Preiswürdig: Jan-Ove Waldner bei einer Sportgala in Stockholm. In Schweden ist er immer noch ein Star.

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StockholmDas erste Telefonat mit Jan-Ove Waldner, dem wohl besten Tischtennisspieler aller Zeiten, ist von kurzer Dauer. „Kannst du bitte morgen wieder anrufen?“, fragt der 54-Jährige Schwede. „Ich bin gerade auf dem Golfplatz und das dauert einige Stunden.“ Waldner hat Handicap 9, was ihn als starken Freizeit-Golfer ausweist.

Beim zweiten Anlauf nimmt er sich Zeit, der Olympiasieger im Einzel von 1992 in Barcelona, sechsmalige Welt- und zehnmalige Europameister. Der Rechtshänder gilt als derjenige Spieler, der als Europäer die mit Abstand meisten Duelle gegen die oft übermächtigen Chinesen gewann: Mit dem bärenstarken schwedischen Nationalteam etwa gewann er 1989, 1991 und 1993 den WM-Titel, auch zweimal im Einzel.   Seit dieser Ära zählen Waldner und seine ebenfalls lange Zeit äußerst erfolgreichen Teamkameraden Jörgen Persson und Mikael Appelgren zu den populärsten Sportlern in Schweden. Das ist bis heute so geblieben.

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Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen. Serie, Teil 34: Jan-Ove Waldner

Waldner ist beim Telefonat sehr freundlich und lacht viel. Ganz anders als zu seinen besten Zeiten als Profi. Da galt er als verschlossen gegenüber Journalisten. Sein Deutsch ist gut, immerhin spielte er auch mit einigen Unterbrechungen viele Jahre in der Bundesliga – war die Attraktion in Saarbrücken, Plüdershausen und Fulda. Er ist seit Jahrzehnten seinem deutschen Ausrüster aus Völklingen treu, der ihn schon 1993 als Markenbotschafter verpflichtete.

Waldner, der 2016 seine Karriere als Profi nach 36 Jahren bei einem Spiel seines Heimatvereins Spärvägens BTK gegen Helsingborg beendete, lebt in Stockholm. „Nicht weit vom Zentrum, in der Nähe der großen Globe-Arena“, erzählt er. 1971 war Spärvägens BTK in Stockholm der Verein, in dem der damals Sechsjährige seine ersten Bälle schlug. Parallel aber zeigte er Talent beim Fußball und Tennis. „Als Junge habe ich vielleicht sechs, sieben Pflichtspiele beim Fußball mitgemacht“, erzählt Waldner, „ich konnte eben alles, was mit Bällen zu tun hat, recht gut. Am besten aber Tischtennis.“

Im Oktober 1977, kurz nach seinem zwölften Geburtstag, debütierte Waldner in der ersten schwedischen Liga. Ein paar Wochen später gewann er dort das erste Einzel. Sein Gegner namens Dennis Pettersson unterlag einem Jungen, der nur 1,40 Meter groß war und fragte hernach: „Wie kann man gegen jemanden gewinnen, den man nicht sieht?“

Damals wurde Waldners Ruf als Wunderkind begründet. Doch er musste auch Rückschläge einstecken. 1980 spielte er als 15-Jähriger erstmals in China vor 12 000 Zuschauern bei den Shanghai-Open, verlor einige Partien, speicherte jedoch die raffinierten Techniken der Gegner, deren hammerharten Schmetterbälle und exklusiven Aufschläge. Er sagte: „Ich werde es denen zeigen und sie alle schlagen!“

Es dauerte einige Jahre, bis seine kühne Prognose Realität wurde. „Meine zwei Weltmeistertitel im Einzel und mit der Mannschaft 1989 in Dortmund sind mir neben meinem Olympiasieg 1992 die wichtigsten Siege“, sagt Waldner, der siebenmal das Europe Top-12-Turnier gewann. In der Dortmunder Westfalenhalle fegte Schweden in der Besetzung Jan-Ove Waldner, Jörgen Persson, Mikael Appelgren, Erik Lindh und Peter Karlsson die Chinesen im Finale beim 5:0 von den Tischen. Zuvor war der WM-Titel viermal in Serie an China gegangen.

Im Einzel-Endspiel waren Waldner und Persson, Freunde und ewige Rivalen, unter sich. Gegen den schlaksigen Persson führte Waldner mit 2:0-Sätzen, vergab im dritten Satz eine 20:19-Führung und Persson kam auf 2:2 heran. Den entscheidenden Durchgang gewann Waldner 21:10 und zeigte eine von ihm nur selten zuvor demonstrierte konsequente Spielweise. Meist spielte er nämlich seine Gegner regelrecht aus. Federleicht und scheinbar ohne großen Kraftaufwand hetzte er seine Konkurrenten hin und her, statt sie mit einem einzigen Schmetterball zu bezwingen. Waldner sagte einmal: „Ich bin ein Spieler. Wenn ich 18:7 führe und weiß, dass ich gewinne, spiele ich gerne fürs Publikum.“

Das Magazin Spiegel titulierte ihn als „Mozart des Tischtennis“. Ein Begriff, der sich weltweit durchsetzte. Als Waldner 1989 nach seinem Triumph gefragt wurde, was er von diesem kühnen Vergleich halte, sagte er trocken: „Wenn die das meinen, wird es schon stimmen.“

Carl Gustaf schaut zu

1992 bei Olympia in Barcelona hieß es, Waldner spiele Tischtennis von einem anderen Stern. Im Finale ließ er dem starken Franzosen Jean-Philipp Gatin beim 3:0 keine Chance. Unter den Zuschauern war Schwedens König Carl Gustaf. Der Triumph in Barcelona brachte dessen Land die erste Goldmedaille bei Olympischen Sommerspielen der Nachkriegszeit und machte Waldner endgültig zum Nationalhelden. Die Experten lobten seine Wechsel zwischen Tempospiel und Defensive, Unterschnitt,   Eleganz und die gefürchteten Aufschläge. „Die habe ich jeden Tag extra geübt, immer wieder“, sagt Waldner jetzt am Telefon.

1997 bei der WM in Manchester gewann er erneut den Titel im Einzel, blieb dabei in allen sieben Partien ohne Satzverlust und ließ im Endspiel dem Weißrussen Vladimir Samsonow beim 3:0 keine Chance. Damals gab auch Waldner zu: „Das war das beste Turnier, das ich jemals gespielt habe.“

Der coole Schwede genoss seine Popularität. Es heißt, bei zahlreichen Partys war er nie als Erster gegangen. Er wurde Stammgast in Spielcasinos, verzockte Preisgelder und besiegte erst nach langer Zeit diese Sucht. Sein sportliches Image blieb. In China ist Waldner sehr beliebt. Dass er ihre Besten oft düpierte, hat ihm Anerkennung eingebracht.

2004 durfte er sogar in Peking eine eigene Bar mit dem Namen „W“ eröffnen, die er vier Jahre betreiben ließ. 2013 widmete ihm die chinesische Post eine Briefmarke, das war bis dato keinem lebenden Ausländer vergönnt. Sie haben ihm den Ehrentitel Lao Wa verliehen: „Der immer blühende Baum“. Auch diesen Beinamen hat er vermarktet als Modelabel für Sportkleidung und Parfüm…

Warum ausgerechnet nur die Schweden einst den Chinesen Paroli bieten konnten, bis diese seit 2001 wieder ununterbrochen den Weltmeister in der Mannschaft wurden? „Wir haben damals attraktiveres Tischtennis gespielt als heute – mit mehr Raffinesse“, erklärt Waldner, „heute geht es nur mit ungeheuer viel Power. Wir hatten ein ganz starkes Team, passten gut zusammen und haben wirklich hart trainiert.“

Bis heute ist Waldner China eng verbunden. Als Geschäftsmann. Bekannte schwedische Firmen nutzen seinen Namen auf dem riesigen Markt: „Ich war 2019 zum letzten Mal in China. Das geht nun wegen der Coronakrise nicht. Das ist gerade eine schlimme Zeit für uns alle.“

Ab und an trifft er sich mit Jörgen Persson, der in Halmstad lebt und mit Mikael Appelgren, der Trainer in Stockholm ist. Dann lassen sie den Ball bei Showkämpfen oder Benefizspielen tanzen. Aber öfter findet man den Mozart des Tischtennis nun auf dem Golfplatz.

Lesen Sie in Teil 35: Jayne Torvill/Christopher Dean und der Boléro von Ravel