Sitzt jetzt allein zu Hause in Mailand und wird vom Teammanager versorgt: Linus Weber.
Imago Images

MailandDer Volleyballer Linus Weber sitzt seit Mittwoch allein in seinem Appartement im Mailänder Stadtteil Villapizzone. Sein italienischer Erstligaverein Powervolleys Milano hat der Mannschaft zwei Wochen Quarantäne verordnet, nachdem Teammitglieder bei der Challenge-Cup-Partie gegen den estnischen Klub VC Saaremma Kontakt zu Personen hatten, die mit dem Coronavirus infiziert waren.  Wie geht es dem 20-Jährigen? 

„Ein bisschen kränkel ich schon“, sagt Linus Weber am Telefon. „Gestern Abend hatte ich leichtes Fieber.“ Ob ihn der Coronavirus erwischt hat, weiß er nicht. Es ist durchaus möglich in der norditalienischen Metropole. Die Lombardei gilt als eines der Epizentren des Virus in Europa.

Praxen, Kliniken und Labore sind überlastet

Der Diagonalangreifer ist eines der größten Volleyballtalente Deutschlands. 2017 gewann er mit der Nationalmannschaft die Silbermedaille bei der EM. Vorige Saison wurde er mit den Berlin Volleys Deutscher Meister, unterstützte mit seinem Doppelspielrecht das Nachwuchsteam des VC Olympia und machte in Berlin-Hohenschönhausen sein Abitur. Er schlief unruhig zuletzt. Die Zentralheizung in seinem Wohnblock war ausgefallen, ihm war kalt. „Es könnte auch eine normale Grippe sein“, sagt er. Aber da Arztpraxen, Kliniken und Labore in Mailand derzeit völlig überlastet sind, seien Tests auf Covid-19 nicht möglich.

Mit den Powervolleys Milano hätte er am Sonntag vor einer Woche in der SuperLega gegen Pallavolo Padua antreten sollen. Tabellenfünfter gegen Siebter. Die Spieler warteten umgezogen und aufgewärmt in der Kabine auf ihre Präsentation. In der Zwischenzeit hatten Ordner bei einigen Zuschauern mit den Thermoscannern erhöhte Temperaturen gemessen. Die Partie wurde abgesagt.

Handschuhe und Masken vom Klub

Die SuperLega hat die Saison unterbrochen. „Im April soll es weitergehen, Spiele ohne Zuschauer. Es hängt eine Menge Geld dran“, sagt Linus Weber. „Es ist schade, dass die Italiener nicht ganz so entscheidungsfreudig sind wie die deutsche Liga. Denn es ist für uns alle schwierig, hier festgehalten zu werden.“

Ein Teamkollege von Linus Weber wohnt nebenan, aber sie sehen sich nicht. Auch der serbische Mittelblocker Aleksandar Okolic, der zwei Jahre lang in Berlin spielte und mit den BR Volleys 2017 und 2018 Deutscher Meister wurde, gehört zum 14-Mann-Kader. Die Spieler bekamen Handschuhe und Masken von ihrem Klub. Teammanager Romano fährt ihre Appartements ab, um die Volleyballer mit Lebensmitteln zu versorgen. Linus Weber hat gerade Obst und Gemüse bestellt, „Vitamine, die beim Gesundwerden helfen“.

Telfonate mit der Familie

Er weiß, dass zwei weitere Volleyballer aus dem Team Fieber bekamen. Die Spieler kommunizieren per Whatsapp-Gruppe, schicken sich Informationen „oder Bilder, wie jeder allein auf dem Sofa sitzt“. Manche halten sich mit Kraft- und Dehnübungen fit, andere chatten live mit Fans.  

Linus Weber verbringt die Zeit mit Lesen. Er widmet sich dem BWL-Studium an der Fernuni Hagen und versucht, sein Italienisch voranzubringen. Seine Mutti in Gera sei in Sorge, sagt der Volleyballer. Mit den Eltern telefoniert er zweimal täglich, mit seiner Freundin, den Großeltern, Freunden: „Es ist gut, in so einer Zeit mehr Nähe zur Familie zu haben.“

"Das ist eine erschreckende Situation"

Schon in den Wochen vor der Quarantäne erlebte der Nationalspieler bei seiner ersten Auslandsstation als Profi ein menschenleeres, gespenstisches Mailand.  Ab 18 Uhr gilt die Ausgangssperre. Nur Supermärkte und Apotheken haben geöffnet: „Das ist schon ein markantes Bild, eine erschreckende Situation.“

Italien ist eine Volleyball-Nation. Im Land des olympischen Silbermedaillengewinners von 2016 haben sich die SuperLega-Spieler in der Initiative  „#Uniti nella partita più importante“ (Vereint im wichtigsten Spiel) zusammengeschlossen und eine Spendenplattform gegründet, auf der sie sich symbolisch mit High Five grüßen. Die Spenden sollen an den Zivilschutz gehen, denn solange ihre Fans nicht die Spieler unterstützen können, solle ihre Unterstützung den wahren Champions, Ärzten und Krankenpflegern gelten.  

Die Solidarität in Italien ist groß, auch unter den Volleyballern. Derzeit ist Milano das einzige Super-Lega-Team in Quarantäne. Diese Woche will die Liga über  den weiteren Saisonablauf entscheiden. Die Spieler der Powervolleys wollen Klarheit. Sie würden gern so bald als möglich heim zu ihren Familien, „aber erst, wenn ich für meine Großeltern kein Risiko mehr darstelle“, sagt Linus Weber.