Der Taucher von London: Jürgen Klinsmann erfindet bei Tottenham Hotspur den Diver.
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BerlinMan kann ja viel erzählen, kann versuchen zu erklären, wer da am kommenden Sonnabend im Berliner Olympiastadion auf der Trainerbank von Hertha BSC Platz nimmt. Wer bei dem Fußballbundesligisten jetzt erst mal sportlich das Sagen hat. Aber entspricht das auch der Realität? Wer ist Jürgen Klinsmann wirklich? Sechs Gegenstände und ein Faktencheck.

Weckle: Was in Berlin gefälligst Schrippe zu heißen hat, taugt nur bedingt als Beleg für die Behauptung, Jürgen Klinsmann habe etwas Anständiges gelernt. Vater Siegfried betrieb zwar in Stuttgart-Botnang eine Bäckerei. Auch ist von ihm das Angebot an seinen Sohn überliefert: „Bäcker kannst du bei mir machen, da kannst du zum Training gehen, wann du willst.“ Das Diplom ist angeblich auf Wunsch einsehbar. Wie viele Weckle aber Geselle Klinsmann fabrizierte, ist nicht dokumentiert. Hartnäckig hält sich die Behauptung, er habe ein WM-Weckle erfunden, das unter dem Namen Weltmeisterbrötchen 1990 für beinahe ebenso viel Furore sorgte wie der Titelgewinn damals. Der Hersteller lobte sich und die „Mohn-Sesam-Mischung“, die dem „Geschmack einen interessanten Akzent“ verleihe. Das WM-Weckle sieht nach Vollkorn aus, ist aber nur aus Weizenmehl. Was das über den Fußballprofi Klinsmann aussagt? Auf zum Tauchgang!

Vom Weckle lernen, heißt siegen lernen: In der Backstube der Klinsmanns in Botnang.
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Taucherbrille: Selten war sie so beliebt wie seinerzeit in England, als Klinsmann eine Erfindung zur Patentreife brachte. Als der Stürmer 1994 zu Tottenham Hotspur wechselte, ging in London die Kunde, er sei zuvor bei Inter Mailand und dem AS Monaco im Strafraum oft leichtfertig gefallen und habe so Elfmeter geschunden. Klinsmann sei ein Diver, Taucher, Schwalbenkönig, was die Schiedsrichter nun dazu bewogen haben mochte, berechtigte Elfmeter zu verwehren. Der Benachteiligte erfand daraufhin den Torjubel als Schwalbenflug über die Grasnarbe. Als Klinsmann dann noch mit einer Taucherbrille auf einer Pressekonferenz erschien, war sein Marketingcoup perfekt. Was das über den Verkäufer Jürgen Klinsmann aussagt? Ein wenig Zahlenmystik.

Trikot: Nach dieser Episode hat Jürgen Klinsmann noch ein paar Mal die Brille aufgehabt, sprichwörtlich, wobei er 1995 beim Einsteig in München noch glimpflich davonkam. Eigentlich hatte er die Rückennummer 9 haben wollen, doch die war beim FC Bayern durch Jean-Pierre Papin blockiert, Mist. Klinsmann verdoppelte den Zahlenwert und die Einnahmen durch Merchandising, so ungefähr jedenfalls. Dass die Trikotnummer 18 für Rechtsaußen stehe, ist eine Unterstellung politisch Gestriger. Klinsmann war Mittelstürmer, und zwar ein guter mit 110 Treffern in 221 Bundesligaspielen. Was das für Klinsmann bedeutet, dass sich alle 18 Jahre Sonnen- und Mondfinsternis abwechseln? Ein Griff in die ...

Entschuldigung nach einem Treffer

Tonne: Die Redensart vom Griff in ebendiese gab es schon vor 1997. Der Tritt in die Tonne dagegen könnte Klinsmanns vierte Erfindung sein nach dem WM-Weckle, des Fußballtauchgangs und der 18. Und das kam so: Am 10. Mai 1997 mühten sich die Bayern gegen den Tabellenletzten Freiburg 80 Minuten lang. Trainer Trapattoni wollte mehr Torgefahr, holte Klinsmann vom Platz, der prompt traf, per Fuß in eine Werbetonne. Doch er zeigte Reue: „Ich habe mich gleich in der Kabine bei ihm entschuldigt.“ Was das über die Lieblingsorte des Jürgen Klinsmann aussagt? Ein Blick in die Umkleide.

Wand: Anders als die Tonne in München nahm die Kabine im Dortmunder Stadion im Juni 2006 nur verbal Schaden. In der Halbzeit des WM-Gruppenspiels Deutschland-Polen hielt Teamchef Klinsmann die berühmteste Ansprache der Fußballgeschichte. Sie führte mutmaßlich zum 1:0-Sieg durch ein Tor von Oliver Neuville. Kernsatz des Monologs: „Sie stehen mit dem Rücken zur Wand und wir knallen sie durch die Wand hindurch.“ Was alles passieren kann, wenn jemand durchknallt? Zurück nach München.

Neue Sitten beim FC Bayern: Uli Hoeneß schreitet eine Reihe von Buddha-Figuren ab.
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Gipsfigur: Der Pfad zum Nirwana besteht in Erkenntnis und Gesinnung, richtigem Handeln, Leben, Anstrengung, in Achtsamkeit und Sammlung. Darauf ist nicht Klinsmann gekommen, sondern Buddha. Weil er sich aber dachte, dass Anstrengung und Achtsamkeit helfen, also Klinsmann, nicht Buddha, hat er zum Start als Bayern-Trainer 2008 Buddha-Figuren über das Münchner Klubgelände verteilt. An Anstrengung mangelte es fortan nicht, aber an Sammlung, von Toren nämlich. Der FC Bayern scheiterte jeweils im Viertelfinale der Champions League und des DFB-Pokals. Im April 2009 sammelte der FC Ruhmreich allen Mut zusammen und stellte Klinsmann frei. Was das für Hertha BSC bedeutet? Abwarten. Es wird ja gerade viel erzählt.