manager Felix Rüdiger hat das Domizil erst vergangene Woche besucht, sich dann aber beeilen müssen, um noch einen Flieger aus Barcelona zurück nach Frankfurt zu bekommen.  „Da haben die Spanier schon angefangen, alles dicht zu machen, während die Leute bei uns noch überall im Straßencafé saßen“, erinnert sich der Begleiter und Freund, der mit Frodeno bereits seit 2006 zusammenarbeitet. Die beiden haben sich einst am Olympiastützpunkt Saarbrücken kennengelernt. Rüdiger sagt: „Sport ist wirklich gerade unwichtig. Wenn Jan nicht mehr trainieren kann, sind das Luxusprobleme.“

Keiner hat eine Strahlkraft wie Frodeno

Der Manager, genauso alt wie Frodeno, zählt als Vertrauensmann zu den wichtigsten Personen im Umfeld des 1,94-Meter-Hünen, der dem Triathlon hierzulande zu enormer Reichweite verholfen hat. Die Hawaii-Siege von Sebastian Kienle (2014) oder Patrick Lange (2017, 2018) waren zwar außerordentlich wertvoll, aber keiner reicht an die Strahlkraft des in Köln geborenen, aber in Südafrika aufgewachsenen Mannes heran. Mit einer Mischung aus Charme, Schlagfertigkeit und Ernsthaftigkeit ist seine mediale Tauglichkeit so hoch, dass sein Manager mittlerweile Fernseheinladungen ablehnen muss.

Der zähe Asket hatte am 12. Oktober vergangenen Jahres die Maßstäbe für eine der härtesten Ausdauerprüfungen der Welt verschoben. Mit seinen 7:51:13 Stunden pulverisierte er den Rekord inmitten der Vulkanasche. Nun stehen drei Hawaii-Triumphe (2015, 2016, 2019) und eben der Olympiasieg (2008) in seiner Vita. „Greatest all time“ taufte ihn die Triathlon-Szene. Frodeno entgegnet allen Zweiflern, die seine Leistung für übermenschlich halten, ausgesprochen offensiv. Er setzte sich mehrfach dafür ein, dass Dopingsündern keine zweite Chance eingeräumt wird, er hat Gesetzesinitiativen unterstützt, dass Doping zur Straftat wird und fand gut, dass sein Trainer Dan Lorang ankündigte, er würde seine eigenen Athleten verklagen, die Doping betrieben. „Das beschreibt gut unsere Mentalität.“ Die durch den US-Milliardär Michael Moritz mit zunehmend Einfluss und Finanzmitteln ausgestattete Professional Triathlon Organisation (PTO), die vielleicht sogar irgendwann selbst als Veranstalter aktive Triathlon-Gewerkschaft, unterstützt Frodeno insofern, dass er sich in das Antidoping-Gremium der PTO hat berufen lassen.

Ein meinungsstarker Charakterkopf kann da nur helfen. Am Sonntag kritisierte der Triathlet unverhohlen das Festhalten an den Olympischen Spielen. „Meiner Meinung nach ist es absolut untragbar, so eine Veranstaltung noch länger aufrecht zu erhalten. Ich finde das Verhalten von oberster Seite, vom IOC, dermaßen peinlich. Es ist sowas von nicht zu tragen", sagte er in der Sendung „Blickpunkt Sport“. Wann sich seine Spezi wieder wettkampfmäßig beim Schwimmen, Radfahren und Laufen messen können, ist völlig ungewiss.

Zukunft offen

Der Triathlon-Weltverband stellte vorerst alle Aktivitäten bis Ende April ein, die ersten Absagen von Ironman-Rennen wie in Südafrika werden aber nur der Anfang gewesen sein. Wie dann eine Qualifikation für den Ironman Hawaii aussehen soll, steht völlig in den Sternen. Konkurrent Lange regte eine Verschiebung auf Weihnachten an. Frodeno wollte im Sommer eigentlich bei der Konkurrenzserie Challenge in Roth starten. Der 5. Juli sollte der Tag sein, in dem er seine vor vier Jahren in der fränkischen Idylle selbst aufgestellte Bestmarke auf der Langdistanz (7:35:39) angreift.

Die traditionelle Triathlon-Hochburg hat mit gewaltigen Kraftanstrengungen für diesen Sommer alles verpflichtet, was Rang und Namen hat – die ersten Drei bei Männern und Frauen vom Hawaii-Podium. Stattliche Startgelder sind das eine Lockmittel, die besondere Atmosphäre das andere. Doch auch Frodeno ahnt, dass sich solche Planspiele bald erledigt haben könnten.  Dass er am 5. Juli inmitten der Menschenmassen am Solarer Berg hinaufstrampelt, erscheint schwer vorstellbar. Eher wird er wohl noch lange allein auf der Rolle schwitzen. Freitags strampeln dann vielleicht Abertausende auf der ganzen Welt im Heimtraining mit, weil „#FrodissimoFriday“ für Triathlonfans so wichtig geworden ist wie Fridays for Future für Klimaschützer.