Gelöste Stimmung: Mohamed Salah trainiert vor drei Wochen mit dem Teamkollegen des FC Liverpool.
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LiverpoolWie bedeutend ein Sportler ist, lässt sich auch daran erkennen, wer sich so alles mit ihm befasst. Liverpools Stürmer Mohamed Salah, von Fans, vielen Medien und Trainer Jürgen Klopp nur Mo genannt, ist längst nicht mehr nur ein Thema für die Sportpresse. Das Time Magazine hat ihn im vergangenen Jahr geadelt, als es ihn auf die berühmte Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt setzte, zusammen mit Figuren wie Donald Trump, Greta Thunberg, Mark Zuckerberg oder Taylor Swift.

Auch für die Wissenschaft ist Salah interessant. Die Stanford University in Kalifornien fand im vorigen Jahr heraus, dass sich die Zahl der Hass-Verbrechen gegen Muslime in Merseyside, dem Raum Liverpool, seit der Ankunft des ägyptischen Angreifers im Juni 2017 um fast 20 Prozent verringert hätte. Islam-feindliche Äußerungen von Liverpool-Fans in Sozialen Medien hätten um mehr als die Hälfte abgenommen.

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Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen.

Der 27 Jahre alte Salah ist eine Ikone für den Anhang des FC Liverpool, für die Menschen in seinem Heimatland und für die gesamte muslimische Welt. Er ist das, was man im modernen Sprachgebrauch als Influencer bezeichnet. Seine Bühne ist der Fußballplatz. Nach jedem seiner Tore geht er auf die Knie und bewegt den Kopf zum Rasen. Fast sieht es aus, als würde er den Boden küssen. Diese Stellung wird Sudschud genannt und ist die Gebetshaltung der Muslime. Er nimmt sie oft ein, denn er schießt viele Tore. Mit seinen Treffern hat er entscheidenden Anteil daran, dass Klopps Mannschaft zwei Mal nacheinander das Finale der Champions League erreichte, es 2019 auch gewann und bis zur Pause wegen der Corona-Pandemie auf dem Weg zur ersten Meisterschaft in England seit 30 Jahren war.

Mohamed Salah und die Rekorde

Es kommt selten vor, dass ein Fußballer in so kurzer Zeit so viele Rekorde bricht mit seinen Toren. Unter anderem wurde Salah in seiner Debüt-Saison in Liverpool 2017/2018 Torschützenkönig mit 32 Treffern, so viele Tore waren vorher noch keinem Profi in einer Kampagne mit 38 Spieltagen gelungen. Außerdem schoss kein Liverpool-Spieler in seiner ersten Saison für den Klub so viele Tore wie Salah. Gerade wurde er zum ersten Spieler an der Anfield Road seit Michael Owen zwischen 2001 und 2003, dem in drei aufeinanderfolgenden Spielzeiten mindestens 20 Tore gelangen.

Und das, obwohl er kein Mittelstürmer ist, nicht auf der klassischen Torjäger-Position spielt. Salah hat sein Einsatzgebiet auf dem rechten Flügel und zieht von dort ins Zentrum. Sein Spiel zeichnet sich durch rasendes Tempo und eine betörende Eleganz aus, mit der er sich am Gegner vorbei windet. „Mo Salah, you little dancer!“, brüllt der ehemalige Liverpool-Profi und heutige TV-Kommentator Jamie Carragher bei Treffern des Ägypters ins Mikrofon.

Wenn der Ball gerade nicht in der Nähe ist, joggt der Angreifer mit hängenden Schultern über den Platz, die Ärmel seines Trikots verdecken einen Teil seiner Hände. Er sieht dann aus wie ein schüchterner Schuljunge. Und tatsächlich gilt Salah als zurückhaltend und frei von Allüren. Der Comedian und Liverpool-Fan John Oliver schrieb 2019 im Time Magazine: „Mo ist eine ikonische Figur für Ägypter, Scouser und Muslime auf der ganzen Welt. Trotzdem kommt er als bescheidener, nachdenklicher und lustiger Mensch rüber, der das alles nicht zu ernst nimmt.“ Salah sucht nicht die Öffentlichkeit, wenn er es nicht für nötig hält. Nach Spielen ist es in der Regel Zeitverschwendung, in der Interview-Zone auf ihn zu warten.

Symbolträchtig: Mohamed Salah feiert einen Torferfolg in der für ihn typischen Pose.
Foto: Imago Images

Der Stürmer hat einen langen Weg zurückgelegt, aus seinem Heimatort Nagrig nördlich von Ägyptens Hauptstadt Kairo bis zu einem der bedeutendsten Sportler dieser Zeit. Einen langen Weg – nicht nur sprichwörtlich. Es gibt diese Geschichten, wie er als Jugendlicher die rund 150 Kilometer lange Strecke zum Training bei seinem ersten Profiverein El Mokawloon mit dem Bus fuhr. Stunden war er jeden Tag unterwegs. Wie viele genau, das ist Gegenstand abenteuerlicher Legenden. Drei Stunden pro Fahrt, sechs Stunden, zehn sogar. Fest steht, dass Salah einiges auf sich genommen hat für seinen Traum von der großen Karriere. „Für mich kam nichts einfach so – nichts Gutes kommt jemals einfach so“, sagte er mal dem Magazin GQ: „Wenn man nicht versucht, seine Ziele zu erreichen, dann wird man immer zu Hause bleiben.“

Salah wollte weg von zu Hause. Dass ihm das gelang, hatte auch mit einer Tragödie zu tun. Nach der Stadionkatastrophe von Port Said mit 74 Toten im Februar 2012 stellte die Liga in Ägypten den Spielbetrieb ein. Salah machte Freundschaftsspiele mit der U23 Ägyptens. In einer Partie gegen den FC Basel traf er in einer Halbzeit doppelt, der Klub verpflichtete Salah und gab ihm die Chance, sich in der Schweizer Liga zu zeigen – und im Europapokal zu zeigen.

Ein Wechsel zum FC Chelsea brachte keinen Erfolg. Salah konnte sich unter Trainer José Mourinho nicht durchsetzen und machte einen Schritt zurück, nach Italien. Beim AC Florenz und beim AS Rom kam seine Karriere in Schwung. Der Umzug nach Liverpool im Juni 2017 war der Lohn dafür. Mit einer Ablösesumme von etwa 40 Millionen Euro war er damals der teuerste Einkauf der Vereinsgeschichte. Besonders hohe Erwartungen hatte das Umfeld trotzdem nicht an Salah. Mittlerweile muss er als eines der größten Schnäppchen im Weltfußball gelten.

Die bisher tragischste Nacht seiner Karriere erlebte er am Ende seiner ersten Saison bei den Reds. Im Champions-League-Finale in Kiew gegen Real Madrid sollte Salah auf internationaler Bühne zu einem ganz Großen aufsteigen. Doch es wurde zum Trauma. Nach einem Foul von Sergio Ramos musste Salah nach einer halben Stunde mit einer Schulterverletzung und unter Tränen ausgewechselt werden. Liverpool verlor 1:3 nach dem doppelten Patzer von Torwart Loris Karius. Ramos wurde zum Staatsfeind, in Merseyside und in Ägypten.

Ein paar Monate zuvor hatte Salah sein Land erstmals seit 28 Jahren zu einer Weltmeisterschaft geschossen, mit einem Elfmeter in der Nachspielzeit gegen den Kongo. Beim Turnier in Russland verhinderte die lädierte Schulter seinen Einsatz im ersten Spiel gegen Uruguay. Danach erwiesen sich die Hoffnungen seiner fast 100 Millionen Landsleute als zu schwer, trotz seiner beiden Tore gegen Russland und Saudi-Arabien. Ägypten scheiterte in der Vorrunde.

Am meisten in Erinnerung blieb von Salah bei diesem Turnier ein Foto, das ihn mit dem tschetschenischen Machthaber Ramsan Kadyrow zeigte. Dieser nutzte die WM, um sich als großer Staatsmann zu inszenieren. Es war nicht das erste Mal, dass Salah im Mittelpunkt politischer Verwerfungen stand. Als er mit Basel 2013 in der Qualifikation zur Champions League auf Maccabi Tel Aviv traf, verweigerte er vor Anpfiff den üblichen Handschlag mit dem Gegner. Allerdings nutzt seinen Status auch positiv. So spricht er sich für die Gleichberechtigung von Frauen in der arabischen Welt aus.

Die Entschädigung für das Drama von Kiew gab es ein Jahr später in Madrid. Im Finale der Champions League traf Salah gegen Tottenham Hotspur früh per Elfmeter und leitete damit den 2:0-Erfolg ein. Es war Trainer Klopps Krönung in England, und es war Salahs Krönung. Dabei war er schon vorher ein König. „Mo Salah, running down the wing, the Egyptian king“ – dieser Gesang der Fans zur Melodie des Songs „Sit Down“ der Band James begleitet den Stürmer seit kurz nach seiner Ankunft in Liverpool. Er ist der Soundtrack zu seinem Aufstieg zur Ikone für die Menschen in Merseyside, in Ägypten und in der arabischen Welt.

Lesen Sie in Teil 17: Michele Mouton und die Emanzipation als Raserei.