Bezaubernd: die britischen Eistänzer Jayne Toville und Christopher Dean 1994 bei Olympia in Lillehammer.
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BerlinSie war 19, er ein Jahr jünger, als sie zum ersten Mal zusammen gewannen. Auf der Siegerfoto der Sheffield Trophy 1976 hält Jayne Torvill einen großen Pokal in den Händen; sie ist altmodisch frisiert und sieht aus wie Mitte zwanzig. Christopher Dean blickt direkt in die Kamera, seine blonden Haare liegen ein wenig unordentlich am Kopf, doch der Rest sieht perfekt aus; gerade Haltung, 1a sitzende Fliege. Auf den ersten Blick ein nettes Paar, ein bisschen bieder vielleicht. Dean versah zu jener Zeit seinen Dienst als Streifenpolizist in Nottingham, Jayne arbeitete im Büro einer großen Versicherung.

Sie waren sich schon früh auf der Eisbahn in Nottingham begegnet, auf unterschiedlichen Wegen. Sie hatte es zunächst als Paarläuferin probiert, er hatte mit einer anderen Partnerin als Eistänzer begonnen, in beiden Fällen ohne dauerhaften Erfolg. Beim ersten gemeinsamen Probetraining deutete wenig bis nichts darauf hin, dass diese beiden so schüchternen jungen Menschen der Welt des Eiskunstlaufs ein paar Jahre später Geschenke von bleibendem Wert machen würden.

Seit 1976 war der Eistanz als vierte Disziplin des Eiskunstlaufs Teil des Olympischen Programms; es war die Zeit, in der der Parketttanz auf Kufen, bis dahin sehr aufrecht und sortiert vorgetragen, mit russischen Inspirationen frische Luft schöpfte. Die ersten Olympiasieger – Ljudmilla Pachomowa und Alexander Gorschkow, brachten Temperament ins Spiel, deren Erben Moisejewa/Minenkow und Linitschuk/Karponossow öffneten die Tür zum Zauberreich des Ballett, und dann begannen Jayne Torvill und Christopher Dean ihren gemeinsamen Weg. Zuerst angelehnt an die erfolgreiche britische Eistanz-Tradition unter der Leitung der erfahrenen Trainerin Betty Callaway noch in eher traditionellen Formen.

Serie

Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen. Serie, Teil 35: Jayne Torville/Christopher Dean

Doch Dean war längst klar, dass er mehr wollte als nur den besten Ravensburger Walzer zu tanzen. Dazu brauchte er mehr Zeit, und deshalb setzte er alles auf eine Karte. Im Sommer 1980, nach einer Saison, in der sie international auf sich aufmerksam gemacht hatten, quittierte er den Dienst bei der Polizei, auch Torvill kündigte, und Nottingham ließ sie nicht in der Kälte stehen.

Mit einem Zuschuss von 42 000 Pfund (damals umgerechnet rund 170 000 Mark) für die vier Jahre bis zu den Olympischen Winterspielen in Sarajevo und einem Zuschuss der Sporthilfe starteten die Tänzer in den zweiten Teil der Karriere. In einen Traum, dessen Formen zu großen Teilen in Deutschland entstanden, am Fuße des Nebelhorns im Leistungszentrum Oberstdorf mit seinen perfekten Trainingsbedingungen.

Jayne Torvill und Christopher Dean
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Ihren ersten internationalen Titel bei den Europameisterschaften 1981 in Innsbruck gewannen sie noch mit einem konventionellen Programm, doch mit diesem Titel als Pfand wagten sie sich ins Reich der Fantasie. 1982 präsentierten sie in goldglänzenden Kostümen ihre Interpretation des  Broadway-Musicals Mack and Mabel, die Geschichte einer stürmischen Affäre; Wange an Wange, mit fließenden Übergängen und nie zuvor gesehenen Figuren. Ob sie selbst auch ein Liebespaar waren?

Zu Beginn ihrer Partnerschaft hatte es wohl eine Phase gegeben, aber diese Phase war längst vorbei, als sie die ersten Medaillen gewannen. Aber dass die Frage bis heute in den Köpfen der Fans herumspukt, konnte man auch einer britischen Fernsehshow der Gegenwart entnehmen, als der Moderator der Gespräch mit der Frage eröffnete: „Habt ihr’s getan oder nicht?“ Und als alle wussten, was damit gemeint war. Sie blieben Freunde fürs Leben, soviel steht fest.

Im Jahr nach Mack und Mabel tanzten die Briten in der Kür zu Barnum on Ice, einem Musical über das Zirkusleben, für die sie monatelang mit Artisten und Jongleuren gearbeitet hatten. Die geplante Premiere bei den Europameisterschaften 1983 in Dortmund fiel aus, weil sich Torvill im Training verletzt hatte, aber ein paar Wochen später bei den Weltmeisterschaften in Helsinki war nicht mehr zu übersehen, dass sie die Welt des Eiskunstlaufs im Sturm erobert hatten.

Minutenlang waren Jayne Torvill und Chris Dean nach ihrer faszinierenden Kür in Helsinki minutenlang damit beschäftigt, Blumensträuße einzusammeln; die begeisterten Fans standen um die ganzen Eisfläche herum an der Bande, und das Eis war übersät mit Gebinden und kleinen Geschenken.  Betty Callaway, die in ihrem Training so viel Wert auf technische Perfektion gelegt hatte, auf kantenreines Laufen und Gleiten, wartete eine ganze Weile auf das Blumen sammelnde Paar. Als sie schließlich gefragt wurde, ob es denn für das olympische Jahr tatsächlich noch eine Steigerung geben könne, da lächelte die Lady und meine: „Keine Angst. In ihnen steckt so ungeheuer viel, wir wissen längst noch nicht alles.“

Zehn Monate später wusste man mehr. Bei den Europameisterschaften im Januar in Budapest präsentierten Jayne Torvill und Christopher Dean, die frühere Sekretärin und der anfangs so schüchterne Streifenpolizist, die Kür, mit der sie ein paar Wochen später bei den Olympischen Spielen in Sarajevo Gold gewinnen wollten – vier Minuten im dumpfen Dreivierteltakt von Maurice Ravels Bolero. Dabei verzichteten sie auf alles, was die Zuschauer in den Jahren zuvor bezaubert hatte; keine spielerische Leichtigkeit, keine Posen oder Pointen.

Vier Minuten lang floss eine Bewegung in die andere, griff eine Hand in die andere; sie umkreiste ihn, er wand sie um seinen Körper, und nach dem mächtigen dissonanten Schlussakkord lagen sie wie leblos auf dem Eis. Es war eine Kür, die sich die Freiheit nahm, unendlich anders zu sein und die damit Menschen erreichte, die vom Eistanz nicht den Hauch einer Ahnung hatten.

Natürlich gewann Torvill & Dean mit ihrem Bolero ein paar Wochen später in Sarajevo Gold; in der sogenannten B-Note für den künstlerischen Wert zogen alle Preisrichter die Sechskommanull, aber für die Faszination gab es weder Werte noch Grenzen.  Allein in Großbritannien saßen 24 Millionen Zuschauer vor den Fernsehschirmen. Ein paar Wochen später, nachdem sie in Ottawa/Kanada ihren vierten Weltmeistertitel gewonnen hatten, traten die britischen Tänzer nach drei wunderbaren Spielzeiten im Tanztheater zurück.

Es war nicht nur der Bolero, aber vor allem diese Kür, die wie ein edler Rahmen alle Erinnerungen zusammenhält. Dass sie zehn Jahre nach Sarajevo als reamateurisiertes Paar in Lillehammer noch mal bei Olympischen Spielen liefen, ist dagegen kaum mehr präsent. An einem eiskalten norwegischen Abend gewannen sie noch eine Medaille, aber es war Bronze und nicht Gold. Mit anderen, strengeren Regeln ist der Eistanz heute längst nicht mehr, was er mal war, die Freiheit steckt in einem Korsett. Doch in Christopher Deans Fantasie blühen immer noch Ideen. So wie jene, die in die Choreografie jener wundervollen Kür einflossen, mit der Aljona Savchenko und Bruno Massot 2018 bei den Spielen in Pyeongchang Gold im Paarlauf gewannen. Gehüllt in ein fliederfarbenes Kostüm, so wie einst Torvill & Dean beim berühmtesten Tanz der Geschichte des Eiskunstlaufs.

Lesen sie im nächsten Teil: Adrian Newey, der Tüftler und die roten Bullen.